Beitragvon Peter Gustav Bartschat » 28. Januar 2006, 12:59
Ich sehe durchaus den Unterschied zwischen Begriffen wie "Klassiker", "Bestseller" - man könnte noch die "Longseller" ergänzen - und "Kultspiel".
Ein "Kultfilm" zum Beispiel wird dadurch zum "Kultfilm", dass er eine zahlenmäßig meist geringe Gruppe von Zuschauern in besonderem Maße anspricht und von diesem immer wieder gesehen wird. Der Besuch wird dabei häufig geradezu zelebriert, und die Beschäftigung mit diesem Film geht über das pure Betrachten oft sehr weit hinaus.
Die Definition eines "Kultspiels" würde ich analog dazu treffen, also ein Spiel, dass eine zahlenmäßig geringe Gruppe in ganz besonderem Maße anspricht und bei den Mitgliedern dieser Gruppe zu über das Spielen hinausgehenden Aktivitäten führt.
In einigen Punkten sehe ich auf die Frage, welcher Film und Kultfilm und welches Spiel ein Kultspiel ist, aber eine wesentlich weiter gefasste Antwort. Ich denke, dass ein Film gleichzeitig ein Bestseller und ein Kultfilm sein kann, weil diese Begriffe ihn unter verschiedenen Kriterien betrachten (so, wie jemand auch gleichzeitig Katholik und Brillenträger sein kann). "Krieg der Sterne" scheint mir als Beispiel geeignet: Viele Leute haben ihn gesehen, für einige ist er zum Kernpunkt eines intensiv betriebenen Hobbys geworden.
Daniel_R schrieb:
> Ein Kultspiel wird demnach
> von den Besitzern übertrieben sorgfältig behandelt, weil sie
> es schätzen, aber nicht nur wegen des Inhaltes (Spielspass),
> sondern weil sie es auch nicht an jeder Strassenecke ersetzen
> können. Wäre dies der Fall, müsste man es nicht sorgfältig
> behandeln, klar?
Nein, das ist - mir jedenfalls - in dieser Konzentration auf die Motivation der schweren Ersetzbarkeit nicht klar.
Was genau den "Kultfaktor" bei einem Film oder Spiel auslösen kann, ist meiner Meinung nach nicht auf eine einfache, alles andere ausschließende Motivation zu reduzieren: So viele Fans es gibt, so viele Motivationen mag es auch geben.
Vermuten möchte ich, dass zum es zum Erreichen eines Kultstatus nötig ist, dass ein Film oder Spiel seine "Kultisten" emotional berührt. Rational nachvollziebare Gründe dürften dadurch weitestgehen ausgeschlossen sein. (Ich bezweifle, dass jemand sich 100 mal "The Rocky Horror Picture Show" ansieht, weil dort die beste Kameraarbeit und Set-Ausleuchtung der Filmgeschichte zu sehen wären.)
> Demnach fällt "Die Siedler von Catan" Standardausgabe sicher
> nicht in die Kategorie "Kult", sondern in "Bestseller" und
> aufgrund des langanhaltenden Erfolges unter "moderner
> Klassiker".
So sicher erscheint mir das nicht:
Wenn eine Gruppe von Leuten sich häufig zum "Siedeln" trifft, an einer Catan-Fan-Seite mitarbeitet, selbst Szenarien und Varianten bastelt und verbreitet, sich Pseudonyme catanischer Charaktere gibt, Treffen und Turniere organisiert - und was es an Aktivitäten sonst noch alles geben mag - dann denke ich, dass "Die Siedler von Catan" innerhalb dieser Gruppe sehr wohl den Status eines Kultspiels hat. Das bedeutet noch lange nicht, dass dieser Kult von der gesamten Menschheit geteilt oder auch nur verstanden werden müsste. (Und es bedeutet schon gar nicht, dass das Spiel gleichzeitig nicht auch in andere Kategorien fallen könnte: "Bestseller", "Brettspiel", "Aufbaustrategie", "Spiel in quadratischer Schachtel".)
> Nachvollziehbar weil beliebt, aber falsch im Sinne von Kult
> ist demnach "6 nimmt".
Es gibt da meiner Meinung nach kein "falsch", denn es gibt keine Instanz, die festlegen könnte, wie intensiv einen Menschen ein Spiel wie "6 nimmt" emotional berühren darf, und welche Konsequenzen er für sein Verhalten daraus zieht.
Mit einem lieben Gruß
Gustav