Beitragvon Bernd Schlüter » 27. Mai 2004, 14:50
Hallo Roman und alle anderen, die mit der Umfrage zu tun haben.
Ihr macht wie jedes Jahr (oder sogar nach jeder Messe) die Neuheitenumfrage, und wie jedes Jahr durchzucken mich die gleichen Gedanken und Gründe, weswegen ich nicht teilnehme. Aber dieses Jahr, wollte ich meine Zweifel an Verfahren und Auswertung mal kundtun. Bin anscheinend momentan in Schreiblaune :-)
Zunächst muss natürlich sagen, dass ich im Gegensatz zu dem ein oder anderen hier :-) kein Freund von multidimensionalen Wertungen u.ä. Zahlenspielereien bin. Und wenn ich auf die Frage „wie gut finden die Leute das Spiel xy denn“ die Antwort „1,65234“ bekomme, kann ich damit nicht viel anfangen. Wobei es mich eigentlich eher stört, dass die Relation zwischen den Spielen so angegeben wird. Ist ein Spiel, das um 0,02 Punkte vor einem anderen liegt, tatsächlich besser? Ein weiterer Punkt ist, dass ich mich von solchen Umfragen nicht in meinem Geschmack beeinflussen lasse. Selbst wenn alle anderen ein Spiel toll finden, ich aber nicht, würde es nichts an meiner Meinung ändern. Und last but noch least: Im Grunde findet man ja nur die Ostereier, die man selbst versteckt hat. Will sagen: Es kristallisiert sich hier im Forum ja schon heraus, welche Spiele gut ankommen und welche nicht. Und es liegt ja auf der Hand, dass Spiele, die hier gut ankommen, auch weit oben auf Eurer Rangliste stehen.
Das waren einige allgemeine Vorbehalte gegen solche Umfragen, nun mal zum Statistischen…
Im Grunde geht Ihr ja folgendermaßen vor: Die Spieler bewerten ein Spiel mit Schulnoten, Ihr bildet für jedes Spiel das arithmetische Mittel aus den abgegebenen Noten und erstellt daraus eine Rangfolge der Spiele. Und da frage ich mich nun, ob Ihr wirklich das heraus bekommt, was Ihr wissen wollt (bzw. den Spielern mitteilen wollt) und ob dieses Verfahren statistisch gesehen nicht falsch ist.
Das die Spieler Schulnoten vergeben, die ja auch operant definiert sind, ist ja durchaus ok. Das Problem habe ich mit dem errechneten arithmetischen Mittel und der Rangliste. Das arithmetische Mittel ist ja das, was die meisten (noch aus der Schule) als Mittelwert kennen. De facto gibt es aber mehrere Mittelwerte (arithmetisches Mittel, Modus, Median), die je nach Skalierung der Werte verwendet werden dürfen – oder halt auch nicht. Und da das Schulnotensystem lediglich ordinalskaliert ist, darf das arithmetische Mittel nicht benutzt werden. Bei Ordinalskalierung verwendet man den Modus, was mir gerade bei einer Umfrage dieser Art auch sinnvoll erscheint. Was ist nun der Modus? Beim Modus wird der Wert (in unserem Fall die Note) als Mittelwert genommen, der am häufigsten genannt wird. Geben die meisten Spieler einem Spiel also eine 2, ist der Modus (also der Mittelwert) 2. Und wenn man Leute bzgl. eines Spiels fragt, wonach geht man dann? Wenn die meisten Leute sagen, dass das Spiel gut ist, gehe ich erstmal davon aus, dass es gut ist. Ich denke mir ja nicht „ein großer Teil sagt, dass es gut ist, ein paar sagen, dass es eher schlecht ist, also ist (wenn ich das arithmetische Mittel bilde) das Spiel mittelmässig.“ Insofern wäre das Benutzen des Modus ja nicht nur statistisch gesehen korrekt, es macht auch „real“ mehr Sinn. Dann gäbe es auch nicht das Problem, dass ein Spiel eine reelle Zahl (z.B. 1,534) als Mittelwert hat. Die Rangliste würde dann natürlich auch flach fallen, da es ja nur noch 6 Ränge gibt. Aber wäre es nicht auch sinnvoller, die Spiele in diese 6 Ränge zu ordnen? Denn was sagt es mir, wenn z.B. Funkenschlag mit einem Vorsprung von 0,02 vor dem nächstplatzierten Spiel liegt? Und ist San Juan tatsächlich besser als Goa? Reicht es nicht, zu sagen, dass es beides sehr gute Spiele sind? Im Grunde müsste ja für jeden errechneten Mittelwert auch noch die Streuung (z.B. Standardschätzfehler) berechnet werden, damit man überhaupt feststellen kann, ob zwei Mittelwerte sich überhaupt signifikant unterscheiden oder quasi gleich sind. Und spätestens hier würde sich dann herausstellen, dass der Mittelwert vieler Spiele gleich ist und sie somit den gleichen Platz in der Rangliste belegen müssten. Wäre es nicht einfacher, direkt nur 6 Ränge zu nehmen und zu sagen „die Spiele x, y, z, wurden von den meisten Spielern mit sehr gut bewertet, die Spiele a, b, c wurden von den meisten als gut bewertet, etc“? Und ist das nicht auch Euer eigentliches Ziel? Denn ansonsten müsstet Ihr die Leute ja nicht nach Noten für die Spiele fragen, sondern sie die Spiele in eine Rangfolge bringen lassen.
Ich hoffe, dass das Posting nicht als Besserwisserei oder ähnliches missverstanden wird, sondern als konstruktive Kritik.
Schöne Grüße
Bernd