Beitragvon Roman Pelek » 3. März 2002, 03:47
Hi Pque,
Poque schrieb:
> 1. jetzt wissen viel mehr Menschen um die Bedeutung der
> Redewendung „Jedem das Seine“. Auch gerade jene, die sich
> über meine Aufregung aufgeregt haben. Jetzt kann hier niemand
> mehr sagen, sie hätten es nicht gewußt.
Die Diskussion war sicherlich interessant, zumindest ich habe sie mit Interesse verfolgt, aber bezüglich der Konsequenzen bin ich mir unschlüssig. Ich weiß nicht, ob es in diesem Fall ein wesentlicher Schritt nach vorne ist, zu wissen, dass "Jedem das Seine" durch die Nationalsozialisten in zynischster Weise missbraucht wurde, denn es oktroyiert diesem Spruch wieder einen Ballast auf, den es eigentlich nicht verdient hat.
Was mich persönlich betrifft, meide ich jegliche Begriffsbildungen, die von den Nazis geprägt wurden, sträube mich aber innerlich dagegen, jedes in dieser dunklen Zeit missbrauchte sprachliche Gut als belastet zu sehen. Auch Sprache unterliegt Limitationen bezüglich ihres Umfangs, und wenn wir in Zukunft alles ausklammern, was jemals missbraucht oder in anderem als unserem Sinne verwendet wurde, könnten wir eines Tages in einer Kaskade von Altlasten ohne Sprache dastehen...
> 2. jetzt werden ein paar Menschen mehr diese Redewendung aus
> ihrem Vokabular streichen, weil sie wissen, dass „Jedem das
> Seine“ in dieselbe Reihe gehört wie „Arbeit macht frei.“
Es gehört m. E. nicht in die selbe Kategorie, denn auch die Verankerung im allgemeinen Bewusstsein prägt entscheidend die Semantik. Ich empfinde es als deutlich unsensibler und kritischer, Redewendungen zu verwenden, die allgemein geächtet sind, als welche, um deren Missbrauch kaum jemand weiß.
> 3. jetzt wird die Spielbox hoffentlich nie wieder solche
> Redewendungen verwenden, mag es sich dieses Mal nur aus
> Unkenntnis ins Heft geschlichen haben.
Mit Absicht wird dies sicherlich niemand tun, und ich denke, eine solche Intention steht auch gar nicht zur Diskussion. Die Frage ist nur, ob man eine Wendung wie "Jedem das Seine" als so belastet einstuft, dass man sie in dieser Form nicht mehr "unschuldig" verwenden darf. Also ob man im Jahre 2002 diesen Ausspruch nunmehr wieder dem eigenen aktiven Sprachschatz hinzufügen darf oder nicht. Ich denke, dass man es in diesem Fall darf.
> Jeder sollte sich diese beiden Tatsachen vor Augen halten:
> 1. Über dem Tor zum Konzentrationslager Buchenwald stand
> „Jedem das Seine.“
> 2. Jeder, der durch das Tor schritt, erwartete Folter oder
> sogar den Tod, nicht nur während der NS-Zeit, sondern auch in
> der anschließenden stalinistischen Ära.
Das ist Fakt, absolut korrekt und für mich persönlich unverzeihlich. Die entscheidende Frage ist jedoch die der "Halbwertszeit" solcher historischen Ereignisse und der damit verbundenen Belastung. Muss man wirklich alles in jüngerer Vergangenheit missbrauchte aus dem Alltag verbannen? Oder ist es nicht besser, durch allgemeine Verwendung solchem neues, unschuldigeres Leben einzuhauchen?
Im übrigen gibt's dafür noch viel mehr Beispiele, z. B. wurde auch der Muttertag von den Nazis als übelste Propagandomaschinerie missbraucht. Stört's heute jemanden? Denkt jemand daran, wie viele "deutsche" Söhne für idiotische Ideologien ihr Leben lassen mussten, wenn sie ihrer Mutter Jahr für Jahr einen Blumenstrauss für die Mühen überreichen?
> (der seinem Gewissen verpflichtet, auf diese Tatsachen
> hinweisen musste und zum Rufer in der Wüste wurde.)
Wobei zu hoffen bleibt, dass der Rufer in der Wüste nicht nur eine Fata Morgana in Form eines Pseudonyms bleibt, sondern seine - von mir persönlich trotz kontroverser Positionen sehr hoch angerechnete - Zivilcourage auch durch Nennung des Namens belegt, wie all die anderen, die hier für ihre angreifbaren und kritischen Positionen persönlich haften!
Ciao,
Roman