Beitragvon Roman Pelek » 11. Januar 2001, 00:11
Hi Peer,
>ich habe die Diskussion um San Marco und Mehrheitenspiele weiter unten
gelesen und muss einfach mal fragen:
Warum sollte man San Marco spielen? Oder Doge? (vom Kaufen ganz zu
schweigen)<
Für Doge gibt es einen Grund, den ich ähnlich wie Arne empfinde: es hat den netten Bietmechanismus von Morgenland, ohne dessen zig Spielelemente zu übernehmen. Während ich bei Morgenland das Spiel aufgrund der übermäßig vielen Möglichkeiten, die man einfach nicht in den Griff bekommen kann, bevor das Spiel vorbei ist, zu beliebig finde, so kann ich bei Doge mich auf's Bieten und die Taktik der "Berater" konzentrieren. Das ist zwar atmosphärisch dürftiger als Morgenland, dafür weiss ich, worauf ich hinspiele. Das ist mir bei Morgenland noch nicht klargeworden - die vielen Elemente und Atmosphäre laden zwar zum Spielen ein (=> Familienspiel), aber die Unbeherrschbarkeit (und die Anleitung!) haben mir's nach der dritten Partie verleidet. Mag sein, dass ich Unrecht habe - aber alleine die Anleitung hält mich davon ab, nochmal zu schauen, ob das Spiel mehr zu bieten hat (oder hat jemand eine neue Anleitung geschrieben?).
Zu San Marco kann ich zur Langzeitmotivation nicht viel sagen, da ich es erst heute angesichts des angemessenen Preises (47DM) spontan zwecks eigener Urteilsbildung erstanden habe und bisher nur zu zweit ausprobiert (sprich: jeder mit 2 Farben zum Regeln lernen). Ich finde jedoch, dass die Elemente der Brücken, Limitpunkte und der Mechanismus der Kartenverteilung einige neue, sehr interessante Ideen in diese Art von Spielen bringen - jedenfalls hat mir die Probepartie mehr Spass gemacht als z.B. "Wongar". Wenn sich über weitere Partien zeigen sollte, dass das Spiel ausgewogen und spannend bleibt, und nicht nur die anfängliche Neugier die erste Partie reizvoll machte, dann hat es seine Berechtigung. Entpuppt sich das Spiel als unbalanciert oder allzu gleichmacherisch (was evtl. der Kartenverteilmechanismus machen könnte), dann nicht. Zu glücksabhängig finde ich das Spiel jedoch nach dem Antesten nicht, da man die gezogenen Karten zum einen vorsortiert und dem anderen Spieler die Auswahl überlässt. Dann wäre auch El Grande zu glücksabhängig.
>Warum kaufe ich mir ein neues Spiel? Weil ich etwas vergleichbares noch
nicht habe oder weil das neue viel besser ist, als das Alte (z.B. bringt Pi mal
Daumen neuen Wind in das Quiz-Genre etc.)
Bei El Grande, Forum Romanum und Entdecker geht es jeweils um
Mehrheiten, trotzdem sind es alle eigenständige Spiele, die der Autor "von
der Pike an" entwickelt hat.
Bei Doge oder San Marco habe ich eher das Gefühl, den Autoren fiel einfach
ein neuer "interessanter" Mechanismus ein und bauen, nur für diesen
Mechanismus ein eigentlich schon bekanntes Spiel drumrum. Tut mir Leid,
aber dafür habe ich kein Verständnis! Und es ist ja leider auch keine neue
Entwicklung.<
Wenn man sich den Spielemarkt über längere Zeit anschaut, ist die Entwicklung neuer Ideen aber eher ein evolutionärer denn ein revolutionärer Prozess. Es werden IMMER wieder alte Mechanismen aufgegriffen und mit neuen garniert, daraus entstehen dann langsam Spiele, die sich dann ganz deutlich von denen unterscheiden, die man vor 10, 20 Jahren fand. Aber ein komplett neues Spiel fällt da nicht vom Himmel. Klassiker sind da eher Spiele, die eine bestimmte Grundidee zum erstenmal richtig gelungen mit Langzeitmotivation umsetzen als alles ganz neu erfinden.
>Z.B. Stichspiele: Mü liebe ich, Sticheln finde ich toll und ich spiele gern
Holzwurm oder David & Goliath. Aber warum ich nun auch noch Volltreffer,
Drahtseilakt und/oder Willi kaufen muss, weiss ich beim besten Willen nicht.
Ich will was eigenständiges und nicht den 1000sten Aufguss eines bekannten
Spieles/Themas! Für "interessante" Mechanismen gibt es Varianten - Gute
Spiele sollten etwas mehr zu bieten haben! Und das jetzt speziell San Marco
auch noch in Venedig spielt (wenn ich das richtig mitbekommen habe) ist der
Tropfen, der den heissen Stein zum überlaufen bringt! ;-)<
Da kannste die Schuld auf Randolph/Colovini & CoKG von der Venice Connection schieben. Moon ist der erste von aussen, der auch diese Stadt als Hintergrund für sein Spiel verwendet. Aber da kommen ja noch welche von Queen Games ;-) Aber Trends gibt es immer, z.B. waren um Mitte der 80er Agenten-/Krimispiele gross in Mode (Scotland Yard, Heimlich&Co., Inkognito...). Später gab's dann die "Rittermode" mit Löwenherz & Siedler... Und heuer zu Nürnberg gibt's gleich zwei Spiele zum Thema Odysseus, in Essen zwei "Online"-Spiele :)
>So. Ich habe nichts gegen die Autoren, aber als langjähriger Spieler, musste
ich mal meinem Ärger Luft machen!<
Aber als langjähriger Spieler wirst Du, sofern Du nicht eine mehrjährige Pause beim Spielekauf machst, nicht hingehen können und von heute auf morgen völlig neue Spiele erwarten können. Die, die Dir zu ähnlich erscheinen, musst Du ja wirklich nicht kaufen, und kannst warten, bis sich das Spielegenre noch weiterentwickelt und weiter entfernt hat von den Spielen, die Du besitzt oder kennst. Auch ich ärgere mich über den Kauf von Tikal, jetzt wo ich Java habe. Nur wusste ich vor zwei Jahren, dass Java kommt?
Jedenfalls, ums kurz zu machen: San Marco erscheint mir allen Unkenrufen zum Trotz ein schönes Spiel mit MEHREREN interessanten Neuerungen und einem m.E. nicht zu hohen Glücksfaktor zu sein. Wie gut es aber spielerisch ist, werden wir frühestens in einem halben Jahr wissen, wenn's ein paar mehrfach gespielt haben. Kannst ja solange mit dem Kauf warten, ich war ungeduldiger ;-) Aber auch ich meine, dass man locker auch als Thema Krokodilzüchten in den Everglades von Florida statt Vendig/Doge verwenden hätte können, das Spiel bliebe das gleiche. Keine Ahnung, was da der Verlag gemacht hat - mir deucht, es hängt auch VIEL am Verlag ("Ohoh, wir haben noch kein Venedig-Spiel" analog zu "Hilfe, wir brauchen auch ne Boygroup").
Ciao,
Roman