Deine Frage für das Forum hier ist hervorragend. Als Landes-Ludothekar der Steiermark - im öffentlichen Dienst, im Landesjugendreferat - ist es meine dienstliche Verpflichtung mich mit dieser Frage zu befassen. Denn schließlich lautete mein Dienstauftrag: "Schaffen sie mit der Ludothek eine positive Alternative zur Vereinsamung, zu den Automatenspielsalons und zur aufkeimenden "Jugend-Egozentrik". Nun, meine jetzt 15-jährigen Erfahrungen bei Ludovico sagen mir folgendes:
1. "Brettspielen" hört für die "Kids" dort auf, wo die Freundin/der Freund sagt: Spielen ist kindisch - also mit 10-12 Jahren. Da muß man die sg. "Jugend" zum Spielen abholen (meistens über Spielvormittage in der Schule, die zuerst mit "Gähn" und dann mit "Cool" bewertet werden...)
2. Zum Brettspiel braucht man PartnerInnen. Die Eltern dürfens in dem Alter nicht mehr sein - von denen will man sich ja lösen - "sich sein eigenes Schicksal machen". Außerdem ist man heute meist Einzelkind (oder die jüngeren Geschwister sind noch zu doof und die älteren "gehen schon weg"). Freundinnen und Freunde trifft man meist nur außer Haus und meistens in Gasthäusern, Diskos und ähnlichem, wo das "Spiel" aus mehreren Gründen (u.a. Spielverbote, Lautstärke, Konsumzwang) nicht funktioniert ... So Kartendecks sind da schnell einmal zwischendurch in der Tram gespielt ... Der PC (so vorhanden) ist ein geduldiger Kommunikationspartner, den "ich treten kann". Manche Adventures werden im "Jugendclub" aber auch schon im Teamwork erledigt ...
3. "Spielen" im herkömmlichen Sinn ist nicht verboten sondern von Eltern, Lehrern und sonstigen Pädagogen als Beschäftigungstherapie für rebellierende Jugendliche geradezu "hoffähig" ... O-Ton Kids: "Unsere Freiheit, das zu tun, was wir wollen, lassen wir uns nicht beschneiden! Wir wollen grausame, den Alten Angst machende Spiele, die zu verstehen man schon "Eingeweihter" sein muß. ("denen werden wir schon zeigen, wer wir sind!")
4. Spielregellesen ist "unsere" (der Kids) Sache nicht mehr - es muß alles schnell gehen (oder der "gamemaster" muß sich auskennen): und hier tritt die/der LudothekarIn in Aktion, erklärt die Spielregeln ... Noch eine Erfahrung: je grauslicher die Schachtel ausschaut, je ekelhafter das Thema, mit desto größerer Sicherheit greifen die 10 - 14 Jährigen danach (schließlich fehlt ihnen in ihrer Entwicklung das "Böse" - sie werden ja ständig zum "Guten und Anständigen" erzogen - oder komplett alleingelassen). Aber: "garstig sein" soll nur dazu anregen, sich mit ihr/ihm zu beschäftigen ...
5. Männer fehlen als Bezugspersonen fast total. Sowohl in der Familie, wie im KiGa, in der Schule, etc. "Und mit Frauen spielen ...und womöglich auch noch gegen sie verlieren?)Als Ludothekar spüre ich bei jeder Veranstaltung, wie dankbar "die Kids" sind, einmal mit einem Mann spielen zu können.
6. Ludotheken sind "pädagogisch vordefinierte Räume" - da gehen "Kids" von selbst nicht gern hin. Wenn es allerdings vorgelagert ein "Spiele-Cafe" gibt, in dem man vom PC-Spiel bis zum Brettspiel alles findet und trotzdem keinen Konsumzwang hat - aber gescheite LudothekarInnen, dann ...
und 7. unsre Hauptklientel in der Landes-Ludothek sind Studenten. Deren Partys werden zunehmend zu Spiele-Abenden. Einmal befragt antwortete eine Studentin: Spät aber doch habe ich den hohen Wert erkannt, den "Spiele" besitzen. PC-games haben mich nur nervöser, ungeduldiger gemacht - bis ich dann die entspannende Wirkung der Brettspiele entdeckt habe. Und übrigens: als Kind habe ich nicht gespielt ...
Ich mache mir keine Sorgen über den SpielerInnen-Nachwuchs: irgendwann packts viele - und "Spielkultur" war immer "Erwachsenenkultur" und ist erst spät, sehr spät in die Pädagogik eingeflossen. Trotzdem ist es glaube ich wichtg, auch die "Kids" fürs Spielen zu gewinnen. Allein schon deshalb, weil wir Erwachsenen dann auch kommunikativen Zugang zu ihnen finden können. Ihre Erfahrungen müssen sie aber, wie wir dereinst auch - schon selbst machen.
Arno C. Hofer