Beitragvon Adam » 7. April 2001, 11:16
Wirtschaften ist das Aufbringen geistiger oder materieller Resourcen um die Lücke zwischen knappen Gütern und den prinzipiell unbegrenzten, menschlichen Bedürfnissen zu vermindern.
Alle Spiele enthalten knappe Güter. Sei es durch begrenztes Spielmaterial oder durch Einschränkung der Entscheidungsmöglichkeiten durch die Regeln (wie packt man die Welt in eine Schachtel?). Aber auch hier sind die Bedürfnisse der Spieler unbegrenzt. Zur Verdeutlichung stelle man sich eine Siedler-Kartenhand mit 21 Rohstoffen vor, (fast) sicher kann man davon ausgehen, daß sich nicht alle Tausch-, Bau- und Kaufwünsche realisieren lassen.
In diesem Sinn sind ALLE Spiele gleichzeitig Wirtschaftsspiele.
Das kann natürlich nicht gemeint sein. Eine sehr enge Interpretation geht davon aus, daß einige besonders typische Elemente des realen Wirtschaftsleben, sprich Geld oder Aktien, auch im Spiel auftauchen müssen. Ich meine aber, daß diese Definition zu kurz greift.
Man könnte einem Schachspiel einen Packen Geldscheine beilegen. Bei jedem Schlagzug wird ein Betrag ausgezahlt. Bei Bauern weniger, bei Offizieren mehr. Oder bei Mau-Mau (Skat, Romme, etc.) kann man jeden Kartenwert identifizieren mit einer Firma/Aktie/Geldbetrag. Werden Schach und die anderen dadurch zu Wirtschaftsspielen? Wohl kaum.
Meiner Meinung nach muß für ein Wirtschaftsspiel die Möglichkeit hinzukommen, die Güter aus eigenem Besitz zum Erwerb weiterer Mittel einsetzen (ausgeben) zu können, sprich Investieren/Kaufen/Tauschen.
In diesem Sinne sind auch Siedler, Bohnanza und Capitol Wirtschaftsspiele. Siedler durch das (wilde) Tauschen, Bohnanza durch Tauschen, Bohnentaler und die Kaufmöglichkeit des 3. Bohnenfeldes, Capitol durch Einsatz von Bausteine-, Baurechtskarten (u.a.) zur Leistungserstellung. Die Zusatzbedingung Geld oder Aktien zu enthalten läßt aus dieser Folge noch Bohnanza übrig.
Was hat das alles nun mit Union Pacific zu tun? Nun, das Geld kann man nicht ausgeben. Es dient nur zur Bestimmung des Siegers, also ein Spielstandsanzeiger wie man ihn auch durch eine Kramerleiste realisieren könnte (Siegessäule bei Capitol; Spielstandsanzeiger sollte mal in eigenem Thread diskutiert werden). Auch den Rest der Spielelemente (Aktien, Lokomotiven, Schienenrechte) kann man nicht handeln. Die Aktien sind auch nicht einzeln mit einem Wert versehen, sondern dienen nur zur Feststellung von Haupt- und Zweitaktionär (es ist egal ob man 11 oder 20 UP-Aktien hat). Das könnte man auch durch andere Spielelemente verwirklichen, z.B. Türmchenhöhen wie bei Java.
Daher ist Union Pacific KEIN Wirtschaftsspiel.
Anders Acquire. Hier fließt das Geld rein und raus, Aktien können gekauft, gehalten oder verkauft werden. Aktien kommen neben der Bestimmung von Haupt- und Zweitaktionär (wie bei UP) auch ein eigener Geldwert zu. So kann man auch als 3. Aktionär Geld verdienen, da Aktien bei Wertveränderung stets steigen (wer das für realistisch hält, sollte sich den Nemax der letzten 12 Monate anschauen).
Das komplexeste Wirtschaftsgeschehen von den drei Spielen bildet Giganten ab. Investition in Bohrung, Bezahlen des Transportes, Versteigerung an der Erdölbörse (mit schwankenden Preisen). Auch thematisch die dichteste Darstellung.
Empfehlenswert sind alle drei, das Zeug zum Klassiker hat am ehesten Acquire.
Gruß
Adam