Beitragvon Jan Mirko Lüder » 30. Mai 2006, 08:56
Hallo Tim,
ja, du hast Recht, eines der komplexesten Brettspiele, die es überhaupt jemals gegeben hat, ist Go. Das finde ich auch ganz hervorragend, für mich hat es nur einen entscheidenden Fehler: Es macht mir nicht sonderlich viel Spaß. Höchstens vielleicht, wenn ich nach einer sehr spannenden Partie doch mit den letzten Zügen das Spiel für mich entscheiden konnte. Dummerweise fehlen mir aber für solche Triumpferlebnisse ganz einfach die Mitspieler, die Go freiwillig mit mir spielen würden. ;-)
Was die außerordentliche Komplexität von "Euphrat & Tigris" anbelangt, so möchte ich dir im Vergleich zu dem von dir genannten Spiel einige Faktoren benennen, die du für eine erfolgreiche Spielweise [b]zwingend[/b] berechnen musst:
[*] Da es eine ganze Reihe Plättchen im Spiel gibt, sollte man immer die gespielten Plättchen beobachten, um zumindest regelmäßig treffende Spekulationen über die Verteilung der im Spiel verbliebenen Plättchen anstellen zu können. Außerdem musst du im Auge behalten, mit welcher Wahrscheinlichkeit du selbst noch welche Plättchen erhältst.
[*] Bei Euphrat & Tigris gibt es gleich mehrere Mitspieler, die du gut einschätzen musst: Wann haben sie Angst vor dir? Wann kannst du ihnen die notwendige Prise Selbstüberschätzung "einverleiben" und so zum ultimativen Angriff antreiben? Welches ist die Spielphilosophie deiner Mitspieler? Ist es opportun, sich dieser zu beugen, oder erfolgversprechender, ihnen deine eigene aufzuzwingen?
[*] Mauerst du kompakt und spielst defensiv, was dein Spiel verlangsamt? Oder bist du offensiv und verbreitest mit wenigen Feldzügen Angst und Schrecken, die dich vor fatalen Kriegen bewahren könnten?
[*] Spekulierst du auf Bürgerkriege (innere konflikte) und hortest du rote Plättchen oder spielst du lieber mit ausgewogener Farbverteilung?
[*] Spielst du auf Schätze? (Diese Frage ist natürlich bereits beantwortet, da meist Schätze über Sieg und Niederlage entscheiden. ;-) ) Baust du trotzdem kompakt oder spekulierst du darauf, dass deine Mitspieler früh Katastrophen verschwenden und du später machtlose Feinde haben könntest?
[*] Wie verhältst du dich zu Monumenten? Selber bauen? Schmarotzen? Bei anderen vor einem Angriff bauen?
[*] (...)
Diese Liste könnte ich so noch eine Weile fortfahren, aber das möchte ich allen Mitlesenden ersparen. :-)) Der gewonnene logische Schluss aus einer gelungenen Kalkulation mit den genannten Faktoren ergibt: Ich muss meine Mitspieler gut einschätzen können, denn das ist für meinen Sieg unvermeidlich. Ich muss aber gleichzeitig auch verhindern, dass diese mich einschätzen können. Damit bleibt für mich nur die Möglichkeit, meine Strategien flexibel in Abhängigkeit von den Entscheidungen meiner Mitspieler zu entwickeln.
Für meinen Geschmack ist E&T tatsächlich komplexer als Go, weil es eine soziale Dimension in diesem Spiel gibt, die Interaktion auf einer Meta-Ebene bedingt und damit zugleich einen Bezug zur Realität herstellen kann. Diese komplexe Struktur, die meine Erlebniswelt im Moment des Spiels ganz erheblich beeinflusst empfinde ich als so überaus reizvoll und herausfordernd an diesem genialen Meisterwerk. :-)
Spielerische Grüße
ludosophicus aka Mirko
http://www.ludosophicus.de/