Beitragvon Hans-Georg Rausch (G´Ork) » 6. Juni 2001, 13:23
Hallo,
zwischen Pfingstcon und Göttinger Autorentreffen nur eine kurze Rückmeldung.
Zunächst möchte ich einmal zusammenfassen, was ich kritisiere und was nicht, da dies offenbar bei einigen nicht richtig angekommen zu sein scheint (das mag zum Teil an mangelnder substantiierter Ausführung liegen, aber bestimmt nicht überwiegend und bestimmt auch nicht ausschließlich):
I. Wir haben einen ausgesprochen guten Spielejahrgang. Es gibt sehr viele Titel (auf Anhieb wüsste ich wenigstens 20-25 zu nennen), die vor zehn Jahren noch sämtlich zum "Spiel des Jahres" gekürt worden wären. Das Spieleniveau hat sich in den letzten Jahren deutlich verbessert und diese Bemühungen wurden 1999 durch die Jury belohnt. Synes Ernst hat sich in seiner Presseansprache dahingehend geäußert, daß er hoffte, daß dies von Dauer sein würde. 2000 kam dann die "Kehrtwende" wieder zu mehr einfachen Spielen. Daran ist nicht grundsätzlich etwas auszusetzen, solange die Qualität erhalten bleibt, was in der Tat bei der Vielzahl der Spiele gelungen ist. Aber das macht es auch schwieriger, ein wirklich herausragendes Spiel zu bringen, das den Titel verdient hätte. Bei wesentlich höherem Niveau als früher sind eben viele Spiele gleichwertig.
II. Das Resultat aus obigen: Entweder man verkürzt die Liste auf die wirklich herausragenden Titel. Dann gibt es in der Tat das Problem, daß die Masse der Gelegenheitsspieler (sofern sie die Auswahlliste überhaupt wahrnimmt) auf den Gedanken kommt, der Jahrgang sei unterdurchschnittlich, was nicht der Fall ist. Alternativ: Man macht eine längere Liste (wie geschehen), um den guten Jahrgang in all seinen Facetten wiederzuspiegeln. Dann muß aber die Kritik erlaubt sein, wieso bei 20-25 absolut gleichwertigen Titeln die eine Hälfte auf der Liste steht und die andere Hälfte nicht. Ein Dillemma, freilich, und ein Ausweg wäre sicher, wenn die Mitglieder der Jury - meinetwegen auch geschmacklich/subjektiv - ihr jeweiliges Votum begründen würden. So aber entsteht für mich nun einmal der Eindruck, man hatte 20-25 gute Spiele zur Verfügung, und weil es eine Liste geben sollte, die den gesamten Jahrgang repräsentiert, hat man die Hälfte "ausgewürfelt" (nicht wörtlich zu nehmen). Mit diesem Eindruck stehe ich bestimmt nicht alleine.
III. Ich empfinde, bei der Gleichheit der Spiele ohne hervorstechende Eigenschaften, es als ungerecht gegenüber der anderen Hälfte der guten Spiele, eine "beliebige" Menge hervorzuheben. Dies war in den letzten Jahren nicht so (dort konnte man sich auch über den einen oder anderen Titel "a la Medina" streiten, aber die Auswahl war nicht derart beliebig wie heuer). Wenn dann auch noch Spiele auf der Liste stehen, die es schon einmal gab, denen also die Innovation fehlt, ist das umso bitterer für andere Titel, die es aufgrund ihrer Innovation eher verdient hätten.
IV. Natürlich war und ist meine Kritik scharf. Das musste sie auch sein, weil a) ansonsten die wie ich denke berechtigten Einwendungen in den alljährlichen Für´s und Wider´s untergegangen wären und b) gerade weil die Jury zur Zeit etwas zusammengeschrumpft ist die Gelegenheit für ein Überdenken der zukünftigen Auswahlstrategien angebracht wäre (und hier hoffe ich in der Tat, daß meine Kritik dazu beiträgt).
V. Freilich ist auch meine AFS-Liste austausch- und zerpflückbar, wie weiter oben geäußert. Meine Liste ist aber wie ich geschrieben habe auch auf geschmacklicher Basis zustandegekommen, und, vor allem, hat sie nicht die wirtschaftliche Bedeutung einer SDJ-Liste. Ich würde meine Liste lieber in die Nähe einer Umfrage rücken wollen (bei der ich die Beteiligten kenne) als in die Nähe der SDJ-Liste. Immerhin habe ich aber die Punkte genannt, die diese von mir aufgeführten Titel "listenwürdig" machen würden; bei SDJ fehlt jegliche diesbezügliche Klarstellung. Ich weiß, daß die Jury schon mehrfach geäußert hat, keine weiteren Statements zu verbreiten warum der eine Titel auf der Liste steht und warum ein anderer nicht - gerade aber aufgrund der diesjährigen Liste halte ich diese grundsätzliche Einstellung aber für ein erhebliches Manko.
VI. Verantwortlich für die Liste ist die Jury. Nicht die Verlage, nicht die Autoren und nicht die Spieler. Von daher ist die Jury auch der Ansprechpartner von Kritik. Das ist keine Kritik an der Jury als Ganzen, an ihrer Arbeit als Ganzen oder an deren jahr(zehnt)elanger Aufbauarbeit. Es ist eine Kritik an der diesjährigen Liste und ein Versuch, aufzuzeigen, was aufgrund gestiegender Durchschnittsqualität der Spiele bei gleichzeitig mangelnden hervorstechenden Merkmalen besser gemacht werden könnte.
VII. Ich überschätze weder meine Sachlichkeit noch unterschätze ich die der anderen. Wenn jemand der Auffassung ist, in meiner Liste oder in meinen Stellungnahmen hier fehle es irgendwo an sachlogischer Argumentation, möge er/sie die Stelle bezeichnen, ich werde dann gerne näher darauf eingehen. Ich kann aber nicht nach dem Motto ("alles was du schreibst ist Blödsinn und nicht subtantiiert") nochmal alle Threads durchgehen, um herauszufinden, wo vielleicht jemand etwas nicht- oder mißverstanden haben könnte oder wo ich mich vielleicht etwas unklar ausgedrückt habe - dazu fehlt mir einfach die Zeit.
VIII. Sollte im übrigen jemand der hier beteiligten in Göttingen sein, kann er/sie mich dort natürlich gerne ansprechen. Ansonsten melde ich mich ab dem 20. Juni wieder.
Mit spielerischen Grüßen
G´Ork