Beitragvon Roman Pelek » 3. Februar 2006, 01:27
Hi Gabi,
Gabi Goldschmidt schrieb:
> in einem Thread weiter unten wurde viel über Regelfragen und
> Regelverständnis geschrieben.
> Ich habe den Eindruck, einige Spieler haben die Erwartung,
> nach einmaligem Lesen muss man eine Regel verstanden haben
> und in der Lage sein, seinen Mitspielern den kompletten
> Inhalt referieren zu können, egal wie komplex das Spiel ist.
Ja, da besteht eine Diskrepanz zwischen dem eigenen Anspruch und der eigenen Opferbereitschaft. Ich kann den Mumpitz, dass die Caylus-Regel schlecht geschrieben sei, auch nimmer hören.
> Diese Erwartungshaltung habe ich bei einem komplexen Spiel
> eben so wenig, wie bei einem komplexen technischen Gerät.
> Eben so wenig wie ich die Anleitung zu meinem Videorecorder
> beim ersten Lesen komplett verstanden und behalten habe,
> genau so wenig kann ich das bei der Regel zu "Caylus" oder
> "Antiquity" sagen. Nehme ich dagegen die Bedienungsanleitung
> zu meinem Laminiergerät (mit 2 Knöpfen) , so verstehe ich sie
> beim ersten Durchlesen - ähnlich wie die Regel zu "Blokus"
> oder "Metro".
'tschuldige, aber bei dieser Analogie möchte ich Dir widersprechen: auch ein Videorecorder als Alltagsgerät für Massen hat nicht den verqueren Vorstellungen einiger Ingenieure von Knöpfchenvielfalt zu genügen, sondern muss intuitiv zu bedienen sein.
Ein Steve Jobs von Apple verdient sich mittlerweile - zu Recht, denn irgendwann, wenn er mal wieder einen Fehlgriff tut, wird man ihn erneut als Spinner verdammen und bei Apple rauswerfen (dann geht er vermutlich golfen, es sei ihm gegönnt für seinen Mut und Durchhaltevermögen) - einen goldenen Arsch an iPods, die einfach zu bedienen sind. Auch ein Satoru Iwata als Präsident von Nintendo hat kapiert, dass man Menschen nur erreicht, wenn man Produkte auf die Bedürfnisse der Zielgruppe und nicht auf die der hauseigenen Techniker hin optimiert.
Will sagen: Die Kunst liegt nie darin, dem Bestehenden etwas hinzuzufügen, sondern festzustellen, wo man etwas weglassen kannen, ohne dass die inhaltliche Substanz merklich darunter leidet. Und das geht erstaunlich oft, aber es erfordert manchmal ungeahnte Aufwände, die nach außen hin auf den ersten Blick niemand wahrnimmt (einfach ist einfach einfach, aber etwas einfach zu machen ist besch... kompliziert)
Deswegen ist es ja auch so ungemein verführerisch im Leben, Dinge zu unnötig verkomplizieren, um Leute glauben zu lassen, sie seien komplex. Nur im Verkauf funktioniert diese dummdreiste Masche zum Glück nicht immer, wenn auch meist - das aber auch nur, weil alle unisono behaupten: "Komplex geht nicht ohne kompliziert, Kinners". Dabei ist das häufig grober Unfug.
> Ich finde es völlig normal, dass ich mir die Regel zu einem
> komplexen Spiel allein in Ruhe durchlese, das Spiel für mich
> allein zur Probe spiele, die Regel noch einmal durchlese und
> dann beim 2. oder 3. Spiel feststelle, dass mir doch noch ein
> Fehler unterlaufen ist oder ich etwas vergessen habe.
Geht mir genauso, mit einer Ausnahme: alleine spiele ich maximal, wenn ich eigene Ideen ausprobieren möchte, bei denen ich die Befürchtung habe, die Geduld meiner Zeitgenossen zu überstrapazieren. Ich weiß nicht genau, woher es rührt (ist ein Psychiater anwesend? Falls ja, gleich vorab: ich zahle nicht den Studenlohn eines Woody Allen für die außenstehende Analyse meiner Neurosen ;-) ), aber das Solitärspielen marktreifer Spiele, um meine Spielegruppe vor Regelfehlern zu bewahren, gibt mir nix mehr. De nada, niente. Wobei: es kann gut sein, dass ich da einfach nur "versaut" (nein, nicht das, was manche denken; naja, als Mann das vielleicht auch von meiner Natur her, aber das steht hier zum Glück nicht zur Debatte) bin, da ich sowieso für mich genug über Spiele grüble.
> Aber das muss doch dann nicht an einer schlechten Regel
> liegen, sondern daran, dass ich kein fotografisches
> Gedächtnis habe.
Hm, wenn ich selbst eines hätte, hätte ich vermutlich auch auf die neuerliche Anschaffung eines digitalen Spiegelreflex-Lichtbildapparates verzichtet :-) Aber das hätte ich als Spielkind eh getan, wenn man meiner Frau berechtigten Glauben schenken mag... naja... Solange "Mann" spielt, stellt er nix Blöderes an, und das hat in dieser Welt ja bekanntlich auch sein Gutes, wenn man der holden Weiblichkeit zwischenzeitlich vertrauen mag :-D
> Zu Schulzeiten musste ich mir auch für ein 20-minütiges
> Referat die Texte mehrmals durchlesen, sie strukturieren und
> mir ein Konzept machen, wie ich alles sinnvoll wieder gebe.
> Warum nicht auch diesen Einsatz bei einer Spielregel zeigen?
Manchmal frage ich mich diesen Landen noch viel mehr: "Warum nicht diesen Einsatz mal im Job zeigen?", wenn ich mir rückblickend ansehe, welcher Verbal- sowie Gedankenmüll, häufig in Personalunion, mir in diverser Projektarbeit im vergangenen Jahrzehnt anheim gefallen ist.
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Roman