9. Februar 2001
Klarstellung des Vereins "Spiel des Jahres" zu Vorwürfen
im Zusammenhang mit den Rücktritten
1.
Der Verein "Spiel des Jahres" befindet sich derzeit in einem Reformprozess. Es gilt dabei, die historisch gewachsenen Strukturen zu analysieren und, wo nötig, zu optimieren. So untersucht eine im vergangenen Jahr eingesetzte Kommission, zu der auch die zurückgetretenen Mitglieder Michael Knopf und Edwin Ruschitzka gehörten, die gesamte Öffentlichkeitsarbeit inklusive Pressebetreuung, Auftritt an Veranstaltungen, Effizienz der eingesetzten Mittel. Als nächste Aufgabe steht die Überprüfung des Verhältnisses von "Spiel des Jahres" auf der einen und Deutschem Spielarchiv auf der anderen Seite an.
Mitten in diesem Prozess haben Michael Knopf, Andreas Mutschke und Edwin Ruschitzka das Handtuch geworfen und haben ihr Ausscheiden aus dem Verein "Spiel des Jahres" erklärt. Bisher war es ihnen nicht gelungen, eine Mehrheit des Vereins von ihren Vorstellungen zu überzeugen.
2.
Dass es während solchen Erneuerungsprozessen aufgrund von unterschiedlichen Auffassungen zu Konflikten kommt, halte ich für normal. Es gibt zwei Wege, diese zu lösen: Entweder über Mehrheitsentscheide, denen sich die Minderheit dann zu fügen hat (sofern sie nicht andere Konsequenzen zieht) oder aber über die dialogische Suche nach einem Konsens.
Ich ziehe den zweiten Weg vor. Voraussetzung aber für den Erfolg dieses Weges ist aber eine gemeinsame Basis, auf die sich die Gesprächspartner einigen. Sie besteht aus den folgenden drei Punkten:
a) der Verein "Spiel des Jahres" verfügt über historisch gewachsene Strukturen. Die Geschichte von "Spiel des Jahres" ist auch dank dieser Strukturen eine Erfolgsgeschichte. Der Preis ist heute unbestrittener denn je, sowohl in der Branche als auch beim Publikum. Wenn jetzt der Eindruck erweckt wird, "Spiel des Jahres" stehe auf wackligen Beinen, so ist das absolut falsch.
b) diese gewachsenen Strukturen sind im Verlauf des über zwanzigjährigen Bestehens von "Spiel des Jahres" behutsam mehrmals den gestiegenen Anforderungen und den wechselnden Bedürfnissen angepasst worden. Es ist in einem Reformprozess fahrlässig und gefährlich zugleich, erfolgreich funktionierende Strukturen und Arbeitsweisen von vornherein zerstören zu wollen, ohne dass taugliche Alternativen vorliegen, über deren Kosten und weitergehende Folgen nichts Näheres bekannt ist. Vielmehr gilt es, die bestehenden Strukturen im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten zu optimieren.
c) unabdingbar ist schliesslich, dass diese Reformdiskussionen kollegial und freundschaftlich geführt werden. Es ist eine alte Weisheit: Probleme auf der emotional-persönlichen Ebene stören die Suche nach Lösung der Sachprobleme.
3.
Der Konflikt in der Jury "Spiel des Jahres", der jetzt zum Ausscheiden von drei Kollegen geführt hat, drehte sich letztlich um diese gemeinsame Basis. Die Mehrheit des Vereins (acht Mitglieder) ist jedoch gewillt, auf dieser Grundlage den ständigen Reformprozess voranzutreiben und die nötigen Veränderungen in den Wege zu leiten, um die Unabhängigkeit des Preises "Spiel des Jahres" auch für die Zukunft zu sichern. Allerdings ist die Mehrheit der Auffassung, dass alle Alternativen durchgerechnet werden müssen, bevor man entscheiden kann. Ein normaler Vorgang, der mit Bremsen oder Verhindern nichts zu tun hat.
4.
In den verschiedenen persönlichen Stellungnahmen und Kommentaren wird der Eindruck erweckt, die heutigen Strukturen würden irgendwelchen Mauscheleien und unsauberen Machenschaften zwischen dem Verein "Spiel des Jahres" und dem Verein "Deutsches Spielearchiv" Vorschub leisten. Ich weise diese Vorwürfe in aller Form zurück.
Der Verein "Deutsches Spiele-Archiv" ist 1985 sozusagen als Arbeitsinstrument der Jury "Spiel des Jahres" gegründet worden. Beide Vereine haben das gleiche Ziel, nämlich die Förderung des Spiels in Familie und Gesellschaft. Vier von sieben Gründungsmitgliedern waren gleichzeitig Jury-Mitglieder. In den zurückliegenden 15 Jahren hat sich das enge Zusammenwirken beider Vereine und die daraus entstehenden Synergie-Effekte nach Ansicht der Mehrheit des Vereins "Spiel des Jahres" bewährt.
Das "Deutsche Spiele-Archiv e.V." gibt seine Dienstleistungen unentgeltlich bzw. gegen Kostenerstattung ab und schüttet als gemeinnütziger Verein keine Gewinne an die Mitglieder aus. In der Form eines Arbeitsarchivs hat hier Dr. Bernward Thole seinen gesamten Spielefundus, seine Bibliothek und weitere umfangreiche Archivalien unentgeltlich der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Im Rahmen eines Dienstleistungsvertrages erfüllt das Deutsche Spiele-Archiv ganzjährig die Funktion einer Geschäftsstelle mit Dienstleistungen für die Medien und für das breite Publikum. Hinzu kommen die Betreuung von Infoständen oder Spielflächen auf insgesamt neun Messen und Spielfesten, die Ausrichtung des Gala-Abends und der Pressekonferenz aus Anlass der Preisverleihung in Berlin und eine ganze Reihe weiterer Dienstleistungen, so die Durchführung eines zweitägigen Symposiums im Bonner "Haus der Geschichte" anlässlich des 20-jährigen Bestehens der Jury "Spiel des Jahres", die redaktionelle Betreuung des Jury-Taschenbuchs sowie die Entwicklung und Betreuung einer Wanderausstellung. Viele dieser Aktivitäten liefen ausserhalb des abgeschlossenen Dienstleistungsvertrages. Die dabei entstandenen eigenen Personalkosten wurden nicht zusätzlich in Rechnung gestellt, die Fremdkosten (Mieten, Druckkosten, Löhne für Fremdpersonal usw.) wurde ohne den bei Agenturen üblichen Aufschlag zur Anweisung gebracht.
Die angesprochenen hohen Summen hat also nicht das Archiv für seinen Betrieb erhalten, sondern für die Erfüllung der Aktivitäten und Aufträge des Vereins "Spiel des Jahres". Diese waren an den Mitgliederversammlungen von "Spiel des Jahres" im Rahmen der jährlichen Veranstaltung- und Finanzplanung beschlossen worden. Es bestand und besteht also Transparenz über die Verwendung der bewilligten Mittel.
Die Doppelmitgliedschaft in beiden Vereinen gab aus den erwähnten Gründen bisher noch nie Anlass zu zur Kritik. Sollten wir jedoch vereinsintern zum Schluss kommen, sie könnte nach aussen den Eindruck "unsauberer Verhältnisse" erwecken, müssten wir entsprechende Konsequenzen ziehen.
Nach aller Erfahrung aus früherer Zeit und aufgrund der von PR-Fachleuten geforderten Honoraren hätte die von den ausgeschiedenen Mitgliedern geforderte Agenturlösung bedeutet, dass erheblich weniger Aktivitäten mit einem erheblich höheren Preis zu bezahlen gewesen wären. Dies ist die einhellige Meinung der Mehrheit der Jury-Mitglieder. Anlässlich der Mitgliederversammlung in Nürnberg hat das Archiv im vergangenen Jahr eine detaillierte Kostenrechnung für alle seine Dienstleistungen vorgelegt. Es wäre ein Leichtes gewesen, innerhalb der vergangenen zwölf Monate eine ebenso detaillierte Kostenberechnung für die Dienstleistungen einer Agentur vorzulegen. Dies ist jedoch nicht erfolgt. Acht Jurymitglieder waren nicht bereit, eine erfolgreiche Arbeitsstruktur mit erwiesenen Synergieeffekten aufzugeben.
5.
Im Zusammenhang mit der Suche nach verbesserten Strukturen und eventuellen neuen Trägerschaften für das Deutsche Spiele-Archiv muss sicher auch das Modell einer Stiftung diskutiert werden. Bevor aber die Debatte noch richtig angelaufen ist, werden Ideen, die erst ansatzweise vorhanden sind, bereits niedergemäht. So kann doch keine echte Diskussion entstehen. Vor allem darf man nicht vergessen, dass Stiftungen immer einer strengen Kontrolle durch den Fiskus unterliegen. Die Heterogenität der Mitglieder ist die beste Gewährleistung einer Kontrolle bei der Zuteilung und beim Einsatz der Mittel. Es ist ganz einfach eine Frage der Gestaltung der Stiftungssatzung, die Neutralität der darunter arbeitenden Institutionen in jeglicher Hinsicht abzusichern.
6.
Wir bedauern, dass Mitglieder nach ihrem Ausscheiden aus dem Verein vertrauliche Zahlen und Interna an die Öffentlichkeit tragen. Wir halten das für schlechten Stil.
7.
Der Preis "Spiel des Jahres" ist nicht gefährdet. Der Verein wird das Verfahren 2001, das mit der Nürnberger Messe angelaufen ist, ebenso unabhängig, seriös und kompetent wie in den vergangenen 22 Jahren durchziehen. Denn wir sind uns bewusst, dass wir dem Publikum und den Verlagen gegenüber eine große Verantwortung haben. Wir werden sie auch wahrnehmen.
Dr. Synes Ernst
1. Vorsitzender „Spiel des Jahres"