Beitragvon Roman Pelek » 5. Oktober 2001, 03:58
Hi Wolfgang,
>Was mich interessieren würde: Ist es eine persönliche "Macke" meinerseits, daß ich konstruktiven Spielen den Vorzug gebe? Was sind typische Spiele, bei denen es kein Vorwärtskommen gibt, ohne die Mitspieler zu sabotieren, nach unten zu drücken, in die Pfanne zu hauen und rauszuwerfen? Gibt es darunter auch Spiele, die auch einen „Harmoniespieler“ bekehren könnten?<
Eine "Macke" ist das auf jeden Fall nicht, allenfalls eine Geschmacksfrage. Ich persönlich mag konstruktive Spiele sehr, vermutlich am meisten, da man das Gefühl hat, etwas nach dem eigenen Gusto zu erschaffen. Die Fürsten von Florenz sind da sicher ein gutes Beispiel. Dennoch würde ich mich nicht zu den harmoniesüchtigen Spielern zählen, ich spiele auch gerne fies und intrigant und muss gestehen, dass ich Mitspieler schätze, die dies genauso machen bzw. so etwas auch "abkönnen". Für mich ist eine "spielerische Tugend" (dämliche Bezeichnung), miteinander und zugleich gegeneinander zu spielen und dies nicht persönlich zu nehmen.
Womit ich persönlich jedoch nicht besonders viel anfangen kann, sind Spiele, die aufgrund ihres destruktiven Charakters zu zähen Pattsituationen führen oder zu reinen Königsmacherangelegenheiten verkommen. Wenn 3 von 5 Mitspielern bereits ausgeschieden sind und die 2 restlichen sich noch 3 Stunden weiter bekriegen, ohne wirklich voranzukommen, wäre das für mich ein Grund, hinsichtlich des Spielspasses und Gemeinschaftserlebnisses solche Spiele zu meiden. Ein Mindestmass an Einbindung aller Spieler am Geschehen und Vorantreiben des Spiels macht für mich essentiell ein Spiel aus.
Kurzum: Spiele dürfen destruktive Züge haben, aber die konstruktive Komponente sollte die Oberhand behalten, damit ein Spielaufbau entsteht. Einen Spieler hemmen oder zurückwerfen - gerne. Aber es muss zielgerichtet sein. Ein gutes Beispiel ist für mich da z.B. "Vinci", das sich sehr stark an Risiko und Co. anlehnt, durch das Voranstreben auf der Zielleiste und Niedergang und Neuaufbau von Zivilisationen zum einen eine klare Richtung hat, zum anderen aber auch immer alle Spieler einbindet. Und dennoch kann man es, so man will, auch herrlich destruktiv spielen ;-) Und das ziehe ich dreistündigen Würfelorgien zwischen zwei Überlebenden wie ab und an bei Risiko deutlich vor.
Aber es gibt auch andere destruktive Spiele, die ich sehr schätze, z.B. ein "Intrige". Das Spiel lebt davon, andere über den Tisch zu ziehen und zu intrigieren. Aber auch dieses Spiel hat durch seinen klaren Rundenablauf und die überschaubare Spieldauer ein Vorwärtskommen und degradiert auch arg gebeutelte Zeitgenossen nicht zu blossen Zuschauern am Geschen - und nach dem Spiel sollten die bösen Gesten tunlichst vergessen sein ;-) Auch z.B. ein "Family Business" ist ein Spass-Spiel - der Spass liegt darin, wenn es dem eigenen Gusto entspricht, mal einen Spieler "auszurotten", nur weil einem danach ist, nicht weil es dem eigenen Spielsieg dient. Aber das ist hierbei auch Sinn und Zweck, und das Spiel ist kurz genug, um auch 'ne Revanche folgen zu lassen und niemanden "in die Ecke" zu stellen. Was ich allerdings auch mit wenig Vergnügen aufnehme, sind Situationen, in denen Spieler bei eigentlich konstruktiven, längeren Spielen gezielt nur auf "Rache" gegen einen Spieler spielen. Das ruiniert in diesen Fällen nämlich meist das Spielerlebnis für alle Beteiligten.
Für mich sollte sich also ein destruktives Spiel auf die Möglichkeit beschränken, aus Spass an der Freude auf Mitspielern, die dieses Faible teilen, herumhacken zu dürfen, aber nicht Spielfluss und Spielerlebnis zu zerstören. Leider werfen einige destruktive Spiele zudem die Nachteile auf, dass die Spieldauer unberechenbar wird und einige Mitspieler ausgeschlossen werden können. Und dann ist es meist aus mit dem gemeinsamen Spass.
Destruktive Spiele also gerne - aber richtig. Und destruktives Spielen auch gerne - aber bitte in den Spielen, wo's hingehört. Für mich ist das also weniger eine Frage, ob konstruktiv oder destruktiv, sondern der Spielequalität und ein dem Spiel angemessenen Verhalten der Mitspieler.
Ciao,
Roman