Beitragvon Peter Gustav Bartschat » 15. November 2003, 11:43
Die große Frage ist, lieber Michael: Mit welcher Zielsetzung soll dieser Spieleabend stattfinden?
Die übliche Zielsetzung bei Veranstaltungen dieser Art ist ja, durch eine tendenziöse Auswahl in Verbindung mit ohne jede Sachkenntnis verbundenen Vorträgen Gefahren für die Jugend durch Spiele mit Kriegs-Thematik herbeizubescwören und dann im Abschluss gemeinschaftlich nach Verboten zu schreien.
Wenn ihr aber einen unüblichen Weg gehen und euch ernsthaft mit der Frage "Darstellung von Krieg und Frieden im Spiel" beschäftigen wollt (und das glaube ich zumindest bei dir ohne weiteres, weil du sonst kaum hier recherchieren würdest), dann ist mein erster Tipp:
Klammert den Oberbegriff "Strategiespiel" aus eurer Suche aus. Ein Strategiespiel ist ein Spiel, das von den Spielern langfristige Planung ihrer Spielzüge und selbst formulierbare Zielsetzungen erfordert - mit "Krieg" hat das nicht unbedingt etwas zu tun. (Ein Strategiespiel kann auch ein Kriegsspiel sein, in dem Sinne, wie ein Katholik auch ein Brillenträger sein kann.)
Tipp Nummer zwei: Euer Thema ist ja nicht "Krieg", sondern "Krieg UND Frieden". Verzichtet also auf reine Kampf-Simulationen. Besser passen Spiele, die den Spielern die Wahl zwischen Krieg und Frieden auf Spielbrett und Tisch lassen, und die im besten Fall sowohl auf diplomatischen wie auf militärischen Wege gewinnbar sind, mindestens aber Chancen und Risiken des Krieg-Führens abzuwägen zwingen.
Manche wurden hier schon genannt; speziell unter diesem "dualistischen" Aspekt empfehle ich:
- Wallenstein
- Anno 1452
- Krone und Schwert
- Ehre der Samurai
- Mare Nostrum
- Euphrat und Tigris
- Das Tal der Mammuts
- Knatsch
In nicht allen diesen Spielen wird im eigentlichen Sinne des Wortes "Krieg" geführt, sie alle aber lassen den Spielern die Wahl, ob sie gegen ihre Mitspieler vorgehen oder mit ihnen co-existieren wollen, ob sie nach einem erfolgten Angriff einen Vergeltungsschlag ausführen oder sich zurückziehen wollen. In wie weit sie tatsächlich für einen eingefleischten Pazifisten, der beim leisesten Anzeichen eines Konfliktes das Hasenpanier ergreift, gewinnbar sind, ist eine andere Frage: Entscheidend ist, dass das Regelwerk den Spielern die Wahl lässt.
Dazu kommt, dass die Spiele von "strategisch anspruchsvoll" (Euphrat und Tigris) bis "Zufalls- und Würfelgesteuert" (Knatsch) eine ziemliche Bandbreite abdecken; zum einen also zeigen, was "spielerisch möglich" ist, zum anderen auch (wenn denn tatsächlich gespielt wird) für jeden Geschmack etwas anbieten.
Auch "Princes of the Rennaissance" könnte man noch dazu nehmen: Der Anteil "Krieg" nimmt zwar in der Summe all dessen, was die Spieler im Verlauf des Spiels tun, einen recht geringen Platz ein, kann aber, wenn sich jemand darauf spezialisiert, den Spielverlauf nachhaltig beeinflussen - auch das ist ein Aspekt des Krieges im "Zusammenspiel der Nationen".
Und zum Spiel "Krieg und Frieden": Ja, auch das solltet ihr zeigen; weil es des Titels wegen zur Veranstaltung passt und weil es ein hübsches Beispiel ist, wie Titel und Spielmechanik sich zueinander verhalten können.
So oder so: Ich wünsche euch viel Spaß und Erfolg bei der Veranstaltung; vielleicht erlebt ihr ja tatsächlich die erste Diskussionsrunde seit Erschaffung des Universums, bei der die Begriffe "Krieg" und "Spiel" gemeinsam ohne Panikmache und dem Aufbau von Spielen und Spielern zu persönlichen Feindbildern der Teilnehmer behandelt werden.
Auf Xuntheit!
Gustav der Bär