Beitragvon Marten Holst » 22. August 2002, 18:15
Moinle,
ich möchte Roman weitest gehend zustimmen. Die Medien im allgemeinen reklamieren für sich nicht zu unrecht, die "vierte Gewalt" im Staate zu sein. Sie verbreiten Informationen, die für uns wichtig und/oder interessant sind (mit nach meiner subjektiven Meinung immer weniger Betonung auf "wichtig"), und sie beobachten die anderen "Säulen des Staatssystems", was eine verdienstvolle Aufgabe ist.
Aber als solche muss sich auch ein jedes Medium, Fernsehen oder Zeitung, Radio oder Zeitschrift, auch Internetseitenbetreiber, wenn sie einen entsprechenden Anspruch haben, "messen lassen". Natürlich kann keinerlei Berichterstattung "ausgewogen" sein, denn so etwas gibt es nicht wirklich. Und so nimmt es wenig Wunder, dass in letzter Zeit zum Beispiel zunehmend "Wahlkampfhilfe" geleistet wird (Bild, Sat.1, Focus für Blau-Gelb; Süddeutsche, Spiegel, RTL zumindest Rot, wenn nicht teilweise Rot-Grün, zum Glück niemand großes für bräunliche Schattierungen). Aber auch hier muss man sich fragen, wie weit "Meinungen" (die man auch als Wertvorstellungen sehen kann) den Journalismus beeinflussen dürfen. Die offenkundige Unausgewogenheit der Berichterstattung in der Miles&More-Affäre, von Roman bereits angesprochen, zum Beispiel ist meines Erachtens nicht mehr legitim. Und Bild ist diesbezüglich kein "Ersttäter". Von daher ist Kritik sicherlich massiv gerechtfertigt.
Ob eine Bezeichnung der Bildleser als Analphabeten oder ähnliches (die hier so aber auch erkennbar nie ernsthaft gefallen ist) dazu konstruktiv beiträgt, wage ich zu bezweifeln. Tatsache ist aber, dass jemand, der seine Informationsquellen auf eine reduziert hat, sich bewusst zum Manipulationsopfer macht, und eine überhöhte Formulierung dessen ist meines Erachtens nicht grundsätzlich verkehrt.
Auch der von Roman angesprochene "individuelle" Bereich, die teilweise falsche (meist wohl nicht unbedingt aus direkter Boshaftigkeit resultierend, sondern aus mangelnder Recherche, gerne billigend in Kauf genommen, um gute Storys nicht zu verlieren), Persönlichkeitsrechte verletzende Berichterstattung über Fehl und Tadel einzelner Prominenter jedweder Provenienz, wird meines Erachtens viel zu wenig gestraft. Und auch hier ist Bild vorne mit dabei, wenn auch meiner Meinung nach chancenlos gegenüber zum Beispiel der Bunten. Und auch hier müssen sich Leser fragen lassen, ob sie die behandelten Themen etwas angehen, und ob sie eine Zeitung, die ihre diesbezügliche Macht schon mehrfach zumindest massiv fahrlässig "missbraucht" hat, wirklich noch finanziell (durch den Kauf) und im Einfluss (durch Erhöhung der Auflagenzahl) unterstützen sollten.
Dass auch dem seriösesten Journalisten Fehler passieren, die teilweise massive Folgen nach sich ziehen können, ist natürlich unbestritten, denn wo Menschen etwas tun, da machen sie Fehler. Nichtsdestoweniger denke ich, dass die Geschichte der Bildzeitung nahe legt, dass sie nicht die notwendige Sorgfalt, die sie als Informationsquelle von Millionen walten lassen müsste, an den Tag legt. Und deswegen denke ich auch, dass eine pauschale Kritisierung von Bild und ihren Lesern durchaus legitim ist. Auch wenn derartige Auswüchse sich schon in Deutschland nicht auf diese Zeitung beschränken und in anderen Ländern (Großbritannien mit "The Sun" als Beispiel) teilweise noch extremere Blüten treiben.
Viele Grüße
Marten