Beitragvon Roman Pelek » 8. Juni 2003, 05:26
Hi Michael,
>Ich habe etwas dagegen, dass hier behauptet wird, das Vielspieler Amun Re lieben impliziert wird, Spiele wie Alhambra oder Die Dracheninsel seien Familienspiele. Beides stimmt so nicht. Es gibt zum Beispiel etliche Vielspieler, die nur Schach, Dame und Mühle spielen oder Skat.
Wir könnten ja mal über die Definitionen diskutieren. Ein Vielspieler ist ja nicht gleich jemand, der nur und ausschließlich komplexe Spiele mag. Das sind eher die so genannten "Freaks", denen selbst ein Spiel wie Puerto Rico gerade komplex genug ist <
[Ernst an] Ah, da landen wir dann beim eigentlichen Kern der Diskussion, den Begrifflichkeiten. Denn da liegt der Hund respektive Pudel (wenn wir schon von Kernen sprechen) wohl wie so häufig begraben. Dein Unbehagen über die scharf formulierte Trennung Familienspiel-Vielspielerspiel kann ich in diesem Kontext vollauf nachvollziehen. Ich hatte mich eher am Tenor orientiert, nämlich dass Alhambra einen relativ breiten Geschmack trifft. [Ernst aus]
>Da helfen auch keine Umfragen, die die Richtigkeit zu bestätigen scheinen.<
Jaja, ich weiß: „Glaube keiner Statistik, die Du nicht selbst gefälscht hast“ ;-) Nein, es kommt darauf an, aus welchem Blickwinkel man das beleuchtet. Fasst man den Begriff „Vielspieler“ so „eng“ auf, wie er hier im Forum häufig oder m. E. zumeist gebraucht wird, so empfinde ich das in dieser Hinsicht durchaus als Bestätigung. Worauf Du hinaus willst, ist ja etwas ganz anderes: dass Du „Vielspieler“ als weitaus umfassender siehst – und da stimmt, da stimme ich Dir voll zu, eben dieses überhaupt nicht mehr. Umfragen und Statistiken können sehr hilfreich sein, man muss sie aber immer im Kontext sehen. Sonst taugt das alles nix :-)
>Und überhaupt: Ist der Spaß bei Alhambra per se nicht größer als bei dem trockenen, taktischen und mathematischen ichmussdassjetztkompliziertmachensonstmögenesdievielspielernicht Knizia-Pyramiden-Bau-Spiel?<
Ich weiß zwar genau, was Du damit sagen willst, aber ich möchte trotzdem mal ketzerisch antworten, weil ich das Thema sehr spannend finde: ist Alhambra im Grunde nicht mindestens genauso trocken, taktisch, mathematisch? Fassen wir mal zusammen: wir addieren Zahlenwerte (Währungen), um möglichst eine bestimmte Summe (Kaufpreis der Plättchen) zu treffen. Was bringt uns das: im Zweifelsfall, dass wir das Ganze noch einmal machen dürfen oder z. B. beim Nachziehen auch überlegen, welche Zahlenwerte zu welchen anderen Zahlenwerten auf unserer Hand passen könnten. Wir machen das mit dem Ziel, Mehrheiten (uha, Mehrheiten, oje… *gähn*) zu erringen, wobei wir dazu auf einer recht umfangreichen Tabelle Plättchenhäufigkeiten und Wertigkeiten konsultieren können. Und erfolgt eine Wertung, so lesen wir in bester Buchhaltermanier Zeile für Zeile, Spalte für Spalte verschiedenste Zahlenwerte für verschiedenste Plättchenarten und Platzierungen ab, um ein Holzklötzchen auf einer Leiste vorwärts zu bewegen. Wessen Holzklötzchen am Schluss am weitesten vorne ist, der gewinnt. Klingt das nicht auch, mal bewusst überspitzt von dieser Seite betrachtet, verdammt trocken, abschreckend und höchst unerotisch? ;-) Und trotzdem ist die Wirkung beider Spiele höchst verschieden (ach ja, im übrigen mag ich Alhambra wirklich sehr, sehr gerne, bevor mich jemand missversteht :-)).
>Wenn man den (beim Spiel nur kurzen) Bietmechanismus von Amun Re mal weglässt und das Tempelopfer, bleibt meiner Meinung nach ein langweiliges durchschnittliches Spiel.<
Nuja, das ist ja jetzt eine doch recht verwegene Argumentation von deiner Seite: wenn man Hauptteile der Interaktion und Bluff-Elemente aus dem Spiel streicht, wird’s langweilig… :-) Das kann einem auch ganz leicht bei anderen Spielen passieren: streich das (manchmal eh nicht stattfindende) Handeln bei Siedler – es wird ziemlich öde. Lass das Würfeln bei Risiko weg: staubtrockenes Spiel ohne. Puerto Rico ohne zufällige Plantagenverteilung: reichlich berechenbar… Nuja, Du weißt, auf was ich raus will ;-)
>Bleibt abzuwarten, ob das Spiel nach einem Jahr noch so gut ankommen wird oder es schwächer bewerte werden würde.<
Das geht den meisten Spielen so, wobei ich persönlich darauf tippen würde, dass da andere hoch gehandelte Titel dieses Jahr noch deutlich mehr verlieren werden.
>Ich habe manchmal das Gefühl, dass die Spieler sich selbst vergessen: Klar, spielt man gerne mal Puerto Rico, aber spielt man nicht auch diese kleinen lockeren Kartenspiele, schöne Familienspiele und und mit ebenso viel Spaß?<
Manchmal verzerrt das Forum in dieser Hinsicht etwas, weil es über komplexe Spiele einfach mehr zu reden gibt (über Strategien, Spielbalance etc.) als bei den einfacheren, nicht unbedingt minder lustigen, häufig sogar besseren Spielen. Was will man z. B., mal willkürlich gewählt, über ein „Coloretto“, „Gulo Gulo“ oder „Schloss Schlotterstein“ groß diskutieren? Die funktionieren einwandfrei, bringen (sag ich jetzt mal der Einfachheit halber ganz subjektiv, andere mögen sicher anderer Meinung sein) einen Heidenspaß, die Regel ist eindeutig und jedem ist schnell klar, was man tun muss. Aus einer Diskussion „Ist die Geldstrategie bei Amun-Re die beste“ oder „Gewinnt der Maisspieler bei Puerto Rico“ ist aber inhaltlich einfach viel mehr herauszuholen. [i]Damit[/i] gewinnt man Bildschirmseiten – Umsätze für die Verlage aber nicht notwenigerweise :-D
>Deshalb muss ein komplexes (und Amun Re scheint mir eher gewollt kompliziert zu sein) noch lange nicht einen Spieler oder so genannten Vielspieler ansprechen und ein "Familienspiel" muss noch klange nicht weniger Spaß machen (villeicht sogar im Gegenteil, denn ohne Spaß spielt eine Familie bald nicht mehr).<
Vollste Zustimmung, aber wir haben’s halt auch teilweise mit anderen Ansprüchen bzw. vielfach mit Begriffsunklarheiten und Missverständnissen zu tun.
>Und nun zum Ketzerischen :
Wenn aber ein so genannter Vielspieler jemand ist, der berechenbare und beeinflussbare Spielverläufe mag und ohne diese kein Spaß hat, ist er kein richtiger Spieler und sucht nur eine mathematische Herausforderung.<
Hm, auch wenn ich den Begriff „richtiger Spieler“ genauso wenig mag wie den des „besseren Menschen“, teile ich die ketzerische Auffassung, dass sich mancher Tellerrand nicht allzu weit von seinem Mittelpunkt entfernen möchte, das Resultat solch konservativer Bemühungen aber als astronomischen Brückenschlag verkauft 8-)
>Bleibt zu hoffen, dass er bei einer "Niederlage" nicht frsutriert das Brett vom Tisch fegt und seinen Mitspielern, die ja offensichtlich im Leistungskampf um die beste Taktik besser waren, eins auf die Nase gibt ... <
Eine Schrotflinte ist effektiver, und nach einem öffentlich statuiertem Exempel verlierst Du nie wieder gegen irgendwen :-D Aber mal im Ernst: letztlich wird hier doch nur Vorurteil mit Vorurteil gekontert, um die Versäumnisse beider Seiten offenkundig werden zu lassen. Und hier flüchte ich mich dann halt mal zur Bestätigung einer allgemeinen Erwartungshaltung auf die mathematische Seite, weil Du die andere schon besetzt hast ;-). Aber ein bisschen einfallslos ist das schon – fällt da wer drauf rein? Kauft uns das jemand ab, dass wir hier [i]wirklich[/i] streiten? Lässt sich da jemand zu einer kontroversen Diskussion animieren? Oder schickt man uns demnächst in ein eigens dafür eingerichtetes, geschlossenes Philosophie-Forum mit gepolsteterten Zellen? Teilnehmerzahl: 2. Wir beide. Top Poster: einer von uns ;-)
>(ist ein wenig genervt vom Verlauf dieser Jury-Vielspieler-Listen-Diskussionen, hat aber nichts gegen die ursprüngliche Aussage von Rolf zu Alhambra)<
Eigentlich ging’s ja nur darum, dass Rolfs Urteil zu Alhambra in meinen Augen nicht abwertend war - aber so wurde (wird, hoffentlich?) mal wieder eine richtig nette Diskussion über Spiele draus, worüber ich mich auch nicht beschweren will ;-)
Beste Grüße,
Roman