So viele Köpfe, so viele Meinungen!
Seit ungefähr 12 Jahren beobachte ich nun die Spieleszene und ich habe nichts gegen negative Kritiken, nur etwas gegen schlechte. Und genau das wird in der Diskussion "Brauchen wir Verrisse" meiner Meinung nach nicht so richtig auseinandergehalten. Eine "gute" Kritik kann durchaus negativ sein. Sie unterscheidet sich aber in ihrer Form zu einer "schlechten" Kritik zum selben Produkt dadurch, daß sie fair und neutral ist.
Fair, das bedeutet, der Rezensent hat sich eingehend mit dem Produkt beschäftigt. Geben wir es doch zu, in unserer schnellebigen Welt ist doch gar nicht mehr die Zeit, ein Spiel zigmal zu testen in allen erdenklichen Mitspielerzahlen. Und bei Redaktionsdruck und Abgabeterminen - wie soll ein Rezensent dann vernünftige Arbeit leisten. Im Sinne fairer Kritik also: Liebe Redakteure: Lasst euren Testern mehr Zeit, ein Spiel ausführlich zu testen, bevor ihr eine schlechte 08/15-Kritik veröfftlicht - egal ob sie nun positiven oder negativen Inhalts über das Produkt ist.
Neutral, das bedeutet, der Rezensent muß seine eigenen Vorlieben und Aversionen bei der Bewertung zurückstellen, und nicht nur dies - auch die Urteile seiner Testrunde sind schließlich geprägt von persönlichen Vorlieben. Wer ein Spiel wie "Bluff" in einer Runde von Taktikern und Strategen testet, muß sich nicht wundern, wenn er negative Response erhält.
Aber ist eine derartige Zurückstellung des eigenen Geschmacks bei der Verfassung einer Kritik überhaupt möglich? Ich glaube eher nicht. In Deutschland gibt es meines Erachtens nach derzeit nur ein gutes Dutzend ernsthafter Kritiker, die dies für sich in Anspruch nehmen können.
Und das führt mich nun zur Überschrift zurück: "Wer kritisiert die Kritiker?"
Wem ist damit gedient, wenn - ich formuliere das absichtlich so scharf - "Hinz und Kunz" ihre persönliche, von Vorlieben und Aversionen gefärbte Meinung verbreiten? Vor einem Jahrzehnt wäre das noch nahezu unmöglich gewesen - im Zeitalter von Internet, wo jedermann alle Bevölkerungsschichten mühelos erreichen kann, sieht das deutlich anders aus. Leider fühlen sich viele zu Kritikern berufen, die in Wirklichkeit keine sind, sondern lediglich ihre persönliche, von geschmacklichen Eindrücken erzeugte und keineswegs sachbezogene, Meinung einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Für mich bleibt es daher dabei, es macht einen deutlichen Unterschied, wer was zu einem Produkt sagt. Und damit wären wir an einem Punkt angelangt, an dem es Zeit wird, einmal die Kritiker zu kritisieren und zu veröffentlichen, wer zu welchen (Spiele-)Themen überhaupt entsprechende "Ahnung" hat und sich in der Vergangenheit mit sachlichen, fairen und neutralen Kritiken beweisen konnte.
Mehr darüber gern demnächst auf der Homepage http://www.afs-rheinland.de.
Nicht das wir uns mißverstehen: Nichts gegen freie Meinungsäußerung im Internet. Ganz im Gegenteil. Aber nennt solche "Verrisse" aus persönlicher Aversion gegen eine Spielmechanik oder ein Spielgefühl dann bitte nicht "Kritik" - sicher gibt es andere Menschen, die das genau anders sehen und nur zufällig ihre Meinung nicht verbreiten. Dadurch entsteht ein verzerrtes Bild, die in der Diskussion angesprochenen Titel sind der schlagende Beweis, welche Diskrepanzen es in der geschmacklichen Meinung geben kann und gibt.
Mit spielerischen Grüßen
G´Ork
(H.-Georg Rausch)