Beitragvon Günter Cornett » 18. August 2008, 18:40
Ingo Althöfer schrieb:
>
> Hallo Günter,
>
> ich möchte nur relativ kurz auf einige Deiner Punkte
> eingehen.
>
>
> > ... hat imho gezeigt, dass das Spiel auch in der
> > Branche zu sehr als Ware gesehen wird, zu wenig
> > als Werk...
>
> Kultur ist immer auch Ware (gewesen), nicht nur
> im Spielebereich - aber besonders auffällig natürlich
> bei den Computerspielen.
Hallo Ingo,
jo, das ist mir klar. Hab ich auch nichts gegen.
Aber nur zu oft wird vernachlässigt, dass ein Spiel zunächst einmal Werk ist, bevor es Ware werden kann.
> > > Sehe ich nicht so pessimistisch. - und denke dabei
> > > an Spiele als ganzheitliche Objekte, mit
> > > * der Spielidee (besorgt vom Autor)
> >
> > ... nur darüber stolpere ich. Ich dachte, duSpielideen
> > zu besorgen'. In welchem Shop? :)
>
> "Besorgen" war keine gute Wortwahl von mir. Es war nicht
> im Sinn von "kaufen" gemeint, sondern im Sinn von
> "machen".
Ja, ist mir ebenfalls klar. Allerdings kommt es so rüber, als wäre der Anteil des Autors am Spiel sehr unbedeutend, so nach dem Motto, der Autor hat ne Idee, die der Verlag umsetzt.
Es passt zu der Darstellung von der Entwicklung des Spiels Wer war's (siehe Links in meinem obigen Beitrag): Zunächst reicht der Autor seine Idee beim Verlag ein, dann baut der Redakteur einen Prototyp und beginnt mit dem testen.
Also ich stelle mir das dann so vor (gemäß Beschreibung einer Spielentwicklung):
Clemens Türck sitzt an seinem Schreibtisch und wartet auf eine Idee. Einfallslos wie Redakteure eben so sind, fällt ihm nix ein. Clemens schaut ungeduldig aufs Telefon, klopft mit seinem Bleistift auf den Schreibtisch. Wie lange hat er ihn wohl noch, den Schreibtisch, den Bleistft, den Job? Wenn jetzt nicht einer anruft .... Doch dann klingeling, Reiner tätigt gerade einen seiner täglichen fünf Ravensburger-Telefonate.
Reiner: 'Ich hab da eine Idee'.
Clemens tut ganz gelangweilt: 'Ja, was denn? Bin gerade schwer beschäftigt.'
Reiner: 'Hast du Bedarf an einer Idee?'.
Clemens: 'Naja, deine hör ich mir schon mal.'
Reiner:' Du könntest mal was mit Elektronik machen.'
Clemens: 'Hm'.
Reiner: 'Und mit Sprache.'
Clemens: 'Joo...ja'.
Reiner: 'Ein paar Kinder, die Gegenstände im Zimmer suchen'
Clemens: 'Hört sich ganz brauchbar an'
Reiner: 'Und die kriegen dann Tipps von der elektronischen Stimme.'
Clemens: 'Ok, gekauft. Ich fang dann mal an, den Prototypen zu basteln und mach dann später weiter mit den Tests.'
Reiner: 'Brauchst du nicht mehr Infos?'
Clemens: 'Ne, danke, ist doch alles klar. Das Sekretariat schickt dir dann den Vertrag für die tolle Idee. Ruh dich erstmal aus.'
Und jetzt kann Clemens endlich loslegen mit der Spieleentwicklung, alles weitere ist ein Klacks, kommt von selber, bzw. macht die Technik-Abteilung. Nur die Idee hatte ihm gefehlt ...
Ein Blick ins Forum noch: Da gibt es ja immernoch Deppen, die glauben, das Gesellschaftsspiele von Spieleautoren entwickelt, getestet, gespielt werden, bevor die 'Idee' beim Verlag eingereicht wird. Regelwerk ist pfui und wenn man soetwas doch mal braucht, lässt man es sich vom Klapperstorch bringen, sagt der Stefan.
> > Es ist das eigentliche Spiel des Autors, das Regelwerk +
> > spielbarer Prototyp = die Rohfassung des später
> > (vielleicht) im Handel erhältlichen Spiels (das, was
> > ich unter einem Autorenspiel verstehe).
>
> Wobei das fertige (kaufbare) Spiel sehr weit vom
> Ursprungswerk des Autors weg sein kann.
Soweit wie das Geschenkpapier vom Geschenk. :)
> > > * weitere vergessene Aspekte ?!
> >
> > Die Gewichtung der verschiedenen Bestandteile. Auch
> > wenn ein Spiel oftmals wegen der Grafik gekauft wird,
> > ist die Arbeit des Autors das unverzichtbare
> > Kerneleement.
>
> Richtig.
>
> > Wird alles andere
> > ausgetauscht oder verändert, bleibt es noch das
> > selbe Spiel.
>
> Das SELBE bestimmt nicht, allerhöchstens das gleiche.
> Aber fuer mich ist es schon ein anderes Spiel,
> wenn Einbettung in ein Thema oder materielle Umsetzung
> deutlich anders sind.
Als Produkt ist es ein anderes Spiel,
als Werk ist es das selbe Spiel.
So wie man das selbe Lied singen oder auf diesem oder jenem Instrument spielen kann. Es ist das selbe Lied, auch wenn es sich ganz anders anhört.
Wird es auf CD gepresst, werden es unterschiedliche CDs und unterschiedliche Produkte sein. Das Lied bleibt das selbe - wie das Spiel.
> > > Insbesondere hat die Aussenwelt (inklusive eines
> > > Mannheimer Richters) ja wohl keine Probleme,
> > > Spielregel (und Grafik) als urheberrechts-relevant
> > > anzuerkennen.
> >
> > Doch, leider.
>
> Ich hatte mich unklar ausgedrückt. Man muss unterscheiden
> zwischen Spielregel und Regeltext (oder "Anleitungstext").
Das Regelwerk (bei dir 'Spielregel') ist der wesentliche gedankliche Inhalt des Regeltextes.
> Es kann viele verschiedene Regeltexte geben, die das
> gleiche Spiel beschreiben. Der Richter hatte sich auf
> Regeltexte bezogen - und da die urheberrechtliche Relevanz
> gesehen (wenn ihm auch Begriffe wie "Bratwurmeck"
> nicht zusagten).
>
> (Für Mathematiker: Es ist ein schweres Problem, zu
> entscheiden, ob zwei vorgelegte Regeltexte das gleiche
> Spiel beschreiben oder nicht. Wahrscheinlich ist das
> Problem sogar unentscheidbar (im Sinne von Gödel und Co).)
Auf solch einer Ebene diskutiert kann der selbe Regeltext unterschiedliche Spiele beschreiben, weil man ihn unterschiedlich auslegen kann.
> > Was machen wir denn aus den historischen Wurzeln?
>
> Noch nicht das bestmögliche. Ich träume aber davon,
> dass irgendwann (bald) alle internen Streitereien,
> Eifersüchteleien, Sticheleien in den Hintergrund treten
> und alle an einem Strang ziehen.
Tun wir doch, nur in verschiedene Richtungen. :)
Also ich träume davon, dass die inhaltliche Diskussion irgendwann mal die persönlichen Reibereien verdrängt.
Ist schwierig, ich sehe da aber schon einige Ansätze.
Aber gestritten werden sollte schon, um Inhalte, mit Argumenten.
> Vielleicht würde es dafür helfen, wenn Kräfte von aussen
> uns mit dem Rücken an die Wand drängen. Vielleicht
Da gibt es keinen Widerstand ...
> liesse sich solch etwas sogar provozieren, z.B., wenn im
> Oktober in Essen mehrere politisch vollkommen inkorrekte
> Spiele vorgestellt werden, denen man aber auch als
> Nichtspieler von aussen Kulturgehalt ansieht...
Interessanter Gedanke. Aber ich denke, Provokation um ihrer selbst willen, bringt es nicht. Politische Spiele allerdings, die inhaltlich provozieren ohne zwangsläufig politisch inkorrekt sein zu müssen, täten mit schon gefallen.
Gruß, Günter