Beitragvon Christian Hildenbrand » 26. Juli 2008, 18:51
Grüß Gott,
ich wollte mich in diese Diskussion ja eigentlich nicht einmischen, aber dieser Beitrag von Daniel hat mich einfach nur laut lachen lassen. Sorry wenn ich das mal so einfach auf den Punkt bringe: so einen Schmarrn habe ich lang nicht mehr gelesen. Hier ist ganz offensichtliche Unwissenheit zum Thema federführend in den Formulierungen gewesen.
Wir haben mit [i]Beppo der Bock[/i] ein Magnetspiel im Programm, das durch die Auszeichnung im letzten Jahr durchaus auch in einen Mittelpunkt gerückt wurde ... und das zu einer Zeit, in der die große Magnetaffäre um den amerikanischen Großverlag in der Presse war. Von dem her wurden wir oft mit der Problematik beim potentiellen Verschlucken konfrontiert und haben uns ausgiebig damit auseinander gesetzt bzw. auseinander setzen müssen.
Warum ein Kind etwas in den Mund nimmt und am Ende auch (ver)schluckt, ist wohl nicht so einfach festzustellen. Dass es nix mit dem Geschmack zu tun haben sollte, muss wohl jedem klar werden, der selbst mal Kind war und sich halbwegs an die Zeit zurückerinnern kann. Was wird da nicht alles in den Mund gesteckt, sei es aus Neugier, sei es aus Langeweile. Auch Mutproben sind sicherlich nicht ganz unwichtig, wenn sich Kinder gegenseitig zu solchen Aktionen anstiften. Hier und da wird es vielleicht nicht einmal gleich bewusst, dass es sich um einen mehr oder weniger starken Magneten bei dem Spielzeug handeln kann, weil er in einer Plastikummantelung steckt, die das Metall des Magneten nicht (deutlich) zeigt. Als Beispiel sei da nur diverses Konstruktionsspielzeug genannt, bei dem kleine Bauelemente durch Magnete gehalten zu einem großen Bauwerk zusammengefügt werden können (z.B. Essen: Halle 12, gleich am Haupteingang).
Es reicht zum Beispiel schon aus, wenn ein Kind oder ein junger Jugendlicher aus Langeweile beim Spielen auf solch einem Ding herumkaut. Wird er erschreckt (Tür geht überraschend auf, Schlag auf den Rücken) ist das Ding schnell geschluckt. Ich denke, das geht schneller, als man sich das auf den ersten Blick vorstellen mag.
Doch nun wollen wir mal ein klein wenig relativieren: Das Verschlucken eines einzelnen Magneten ist zunächst nicht schlimm. Denn ein Magnet braucht zum Ausleben seiner magnetischen Wirkung einen Partner, also entweder einen zweiten Magneten oder aber ein magnetisch wirkendes Metall. Im Beispiel unseres [i]Beppo der Bock[/i] wäre das die Metallkugel, die im Spiel ist. Treffen nun diese beiden Elemente (oder noch mehr - ich erinnere an Mutproben, die wohl auch zu dem tödlichen Zwischenfall in Nordamerika haben führen sollen) im Bauchraum, so kann es schnell zu schweren Verletzungen kommen, die eben auch einen tödlichen Ausgang haben können.
(wer das ganze medizinisch aufgedröselt haben will, kann sich gerne bei mir melden, denn wirklich schwer ist das nicht zu erklären)
Nun kann man das ganze aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten und Punkte finden, die vielleicht deutlich machen könnten, dass das ganze doch eigentlich viel heißer gekocht als nachher gegessen wird - zumindest aus Sicht der BRETTspielbranche. 2 hab ich einfach mal hier angeführt:
1. Es braucht mehrere Elemente, um die magnetische Wirkung in einer Beeinträchtigung des Körpers enden zu lassen.
Ja, das ist vollkommen richtig so (wie oben schon beschrieben). Und es gibt durchaus einige Spiele im Brettspielbereich, die dieses Kriterium in sich tragen und deswegen potentiell zu solchen Unglücken führen können.
2. Die Elemente müssen eine Größe haben, die auch verschluckbar sind.
Natürlich ist ein Spielplan nicht verschluckbar. Auch die Spielfigur zum Beispiel in [i]Fladderadatsch[/i] kann nur mit viel Mühe den Weg in den Magen eines Kindes finden. Doch auch bei Spielen, bei denen der Magnet scheinbar sicher in ein größeres Element eingebettet ist, kann es durchaus passieren, dass es produktionsbedingt zu einem Herausfallen kommen kann. Wir hatten selbst auch die Angst, dass dieses beim Spielplan von [i]Beppo der Bock[/i] passieren könnte und tatsächlich hatte ich auch einmal einen Spielplan in der Hand, in dem der Magnet fehlte. Wir sind aber heilfroh, dass wir keine Beschwerden in dieser Richtung bekamen, dass es sich bei dem einen Spielplan möglicherweise um einen wirklichen Einzelfall gehandelt haben kann. Doch das zeigte mir, dass es eben möglich ist und dass man es nicht außer Acht lassen darf, dass es passieren kann, dass sich ein Magnet auch aus seiner "sicheren" Umgebung löst.
Dennoch sind wir mit den Brettspielen wohl nur eine Randgruppe im Bezug auf diese ganze Magnetproblematik. Geht es doch in allererster Linie um Konstruktionsspielzeug, bei dem mit vielen Magneten gearbeitet wird und damit die Gefahr einfach mit am größten sein kann. Doch wenn man anfängt, Spielzeug zu betrachten, dann sind auch "unsere" Spiele nicht außen vor zu lassen, denn potentiell kann es auch mit diesen passieren, wenn auch um ein vielfaches unwahrscheinlicher. Ein Warnhinweis tut nicht weh, solange er nicht in 10 cm großen Buchstaben auf das Cover gedruckt werden muss.
Ganz wichtig in dem Zusammenhang: "Warnhinweis" heißt ja auch nicht, dass es sich um gefährliches Spielzeug handelt. Wird das Spielzeug seinem Zweck entsprechend verwendet, ist die "Gefahr" gleich Null. Nur kann man als Hersteller niemals ausschließen, dass es nur zu dem eigentlichen Zweck verwendet wird. Man kann nicht ausschließen, dass nicht mal jemand auf die Idee kommt, sich Komponenten des Spiels in den Mund zu stecken, um es zu essen oder auch nur darauf rumzukauen.
Der Warnhinweis ist damit eine Absicherung des Herstellers (bzw. des Invertriebbringers), der damit ganz klar sagt: unser Spielzeug ist unbedenklich, wenn der Benutzer damit nicht grob fahrlässig umgeht. Der Hersteller hält alle Normen ein, die von Gesetzesseite und damit (sollte man zumindest annehmen) von Experten festgelegt wurden, die für eine Unbedenklichkeit stehen. Der Hersteller von Spielzeug bringt damit im Normalfall kein Spielzeug auf den Markt, das eine Gefahr darstellt - denn würde es das, würde es nicht auf den Markt gebracht werden dürfen. Ich bin mir auch sicher, dass die Produkte, die zu den Problemen in den letzten Jahren führten, in erster Linie NICHT bedenklich waren, es aber durch Umstellung in der Produktion (z.B. neuer Lieferant von Farbe, die dann halt nicht mehr den Normen entsprach), schlechte Verarbeitung einer kleineren Serie oder ähnlich Mißständen zu den bekannten Problemen kam. So was kann schneller passieren, als ein Hersteller es mitbekommen muss.
Gar nichts, aber wirklich gar nichts hat die ganze Problematik des potentiellen Verschluckens mit der elterlichen Aufsichtspflicht zu tun. Danke Andreas, dass Du dieses schon angesprochen hast.
Ebenso empört bin ich in dem Zusammenhang mit der Aussage: "Der Niedergang einer Kultur lässt sich wohl am ehesten an deren Gesetzen messen, welche die Selbstverantwortung beschneiden." Dieser Satz mag weltpolitisch und gesellschaftlich sicherlich alles andere als falsch sein, doch in diesem Zusammenhang mit dem Warnhinweis auf potentielle Gefahren bei Magnetspielzeugen ist er einfach nur zusammenhangslos unsinnig. Es geht bei all diesen Warnhinweisen darum, dem Kunden, dem Benutzer, den Eltern klar zu machen, dass es potentielle Gefahrenquellen gibt, wenn das Produkt entsprechend verwendet wird - sei es absichtlich oder unabsichtlich (z.B. Verschlucken nach Herumkauen bei Erschrecken). Die Warnhinweise sichern ebenso den Hersteller in gewisser Weise ab, alles gemacht zu haben, um ein Produkt sicher für die zugedachte Verwendung gemacht zu haben. Natürlich kann man rufen, dass der klare Menschenverstand einem doch sagen müsste, dass man das Zeug nicht essen sollte (und das nicht nur, weil es nicht nach Bonbon oder Schokolade schmeckt). Doch die heutige Gesellschaft ist leider weit weg davon, dass man sich auf den klaren Menschenverstand in jeder Situation verlassen kann. Da muss man halt auf Plastikpistolen mit drauf schreiben, dass man die Gummigeschosse nicht ins Auge schießen soll, da muss bei Kinderschaukeln ein Höchstgewicht angegeben werden, damit kein schaukelndes Familienfoto geschossen wird. Und da muss auf Magnetspielzeug auch schon mal erwähnt werden, dass man die Dinger besser nicht schlucken sollte. Und damit das alle kapieren, kommt ein Zusatz hinzu, dass dieses schwerwiegende gesundheitliche Folgen bis hin zum Tod haben kann. Es ist schade, dass dieses heute notwendig ist, doch die nähere Vergangenheit zeigt, dass ein Hersteller oder Invertriebbringer hier und da mit der Dummheit einzelner Mitglieder der Gesellschaft - selbst(verständlich auch) in "zivilisierten" Bereichen dieser Erde - rechnen muss.
Und um noch mal den Bogen zu spannen zu der Niedergang der Kultur durch festgelegte Gesetze: hier ist der Niedergang eher darin zu finden, dass es genug Rechtsverdreher gibt, die bei ebenso geschickten Mandanten ein nettes Gesetz finden, das einen Hersteller in den Bankrott treiben kann, weil dieser eigentlich nix falsch gemacht hat, der Kunde (also der Mandant) aber seine eigene Blödheit nicht zugeben will. Ich erinnere nur an Warnhinweise wie "Das Tragen dieses Kostüms befähigt nicht zum Fliegen." als Aufdruck auf einem Superman-Kostüm für Kinder. Oder aber der Fall, bei dem ein Besitzer eines Wohnmobils den Hersteller verklagt, weil sein Auto bei eingeschaltetem Tempomat die Kurve nicht erkannt hat, während er hinten einen Kaffee gekocht hat. DAS ist der Niedergang der Kultur durch Gesetze.
Als letztes will ich den Interessierten mal noch einen Link geben, der etwas ausführlicher ist als der im Startposting:
http://gesundheit.nrw.de/content/e2804/e2419/e756
Vielleicht macht das hier und da etwas mehr klar als die kurze Zusammenfassung der Aussage, die sich in dem Link von Kudde befand.
Mit durchaus ernsten Grüßen,
Christian