Beitragvon Heiko Kauffmann » 4. Januar 2002, 18:50
Jost Schwider schrieb:
> Das Wichtigste hast du vergessen:
> - keine Planbarkeit (ich denke, dass mein Mitspieler
> denkt, dass ich denke, dass er denkt, ... -> 99% Glück)
> Also ist es kein Spiel im eigentlichen Sinne, sondern nur ein
> Glücksspiel.
> Jost würde sagen: "Man wird gespielt" :-/
Lieber Jost,
Ich habe selten ein Posting gelesen mit dem ich so wenig einverstanden war wie mit diesem.
Ich glaube du mußt mir zunächst mal definieren was du mit "kein Spiel im eigentlichen Sinne" meinst. Kombiniert mit der Aussage "nur ein Glücksspiel" verstehe ich das so, daß für dich Spiele mit hohem Glücksanteil keine "echten Spiele" sind. Wobei ich Adel Verpflichtet mit nichten dazu zähle (überhaupt, gibt es unechte Spiele?).
Ralf hat ja schon sehr schön ausgeführt warum dem nicht so ist. Deswegen muß ich die Planbarkeit und Einflußnahme, die man bei diesem Spiel hat nicht nochmal darlegen.
Warum soll denn ein Glücksbetontes Spiel ein weniger qualitätsvolles Spiel sein. Ich halte sogar Glückselemente für wesentliche Bestandteile der meisten Spiele. Genau diese bieten nämlich weniger leistungsorientierten oder ungeübteren Spielern die Möglichkeit mehr Spaß am Spiel und eine höhere Siegchance zu haben. Warum werden die Qualitäten von solchen Spielen oft nicht erkannt. Sie haben meistens einen großen Spaß- und Spannungsfaktor, sie bringen eine gewisse Leichtgkeit ins Spielen und bringen die Spieler auf die gleiche Leistungsebene.
In diesem Zusammenhang hab ich hier sogar schon gelesen, das "Glücksspiele" ungerecht seien. So ein Schwachfug aber auch. Jedes symmetrische Spiel ist gerecht, ob es nun glücksbetont ist oder nicht. Sobald jeder die gleichen Spielbedingungen hat sind sie gerecht. Nur asymmetrische Spiele können schonmal ungerecht sein, aber das liegt ja schon in der Art dieser Spiele, das jeder etwas andere Start- oder Spielbedingungen hat.
Das es unterschiedliche Arten von Spielen gibt, die alle auf ihre Art ihre Berechtigung haben ist doch keine Geschmacksfrage. Dies scheint mir aber fast so gesehen zu werden. Siehe, die vielen Diskusionen nach dem Motto: "Vielspieler spielen hauptsächlich strategisch anspruchsvolle Spiele"
Jetzt könnte ich mir dazu denken:
- weil das Glück der Feind des Spielers ist?
- weil die Leistungsgesellschaft ihren Tribut fordert :wink:
- weil mit Glücksbetonten Spielen ja "nur" Kinderspiele gemeint sein können?
- weil sich nur die Elite durch solche Regelberge quälen kann?
- weil, je mehr in einem Spiel drin ist, je besser bin ich wenn ich gewinne?
...
Natürlich mag ich selbst auch Strategisch und taktisch fordernde Spiele, aber wo sind denn die "Allroundspieler", die jedem Genre einen Reiz abgewinnen können. Sind wir denn eine so kleine Gruppe leidenschaftlicher Gesellschaftsspieler?
Ich will jetzt auch hier nicht zu weit gehen, deswegen mach ich vielleicht lieber nochmal ein neues Thema auf.
Ich muß aber noch was zu der Aussage "Man wird gespielt" sagen, mit der ich überhaupt nicht einverstanden bin und was hier auch schon des öfteren kam. Gemeint sind wohl wieder die beliebten Einflußmöglichkeiten die hier zu fehlen scheinen. Jeder spielt das Spiel, aber niemals spielt das Spiel die SpielerIn.
Ich kann jetzt haarklein und überspitzt daherkommen und behaupten:
Es ist genauso einflußreich und schwierig mit einer geschickten Hand unter der Einberechnung der Unterlage den Würfel so zu platzieren, das er auf der gewünschten Zahl zum stehen kommt wie eine Berechnung der zukünftigen Aktionen meiner Mitspieler unter Berücksichtigung der Regeln und meinen eigenen Handlungen. Dies wäre dann ein Geschicklichkeitsspiel (Glückspiel) und ein Strategiespiel ohne Glückselement, beide perfekt beherrscht und unter voller Kontrolle. Beides ist gleichberechtigt und der Extremfall. Aber beides ist unmöglisch zu leisten. Gott sei Dank und desshalb SPIELEN wir.
Es gibt meines Wissens kaum ein Spiel bei dem man wirklich überhaupt keinen Einluß auf sämtliche Ereignisse hat. Vielleicht ein Würfellaufspiel mit eingleisigem Streckenverlauf. Und wenn hier schon Spiele wie Adel Verpflichtet mit mittlerem Glücksanteil, einen 99%igen Glücksanteil reingewürgt bekommen, finde ich das doch etwas Spielbefremdlich.
Gespielt wird man meines erachtens also nur wenn man selbst das Spiel ist. Aber Jost, du bist doch kein Spiel, oder? :wink:
Über die Thekenspiele-Aussage laß ich mich am besten jetzt nicht aus, sonst wird das nochmal doppelt so lang. Jedenfalls spiel ich dann auch sehr gerne solche richtig guten beliebigen Thekenspiele mit ihren herausragenden Eigenschaften.
> Interaktion +
> Spannend
> Jeder ist gleichzeitig dran +
> Kurze Spieldauer
...und was sonst noch so alles zu guten Spielen dazugehört.
Ich hoffe du fühlst dich jetzt nicht zu sehr auf den Schlips oder die Fliege oder was auch immer getreten, aber irgendwann ist das berühmte Faß, ich geb zu, von dem hier ja keiner was wußte, dem überlaufen geweiht. (Bin halt ein langsamer formulierer und halt dann meistens doch mit meiner Meinung hinterm Berg)
In deinem Posting kamen halt gewisse Aussagen etwas geballt mit denen ich das Kulturgut Spiel nach meiner Meinung und wie ich es verstehe, verteidigen wollte.
Gruß Heiko (wünscht auch ein schönes neues Jahr, findet Adel Verpflichtet ein sehr schönes Spiel mit tollen Bluff- und weiteren Einfluß-Elementen und stellt sich gerade Jost vor wie er gespielt wird :wink: )