Beitragvon Peter Gustav Bartschat » 11. Mai 2004, 14:09
Es gibt, denke ich, einige ganz unterschiedliche Arten von Regeländerungen, die man getrennt voneinander betrachten sollte.
1. Varianten
Beispiel: Die Siedler von Catan
Die Regeln geben eine Rumpf-Version vor, die zum Erfinden von Zusatzregeln gradezu herausfordert. Die große Variabilität des Materials unterstützt das noch. Ich möchte die Siedler als Spiel bezeichnen, das "lebt", und zwar durch und für seine Varianten.
Ein anderes Beispiel wäre Schach, das durch Varianten wie "Kartenschach" auch veränderbar ist.
Gemeinsam ist allen Regel-Varianten, dass sie die Existenz des Grundspiels nicht in Frage stellen: Es gibt immer eine festgeschriebene und funktionierende Regel, mit der man als Einsteiger beginnen und von der man beim Erfinden von neuen Varianten ausgehen kann.
2. Weiterentwicklungen
Mit den Erfahrungen vieler Spieler und vieler Spiele kommt man oft in Situartionen und auf Ideen, die noch so ausgiebiges Testen nicht erzeugen konnte. Das kann - oft in Zusammenarbeit von Autoren und Spielern - zu einer interessanteren oder in einzelnen Passagen ganz neuen Regel führen.
Spiele-Longseller wie Risiko haben solche Änderungen bereits mehrmals mitgemacht; auch die Weiterentwicklung von "Entdecker" zu "Die neuen Entdecker" gehört in diese Gruppe.
3. Verbesserungen
"Sid Meyers Civilization - The Board Game" wurde in diesem Zusammenhang schon genannt: Ein Spiel, in dem viel mehr an Potenzial steckt, als man der ersten Auflage der Regel ansah. Auch da spielt das Feedback der Spieler eine wichtige Rolle.
Für die, die sich an die langwierige Aufgabe machen, die Möglichkeiten eines solchen Spiels in eine nachträglich geänderte Regel umzusetzen, ist es sicher eine interessante Herausforderung.
Diesen drei Arten von Regeländerungen ist gemeinsam, dass sie alle nicht im Handumdrehen zu erledigen sind. Sie erfordern intensive Planung und intensives Testen, liegen schon nahe an der tatsächlichen Erfindung eines neuen Spiels.
Aus meiner Sicht gibt es nichts, was gegen eine solche kreative Beschäftigung mit Spielmaterial und Regeln spricht (außer, dass wahrscheinlich nicht jeder die Zeit und Lust dazu hat).
Dazu sage ich: "Weiter so, denn aus kreativem Umgang mit alten Spielen werden neue Spiele!"
Völlig anders aber sieht es mit der nächsten Art von Regeländerungen aus, nämlich der, die davon ausgeht, dass man tatsächlich "mit ein paar kleinen Änderungen" aus einem schlechten Spiel ein gutes machen könnte:
4. Verwässerungen
Die "kreativen Köpfe" dahinter sind meist Leute, die entweder die Regeln nicht verstanden haben, oder die nicht verlieren können und die Schuld für ihre Niederlagen vorschnell in "unfairem Verhalten" ihrer Mitspieler oder in "Fehlern in der Spielregel" suchen, statt in ihrer eigenen Strategie und Taktik - oder einfach zu akzeptieren, das man eben manchmal verliert.
Diese Art von Regeländerungen erkennt man daran, dass sie - oft sehr wortgewaltig - über einzelne Spielkarten aus einem umfangreichen Kartenpool oder einzelne Regelbestandteile aus einem komplexen Regelwerk schwadronieren, ohne deren Zusammenwirken mit vielen anderen Elemente zu einem "Gesamtkunstwerk Spiel" zu berücksichtigen.
Dazu sage ich: "Jeder ist seines Glückes Schmied."
Mit einem lieben Gruß
Gustav