Beitragvon Reinhard Staupe » 28. Juni 2007, 11:26
Hallo Joel!
Grundsätzlich stimme ich zu, dass Neuauflagen nicht in zu großer Anzahl erscheinen sollten, denn in der Tat beweisen die Autoren Jahr für Jahr sehr nachdrücklich, dass es immer wieder tolle neue Ideen gibt.
Der Hauptgrund für eine Neuauflage (zumindest sollte er es sein) ist doch der, dass der Verlag von den überragenden inhaltlichen Qualitäten, also dem ursprünglichen Input des Autors, überzeugt ist und dass man dem Spiel eine wohlverdiente zweite Chance geben möchte, in neuem Gewand, mit womöglich anderem Thema, anderem Titel, anderer Schachtelgröße, anderer Illustration, anderem Material und nicht zuletzt mit anderem Endpreis. Es ist ja leider nun mal so, dass selbst wirklich herausragende Ideen häufig an irgendwelchen kleinen Details scheitern und nicht die Resonanz erhalten, sprich nicht die Verkaufszahlen erzielen, die sie verdienen.
Mal ein konkretes Beispiel. 1997 kam das wundervolle „Zum Kuckuck“ von Stefan Dorra bei FX Schmid auf den Markt. Für mich ist es eines der besten, ja genialsten Kartenspiele aller Zeiten. Trotz witziger Grafik war es schnell wieder vom Markt verschwunden. Vielleicht lag’s an der relativ großen FX-Schachtel, vielleicht auch daran, dass es letztlich nicht so ganz stimmig und eingängig war, dass man einen Kakadu zum Kuckuck machen muss, wenn man zu viele Kuckucksküken im Nest hat – man weiß es nicht ...
Das Spiel wurde dann bei den Berliner Spielkarten neu aufgelegt, in kleinerer Schachtel, niedrigerem Preis und mit anderem Titel und Thema: Land unter. Das neue Thema passte wesentlich besser zum Spielablauf und das Spiel kam auf die Auswahlliste. So weit so gut, aber das Optimum war noch immer nicht erreicht, denn so wirklich erstklassig war die neue Grafik nicht.
Schließlich und endlich hat das Spiel dann 2002 bei Amigo seine jetzige und damit wohl endgültige supersüße Einkleidung gefunden. Es passt alles, es verkauft sich, und hoffentlich bleibt es allezeit dort, wo es hingehört: in ganz vielen Verkaufsregalen!
Redaktionelle Verlagsarbeit heißt doch zuallererst, dass man nach guten Ideen Ausschau hält, seien sie nun alt oder taufrisch, dass man diese guten Ideen mit unendlich viel Zeit und Mühe und Kleinarbeit auf den Punkt bringt und Ihnen eine möglichst passende, ansprechende Einkleidung gibt. Und somit kann es doch nur positiv sein, für Autoren und Spieler gleichermaßen, wenn es eben nicht heißt „neu, neu und neu soll es sein“, sondern schlicht und einfach gut, oder möglichst noch besser als gut. In diesem Sinne sollte man Neuauflagen als Ausdruck beständigen Strebens nach Qualität auffassen. Es gelingt nicht immer, aber lohnenswert ist es allemal.
Viele Grüße,
Reinhard