Beitragvon Gustav der Bär » 19. November 2002, 20:47
Volker L. schrieb:
> (...) Natuerlich aendert sich jede lebende Sprache im Laufe der Zeit,
> aber IMHO guckt der Duden heutzutage (schon seit den 80er Jahren)
> den Leuten zu sehr auf's Maul, statt staerker festzustellen,
> was richtig und was falsch ist.
Genau das ist wohl der Punkt, an dem sich schon manche fruchtlose Rechtschreibreform-Diskussionen entzündet hat.
"Richtig" ist für Reformgegner ja immer nur das, was sie selbst als Kinder gelernt haben, "falsch" folglich das, was Anderen heute anders machen.
Während man in den Naturwissenschaften recht genau definieren kann, was richtig oder falsch ist (oder jedenfalls nach aktuellem Wissensstand dafür gelten kann), sind Geisteswissenschaften - mag es bildende Kunst oder Philologie sein - immer zu einem großen Teil Ansichtssache. Natürlich kann man objektiv feststellen, wann Goethes "Die Leiden des jungen Werthers" zum ersten Mal erschienen ist - aber schon die Frage, ob im Titel der Genitiv des Eigennamens "Werther" nach dem gebeugten Artikel mit dem angehängten "s" richtig oder falsch gebildet wurde, kann von unterschiedlichen Betrachtern unterschiedlich beantwortet werden.
Sprache ist meiner Einschätzung nach nicht viel mehr als Konvention. Man kann per Autorität nur innerhalb gewisser Grenzen anweisen, wie mit ihr umgegangen werden soll. So kann ein Vorgesetzter seine Sekretärin zwar anweisen, Briefe nach der jeweils aktuell gültigen Rechtschreibung zu schreiben, aber wenn sie in ihrer Freizeit Gedichte verfasst, kann sie schreiben wie sie lustig ist - ohne dass die Gedichte deswegen "falsch" würden.
Und warum ist das so?
Aus dem naheliegenden Grund - du sprichst es ja selbst an, lieber Volker - dass Sprache sich ändert. "Ändern" heißt aber eben "anders machen als derzeit üblich" - es heißt nicht zwangsläufig "etwas falsch statt richtig machen", jedenfalls nicht da, wo es ein eindeutiges "falsch" oder "richtig" nicht geben kann.
Populäres und vielgescholtenes Beispiel: Die Bedeutungsänderung des Wortes "geil". Bis in 19. Jahrhundert hieß das soviel wie "fruchtbar". In meiner Jugend in den 70er Jahren benutzten wir das Wort als "sexuell erregt", was aber schon eine Bedeutungs-Änderung war. War es falsch von uns, das so zu benutzen?
Heute sagen junge Leute "geil", wenn sie "ausgezeichnet" meinen - noch ´ne Bedeutungsänderung. Und natürlich regen sich die Erwachsenen (diesmal meine Generation und die etwas Jüngeren) darüber auf, weil sie das Wort eben so verstehen, wie WIR es in unserer Jugend benutzt haben. Wurde es also in unserer Jugend doch richtig benutzt und jetzt erst falsch?
Und was ist, wenn in ein paar Jahrzehnten "geil" soviel wie "steuerfrei" bedeuten sollte? Dann geht die Diskussion natürlich wieder von vorne los, mit immer den selben Argumenten und nur anderen Beteiligten (und vermutlich einigen Beteiligten, die beim Erreichen des 30. Lebenjahres die Seiten gewechselt haben und jetzt das als ewig wahrhaftige Tradition verteidigen, was sie selbst mit eingeführt haben, um diese langweiligen ewig wahrhaftigen Traditionen endlich los zu werden ;-) ).
Nehmen wir doch den Duden einfach als das, was er ist und bestenfalls sein kann: Als eine sehr nützliche Hilfe, eine vorübergehend gültige Konvention einzuhalten, die die schriftliche Kommunikation erleichtert - und fangen wir gar nicht erst an, anderen vorzuschreiben, wie sie Sprache verstehen und anwenden dürfen.
Auf Xuntheit!
Gustav der Bär
(Peter Gustav Bartschat)