Beitragvon Marten Holst » 10. Februar 2006, 16:13
Moin,
es ist allerdings so, dass ein Spiel, in dem "Alkoholkonsum" positiv dargestellt wird - im Gegensatz zu peer bin ich hier auch der Meinung, dass die Darstellung eher positiv zu sehen wäre, trotz eingeschränkter Bewegungsweite. Das Spielziel ist, sich (bzw. seine Figuren) zu besaufen. Warum? Weil man sich eben besäuft. Einen wirklichen Grund gibt es nicht (im Spiel). Das ganze ist Bestandteil des Themenkomplexes "Alkoholkonsum ist normal, muss eben sein, gehört dazu" (peer steuerte da Erfahrungen bei, ich darf auch immer wieder diskutieren, warum ich, wenn ich mit dem Auto irgendwo aufschlage, eben im allgemeinen nicht "ein, zwei Bier darfst Du in jedem Fall" mitnehmen möchte). Es entstehen allgemeine Verhaltens- und Bewertungsmuster.
Kommt dadurch ein Kind auf die Idee, zu trinken? Also, es wird sicherlich nicht digital ein sonstiges Antialkoholkind nach der Schule erst einmal zum Bacardi-Cola zwitschern bringen, klar. Aber irgendwo wirken sich allgemeine Muster eben doch aus. Wo der Tropfen ist, der das Fass zum Überlaufen bringt, lässt sich nie genau festmachen. Eine direkte Kausalverbindung wird nie existieren, ebenso wenig, wie sich ein stabiles Kind durch Spielen von "Doom" (oder wie die aktuelle Version derartiger Spiele heißt) dazu bringen lässt, mit MPs in die Schule zu rennen. Ebenso wenig aber auch, wie das Rauchen von Zigaretten Lungenkrebs kausal direkt verursacht. Letzteres erhöht nur stark die Wahrscheinlichkeit bei ohnehin "vordisponierten".
Und es ist schon so, dass wenn ein Fass überläuft (um in der Metapher zu bleiben) es sicher so ist, dass die Familie, die jeden Morgen einen Becher hineingekippt hat, deutlich mehr Anteil hat, als ein dödeliges Kartenspiel, das einmal einen Teelöffel hinzukippte. Aber vielleicht wäre es ohne diesen Teelöffel dennoch nicht passiert. Spätestens jetzt allerdings bricht dieses Bild zusammen: Ein Fass läuft über oder nicht, und dann auch eher nur in dem Maße, in dem es "überfüllt" wurde. Menschen reagieren anders, einige eher wie ein berstender Staudamm. Obendrein sind die Auswirkungen eines Einzelereignisses nicht so digital. Ich denke aber dennoch, dass das permanente Argumentieren, andere Einflüsse seien aber schlimmer, einen nicht aus der Verantwortung zieht. Und ich denke, dass man sich solcher Zusammenhänge bewusst sein sollte, und sie auch argumentieren und ausdiskutieren können sollte. "totaler Quatsch" als Totschlagargument ist meines Erachtens hier ebendieses.
So viel zum Grundsätzlichen. Im konkreten Fall bin ich zwar der Meinung, dass FP eher "gefährdend" in irgendeine Richtung sein dürfte als Memoir '44 - eben aus meinem obigen Grund, dass das Thema klar "erreichbarer" ist. Dennoch denke ich nicht, dass es ein "böses" Spiel ist. Ich sehe es auch eher als "mit Klischees spielend" als diese fördernd oder verherrlichend (ebenso, wie "gute" Witze auch Klischees über Personengruppen ausnutzen können). Auch will ich mich nicht zum Moralapostel aufschwingen: als ich oben schrieb, keine Ahnung von "Doom" zu haben, hatte das nichts mit moralischen Bedenken zu tun, sondern damit, dass mir Spiele mit manueller Geschicklichkeit nicht liegen oder viel Spaß machen. Sonst hätte ich keine Probleme damit, solche Spiele zu spielen oder - in Dosen und unter Aufsicht - gegebenenfalls auch meinen Kindern zu gestatten (wenn sie denn reif genug sind). Ich bringe in meinen Kriegsstrategiespielen ja auch genug Leute um.
Dennoch bleibe ich dabei, dass man eben solche Fragen diskutieren können muss, um eben festzustellen, ob nicht irgendwann doch Grenzen überschritten werden, denn Grenzen sind sicher irgendwo. Und da nutzen eben die immer gleichen Totschlagargumente "Anderswo ist auch schlimm und kann was passieren" nichts. Oder der unpassende Autounfallvergleich, der eben einen Unfall mit einer nicht bedachten Folge an sich zielgerichteten Verhaltens gleichsetzt, was so auch nicht stimmt.
Tschüß
Marten