Beitragvon sonne » 31. Mai 2001, 09:24
Hallo Michael,
interessante Fragen die Du oben aufwirfst. Mein Kommentar dazu:
Deckt die Liste das gesamte Angebot adequat ab, berücksichtigt sie alle Bereiche und Spieler - Temperamente - oder führt sie durch eine eventuell einseitige Auswahl in die Irre? Kürzer: Wird sie dem Jahrgang gerecht?
Vermutlich nicht. So lobenswert es auch mir persönlich erscheint, daß man partout ein Signal setzten wollte, daß die SDJ Jury wieder mehr zum "einfachen" Spiel finden möchte, so wenig rühmlich scheint diese direktive umgesetzt worden zu sein. Auch ich hatte sofort den Eindruck beim Anblick der Liste, daß - um es positiv auszudrücken - "mit großer Konsequenz", nicht nur möglicherweise bei der späteren Auswahl des SDJ, sondern auch schon bei den Listenkandidaten das Signal zur Prämierung des "einfachen" Spiels gesetzt werden sollte. Die Konsequenz tritt so deutlich zutage, daß nicht nur viele Spiele, die im Bereich höherer Qualität angesiedelt scheinen, also hinsichtlich "Originalität, Spielreiz, Atmosphäre und dergleichen mehr" mangels offensichtlicher Einfachheit für eine Aufnahme in die Liste nicht in Frage kamen, sondern daß auch Spiele, die nach Meinung einiger im Forum doch eher wenig an Originalität, Spielreiz und Atmosphäre vermitteln dank ihrer Einfachheit in die Liste aufgenommen wurden. Hier liegt m.E. das Problem (obwohl alles recht subjektiv einzuschätzen bleibt). Es scheint, daß die Message an die Verlage: wenn ihr zukünftig so einen roten Pöppel drauf haben wollt, dann bitte nur noch bei einfacheren Spielen, unbedingt vermittelt werden sollte. Es ist also mehr eine politisch motivierte Liste, als eine die das Kulturgut Spiel optimal fördern soll, wie von Dir oben auch näher zum Kulturgut Spiel ausgeführt. Soweit meine Kritik.
Als eher Normalspieler, der in seinen Spielkreisen schon viele gute Spiele kaum ein zweites Mal auf den Spieltisch bekam, weil sich die Mitspieler zum ellenlangen durcharbeiten durch lange und/oder unklare und/oder widersprüchliche Spielanleitungen, zum Erfassen von und Umgehen mit Spielmaterial, das kaum auf dem Tisch platz findet und zum erarbeiten des Spiels selbst kaum mehr überwinden wollten, begrüße ich die grundsätzliche Hervorhebung und Förderung des einfacheren Spiels im Rahem des SDJ außerordentlich. Diese Ausrichtung dürfte auch in Einklang mit der breiten Masse sein, die ja eher keine Spielfreaks sind (Dein Beispiel mit der Oma an Weihnachten...).
Nur: die besondere Kunst besteht nun m.E. darin diese "einfacheren" Spiele auszuzeichenen, die trotz ihrer Einfachheit gewissen spielerischen Tiefgang, Orginalität, langfristigen Spielreiz usw. vermitteln. Dies dürfte eine Kunst sein, da Einfachheit zunächst mal per se diesen Werten entgegenzustehen scheint. Es dürfte wesentlich schwerer sein ein interessantes recht komplex daherkommendes Spiel zu produzieren, als eines das jedermann leicht zugänglich ist und dennoch seine interessanten Tiefen offenbart ohne in Spielarbeit auszuarten oder das lockere, spielerische, erholsame und unterhaltende Element vom Spieltisch zu vertreiben. Auch die Differenzierung dieser Spiele dürfte für eine Jury "kein Kinderspiel" sein. Aber sie sollte dafür qualifiziert sein. Es hat nun den Anschein, daß auf dieser Liste auch Spiele sind, die einfach nur einfach sind und deshalb darauf zu finden sind. Es ist nun zu fragen, wollte man solche Spiele wirklich mit unterstützen und war man sich aller anderen Spiele des Jahrgangs völlig gegenwärtig. Vielleicht verlangen wir einfach zu viel. Kann die Jury es überhaupt adequat schaffen, die eigenen Ziele bei einem solchen Spielwust durchzusetzten. Sagen wir mal es waren 100 Spiele die seit Essen und Nürnberg zu begutachten waren (korrigiert mich bitte). Um alle spielerischen Tiefen und Reize auszuloten, sollte jedes Spiel mehrmals (Wolfgang Ditt warf schon mal die Frage hier auf, wie oft man gespielt haben sollte bevor man rezensiert) vielleicht mindestens 3 bis 5 mal gespielt werden. Idealereweise mit unterscheidlichen Leuten. Ehrlich gesagt glaube ich kaum, das dies für die Jury zu bewältigen ist, außer es wird alles zur Beurteilung systematisch untereinander aufgeteilt. Da wird dann wohl mal nur die Anleitung überflogen und schwupps schon ist Medina, Die neuen Entdecker u.a. vielleicht schon rausgefallen. Passiert das bei sagen wir mal der Hälfte der Jurymitglieder, dann hat es ein gutes Spiel, das durch die die Grobbeurteilung fiel und gar nicht auf den Spieletisch kam erst mal schwer. Zumal, wenn es wie in jeder Gruppe, auch innerhalb der Jury Meinugsbildner geben sollte. Das sich dieses Problem ggf. beheben ließe: z.B. durch Zuhilfenahme von Umfrageergbenissen - wie dem von R. Pelek - ist noch eine andere Facette am ganzen.
Mein Fazit: Das letztlich prämierte Spiel des Jahres darf meines erachtens ruhig betont einfach sein, wenn es sich dennoch genügend positiv hervorhebt. Insofern halte ich eine politische Vorgabe für angebracht und ein vorbeigehen am Markt bzw. Spielejahrgang für wenig problematisch. Wenn jedoch eine Auswahlliste einige Spiele zu umfassen scheint, die nur der Vermittlung des politischen Zieles dienen und dies auch noch auf Kosten anderer sehr guter Spiele des Jahrgangs, dann sehe ich ähnlich wie Du Michael für die Verlage und Autoren ein schlechtes Signal für die Zukunft gesetzt.
Viele Grüße, sonne
PS: Was wären den Deine Tops für eine Auswahlliste gewesen, insbesondere an einfachem und gutem? Soweit Du Dich hierzu schon jetzt aus politischen Gründen äußern möchtest... (würde es verstehen wenn jetzt noch nicht).