Beitragvon Gustav der Bär » 2. November 2000, 09:46
Vielleicht führt die Überlegung zu Ordnung und Chaos im Universum uns doch etwas sehr weit weg von der Frage, ob eine bestimmte Zahlenkombination (die, wie du mir ja beipflichtest, genau so wahrscheinlich ist wie jede andere auch) Beweis genug für eine öffentliche Anklageerhebung im Internet ist - aber sehen wir sie uns doch etwas genauer an.
> Der Knackpunkt ist aber, dass es bei allen Vorgängen
> in der Natur viel mehr ungeordnete Zustände als
> geordnete gibt. Ein Glas das herunterfällt, wird
> sich mit grosser W-keit nicht in genau 100 Stücke
> gleicher Masse zerlegen - wengleich dies nicht
> unmöglich ist.
Ist es statthaft, einen Zerfall in 100 Stücke als "geordnet" zu bezeichnen, einen Zerfall in 97 Stücke aber als "ungeordnet"? Die 100 mit ihren beiden hübschen Nullen mag für uns ja nach mehr Ordnung aussehen als die krumme 97 - aber gibt es eine Kraft in der Natur, die danach strebt, als Zufallsergebnis nur krumme Zahlen zu erzeugen?
Sicherlich wirst du das genau so wenig glauben wie ich. Wir können also die Anzahl der Stücke, in die ein Glas zerfällt, auf jeden Fall als zufällig betrachten, egal, ob die Anzahl eine Primzahl ist, zwei Nullen hat oder durch 12 teilbar ist.
> Es gibt überwältigend viel mehr Möglichkeiten Zahlen
> ohne gemeinsamen Teiler zu ziehen, als mit.
Daran hege ich nicht den geringsten Zweifel - aber
es ist genau das, was ich an der Argumentation mit der Wahrscheinlichkeitsrechnung kritisiere: Das Argument baut nur darauf, dass eine bestimmte Kombination eine geringere Wahrscheinlichkeit hat als mehrere andere zusammengenommen. Ist das wirklich mehr als eine Binsenweisheit?
> Wenn Du in Dein Haus kommst und das Fenster ist
> kaputt und deine Stereoanlage verschwunden, dann
> kannst Du durchaus vermuten, dass ein Meteor die
> Scheibe eingeschlagen hat und anschliessend zusammen
> mit der Anlage quantenmechanisch weggetunnelt ist.
> Ist nicht unmöglich. Du könntest aber auch vermuten,
> dass ein Einbrecher im Haus war.
Solche Argumente weiss ich als alter Science Fiction-Fan besonders zu schätzen. Im Kern geht es natürlich nur darum, ein alltägliches Ereignis (einen Einbruchsdiebstahl) in Beziehung zu einem sensationellen (einem rein hypothetischen Bruch des Raum-Zeit-Kontinuums)zu setzen - vielleicht um dann geschickt dazu überzulenken, dass Minipulationen an Umfrageergebnissen alltäglich sind, Zufallsergebnisse aber sensationell?
Nun, ich habe schon erlebt, dass im deutschen und im niederländischen Zahlenlotto die selben Zahlen gezogen wurden, und ich habe erlebt, dass die Zahlen im deutschen Lotto genau ein Rechteck in der Mitte des Tippscheins ergaben - aber noch nie ist meine Unterhaltungselektronik durch ein Wurmloch entführt worden.
Das lässt mich auch seltsam anmutende Zufallsergebnisse für durchaus möglich halten. Und das lässt mich auch nach wie vor glauben, dass ein Ankläger Beweise vorlegen muss. Auf eine Weltanschauung, in der der Ankläger nach eigenem Gutdünken mit zweierlei Maß messen darf (wie weiter oben in dem Beispiel vom Fußballtrainer und dem Mafioso) mag ich mich nicht einlassen.
Liebe Grüße
Gustav der Bär