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Wo ist die Jugend?

Das ehemalige spielbox-Spielerforum
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Arno C. Hofer
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Wo ist die Jugend?

Beitragvon Arno C. Hofer » 21. März 2001, 11:25

Deine Frage für das Forum hier ist hervorragend. Als Landes-Ludothekar der Steiermark - im öffentlichen Dienst, im Landesjugendreferat - ist es meine dienstliche Verpflichtung mich mit dieser Frage zu befassen. Denn schließlich lautete mein Dienstauftrag: "Schaffen sie mit der Ludothek eine positive Alternative zur Vereinsamung, zu den Automatenspielsalons und zur aufkeimenden "Jugend-Egozentrik". Nun, meine jetzt 15-jährigen Erfahrungen bei Ludovico sagen mir folgendes:
1. "Brettspielen" hört für die "Kids" dort auf, wo die Freundin/der Freund sagt: Spielen ist kindisch - also mit 10-12 Jahren. Da muß man die sg. "Jugend" zum Spielen abholen (meistens über Spielvormittage in der Schule, die zuerst mit "Gähn" und dann mit "Cool" bewertet werden...)
2. Zum Brettspiel braucht man PartnerInnen. Die Eltern dürfens in dem Alter nicht mehr sein - von denen will man sich ja lösen - "sich sein eigenes Schicksal machen". Außerdem ist man heute meist Einzelkind (oder die jüngeren Geschwister sind noch zu doof und die älteren "gehen schon weg"). Freundinnen und Freunde trifft man meist nur außer Haus und meistens in Gasthäusern, Diskos und ähnlichem, wo das "Spiel" aus mehreren Gründen (u.a. Spielverbote, Lautstärke, Konsumzwang) nicht funktioniert ... So Kartendecks sind da schnell einmal zwischendurch in der Tram gespielt ... Der PC (so vorhanden) ist ein geduldiger Kommunikationspartner, den "ich treten kann". Manche Adventures werden im "Jugendclub" aber auch schon im Teamwork erledigt ...
3. "Spielen" im herkömmlichen Sinn ist nicht verboten sondern von Eltern, Lehrern und sonstigen Pädagogen als Beschäftigungstherapie für rebellierende Jugendliche geradezu "hoffähig" ... O-Ton Kids: "Unsere Freiheit, das zu tun, was wir wollen, lassen wir uns nicht beschneiden! Wir wollen grausame, den Alten Angst machende Spiele, die zu verstehen man schon "Eingeweihter" sein muß. ("denen werden wir schon zeigen, wer wir sind!")
4. Spielregellesen ist "unsere" (der Kids) Sache nicht mehr - es muß alles schnell gehen (oder der "gamemaster" muß sich auskennen): und hier tritt die/der LudothekarIn in Aktion, erklärt die Spielregeln ... Noch eine Erfahrung: je grauslicher die Schachtel ausschaut, je ekelhafter das Thema, mit desto größerer Sicherheit greifen die 10 - 14 Jährigen danach (schließlich fehlt ihnen in ihrer Entwicklung das "Böse" - sie werden ja ständig zum "Guten und Anständigen" erzogen - oder komplett alleingelassen). Aber: "garstig sein" soll nur dazu anregen, sich mit ihr/ihm zu beschäftigen ...
5. Männer fehlen als Bezugspersonen fast total. Sowohl in der Familie, wie im KiGa, in der Schule, etc. "Und mit Frauen spielen ...und womöglich auch noch gegen sie verlieren?)Als Ludothekar spüre ich bei jeder Veranstaltung, wie dankbar "die Kids" sind, einmal mit einem Mann spielen zu können.
6. Ludotheken sind "pädagogisch vordefinierte Räume" - da gehen "Kids" von selbst nicht gern hin. Wenn es allerdings vorgelagert ein "Spiele-Cafe" gibt, in dem man vom PC-Spiel bis zum Brettspiel alles findet und trotzdem keinen Konsumzwang hat - aber gescheite LudothekarInnen, dann ...
und 7. unsre Hauptklientel in der Landes-Ludothek sind Studenten. Deren Partys werden zunehmend zu Spiele-Abenden. Einmal befragt antwortete eine Studentin: Spät aber doch habe ich den hohen Wert erkannt, den "Spiele" besitzen. PC-games haben mich nur nervöser, ungeduldiger gemacht - bis ich dann die entspannende Wirkung der Brettspiele entdeckt habe. Und übrigens: als Kind habe ich nicht gespielt ...
Ich mache mir keine Sorgen über den SpielerInnen-Nachwuchs: irgendwann packts viele - und "Spielkultur" war immer "Erwachsenenkultur" und ist erst spät, sehr spät in die Pädagogik eingeflossen. Trotzdem ist es glaube ich wichtg, auch die "Kids" fürs Spielen zu gewinnen. Allein schon deshalb, weil wir Erwachsenen dann auch kommunikativen Zugang zu ihnen finden können. Ihre Erfahrungen müssen sie aber, wie wir dereinst auch - schon selbst machen.
Arno C. Hofer

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Roman Pelek

re: Wo ist die Jugend?

Beitragvon Roman Pelek » 21. März 2001, 11:57

Hi Arno,
ich kann Deine Ausführungen aus meinem eigenen Werdegang (und dem meiner Bekannten udd Freunde) nur bestätigen. Mit 12-18 hat man eben wichtigeres, "erwachseneres" und cooleres zu tun als Brettspiele zu spielen. Da gibt es soviel anderes zu entdecken und es gilt, sich abzugrenzen und möglichst wenig zu tun, was die ältere oder jüngere Generation auch machen. Man will ja nicht kindisch sein oder mit "alten Säcken" rumhängen.
Mit Anfang, Mitte 20 entdeckt man dann, dass es auch nicht unbedingt so spannend oder gesundheitsfördernd ist, jeden Tag bis in die Nacht auf Parties oder Kneipentouren zu verbringen oder sonstwelchen coolen Trends und Moden hinterherzuhecheln. Die einen verschlägt's dann (neben gewachsenen Hobbies/Sport) sonst häufiger nach Hause vor den Fernseher oder PC, die anderen entdecken dann auch mal das Spielen jenseits von Partyquiz & Pokemon wieder (meist durch einen Zufall oder Spieleabend). Auch ich musste erst mal wieder entdecken, dass es noch mehr als Siedler & Tabu oder solchen Granaten a la "Nilpferd im Neunergleis" gibt :)
Sorgen um den Nachwuchs mache ich mir nicht, solange das Spielen so präsent ist, dass die evtl. Interessierten auch mal zufällig drüberstolpern. Aber da gibt's ja nun auch im Netz einiges, und mir hat auch der Katalog von Adam Spielt viel geholfen, da er nicht so bewanderten auch schöne Spielbeschreibungen in die Hand legt. Insofern bestelle oder leihe ich jedem potentiell Interessierten erstmal diesen Katalog - da kann man nämlich erstmal stöbern und muss nicht verschreckt ob der Fülle der Spiele ratlos in den nächsten Laden stolpern, ohne den Verkäufern klarmachen zu können, an was man interessiert ist.
Leider muss ich sagen, dass es sonst recht wenig gibt, wo man mal aktuelle Spiele "auf einen Blick" hat, was man Interessierten noch "aufs Auge drücken" konnte, sowas fehlt vielleicht auch im Internet noch (Luding hilft ja meist nur bei schon konkreten Vorstellungen, nicht beim ziellosen Stöbern). Das Forum hier hilft zwar auch, erfordert bei absoluten Neulingen aber auch intensiveres Lesen, um auf interessante Spiele zu stossen (natürlich neben den unbestrittenen Qualitäten, hier Regelfragen zu klären oder konkret nach Spielen fragen zu können).
Ciao,
Roman (der seinen Adam-Katalog gleich 2 Tage nach Erhalt wieder verliehen hat)


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