Beitragvon Matthias Staber » 25. November 2001, 09:10
Grüß ditsch Roman,
>Sehr oft halte ich noch für untertrieben. In quasi jedem Bereich, mit dem man sich näher beschäftigt, kann man Reportagen darüber, die von fachfremden Journalisten (und selbst Fachjournalisten, die sich vielleicht mit dem speziellen Themengebiet nicht von Haus aus gut auskennen) geschrieben werden, getrost abhaken.>
Ich kann dir, glaube ich, nicht ganz zustimmen. Gerade bei der Darstellungsform "Reportage" schadet's gar nix, wenn sie von einem Fachfremden geschrieben wird, besonders auch bei leicht nerdigen Themen. Da geht's ja weniger um Fachwissen als um Beobachtung, unterfüttert mit Recherche. Und die muss halt stimmen, dann kann's auch ein guter Text werden.
Es ist meiner Meinung weiterhin ein Mythos, ein Fachkundiger schreibe zu einem Fachgebiet grundsätzlich die besseren Texte. Ein Jurist schreibt nicht unbedingt die pfiffigsten Gerichtsberichte/reportagen. Aber ein Nichtjurist, der schreibenderweise ins Gericht geschickt wird, muss sich eben ein wenig in die Materie einarbeiten und sich kundig machen, etwa darüber, was es mit Tagessätzen auf sich hat, wie Bewährung funktioniert, was ein Jugendschöffengericht ist usw. Wer in den Gemeinderat geschickt wird, sollte sich kurz über kommunale Haushaltspolitik informieren. Dzu muss man nicht BWL studiert haben. Das ist für einen Laien durchaus machbar.
So ist die Rede vom "professionalisierten Universaldilletantismus" nicht so negativ gemeint, wie du sie auffasst. Sondern besagt lediglich, dass Journalisten, sofern sie nicht komplett versierte Fachjournalisten mit streng definiertem Nischenthema sind, öfters mal mit Themen konfrontiert werden, die sie nicht von Haus aus beherrschen. "Professionalisiert" heißt dann aber eben, sich darüber Gedanken zu machen, welcher Rechercheaufwand nötig ist, um einen fairen Text zu produzieren, der seinem Informationsanspruch dem Leser gegenüber einigermaßen gerecht wird.
>Das halte ich aber für kaum zu vermeiden, da eben nicht für jedes Themengebiet ein Fachkundiger zur Verfügung steht bzw. die Zeit (bzw. auch der Wille in Relation zur Bezahlung) zur Recherche meist ungenügend ist.<
Das kann durchaus vorkommen, dass nicht die Zeit (oder das Geld, oder sonstwas) vorhanden ist, um ein Thema fair auszurecherchieren. Da gibt es aber Auswege: Man kann sich über die Darstellungsform Gedanken machen. Warum nicht einmal, statt diese ewig-öden, eilig zusammengeschusterten Geschenkidee-Auflistungen, von Tortenheber über Spielkonsole bis Brettspiel, um die Weihnachtszeit herum ins Blatt zu nehmen, die Leute selbst zu Wort kommen zu lassen?
Also beim Thema Brettspiele nicht das Spiel des Jahres als Kaufempfehlung ins Blatt heben, sondern eine pfiffige Reportage über ein paar Zocker? Was finden die gut, was schenken sie sich, was zocken sie an Weihnachten usw.? (Entsprechendes ließe sich ja auch beim Tortenheber machen; Lieber mal einen geübten Hausmann zu Wort kommen lassen, der mit so einem Ding tatsächlich umgeht, als...)
Noch eine Bemerkung: Über Hobbys, die einen leicht nerdigen Touch haben, was für leidenschaftliche Vertreter des Schönwettermissbrauchs eigentlich alle Hobbys sind, die mit einem gerüttelt Maß an Leidenschaft und Hingabe betrieben werden, und trotzdem nichts mit lifestyle/Körperertüchtigung/Sex zu tun haben, wird das ganze Jahr über mit süffisantem Grinsen, hochgezogenen Augenbrauen, zynischem Lustigfinden nach dem Motto "heißen wir nicht alle Stuckrad-Barre - Kracht - Illies?" berichtet. Und die gleichen Medien empfehlen dann am Jahresende "das gute Brettspiel", wahlweise auch mal "das gute Computerspiel". Wenn mir da vom Plätzchenduft, der einem aus den Zeitschriften entgegenströmt, nicht schon schlecht wäre: Da könnte mir über werden.
Matthias