Beitragvon Arno C. Hofer » 26. November 2001, 13:16
Hallo alle miteinander,
eigentlich weiß ich jetzt nicht, wem ich wirklich antworten soll, hänge dieses Posting jetzt aber mal ganz hinten an. Aber hier bei Roman passt es auch vielleicht am besten dazu: ich bin der Überzeugung, dass diese Diskussion hier wirklich eine [b]akademische[/b] ist - und auf Grund der Krückenhaftigkeit der Sprache - auch eine mißverständliche und gebrechliche:
Im Prinzip glaube ich nämlich, dass wir auch bei den Spielen, wo wir vieles kontrollieren und selbst entscheiden zu können glauben, durch die "Regeln" [i]gespielt werden[/i], nur eben um einen kleinen Prozentsatz weniger, als bei anderen Spielen. Alex Randolph hat mich nämlich wirklich glauben gemacht: Spiel ist Ordnung!, d.h. dass wir nur in einer ganz schmalen Bandbreite entscheiden können bei unendlich vielen anderen Möglichkeiten, die die Regeln aber dezidiert ausschließen.
Andererseits kann ich aber auch bei totalen Glücksspielen, die wie unmanipulierbare Automaten ablaufen (eines der schönsten und lustigsten Beispiele für mich ist da "Drachenlachen" von Reinhold Wittig), das Gefühl haben, mit meinem Schicksal etwas gestalten zu können (zumindest für die Mitspielenden). Indem ich das [b]spiele[/b], was das [i]Schicksal[/i] für uns bereithält. Reizvoll wird es dann, wenn wir mit diesem Schicksal hadern oder es einmal ganz neutral anschauen: vielleicht provozieren wir durch unser Verhalten "selffullfilling prophecies" - d.h. wenn ich daran glaube, [b]so ein[/b] Spiel nicht gewinnen zu können, weil ich zu wenig Kontrolle darüber habe, verliere ich es möglicherweise bzw. wenn ich daran glaube, heute [b]alles Glück der Welt[/b] gepachtet zu haben, werde ich es möglicherweise gewinnen ...
Insgesamt glaube ich: wir sind schon zu einem relativ großen Prozentsatz [i]determiniert[/i] (vorherbestimmt), sei es durch unsere Anlagen, unsere Erziehung, unsere Kultur, unsere Gestze, unsere Religion - aber im Spiel können wir den [b]persönlichen Spielraum[/b] einengen oder erweitern, gleichsam zum [i]Atmen bringen[/i], was sehr schön in dem Bild beschrieben ist: entspannen bei Saloon, Spannung schaffen bei Titicaca, entspannen bei Wanted, Spannung aufbauen bei Tal des Mammuts, entspannen bei Carcassonne, Spannung aufbauen bei Medina, etc., etc.
Alles in allem: Glücklicher deutschsprachiger Raum, denn nur wir haben uns diese Spielkultur wirklich [b]erobert[/b] (oder sie für uns in den letzten 30 Jahren [i]entdeckt[/i]) - in echt determinierten Gesellschaften dürfen nur die obersten 1000 die "spannenden Spiele" spielen ...(die echte Erkenntnisse und Strategien zur Minimierung des vermeintlichen Schicksals liefern) - und so unser Schicksal [i]demokratisch legitimiert[/i] zumindest mitgestalten ... ob das einfacher, besser, effektiver, lustvoller, schneller oder wie auch immer "besser" ist muß jeder für sich entscheiden. Ich persönlich erlebe hat tagtäglich viele (auch junge) Menschen, denen es lieber ist, sie haben ein [b]Rezept, an das sie sich halten können[/b] als die [b]Freiheit, unter Gestaltungszwang zu stehen[/b]. Die VielspielerInnen lieben die Freiheit des Gestaltungszwangs. Ich auch - denn ich glaube an die Gestaltungskraft des [i]zoon polticon[/i], zur Schaffung einer gerechteren Welt.
Arno