Beitragvon Roman Pelek » 4. Juni 2004, 18:04
Hallo Hartmut,
Hartmut schrieb:
> Im Übrigen teile ich die Meinung, dass der Einstieg ins Spiel
> durch's Erarbeiten von Regeln (hier: Alea, aber auch z.B.
> Goa) mitunter eine enorme Hürde ist. Ich war damals auch ganz
> froh, PR erklärt zu bekommen. Die Fifth Avenue Regel habe ich
> in Bilstein meiner Runde vorgelesen und mich desöfteren
> geärgert, was für Satzmonster und Wiederholungen da
> drinstehen. Das hätte man sehr viel kompakter verfassen
> können (Beispiele für genial geschriebene Regeln: Attika, Zug
> um Zug).
Hm, was den Einstieg angeht, sind natürlich einfache Spiele so oder so klar im Vorteil. M. E. hat das aber nichts mit der Qualität der Spielregel zu tun. Es ist eine weitaus geringere Kunst, zu eingängigen, einfachen und zum Großteil bekannten Mechanismen (wie bei ZuZ, EG etc.) eine gute und verständliche Spielregel zu verfassen als bei komplexeren Titeln mit evtl. irritierenden (=andersartigen) Mechanismen. Man muss immer die Komplexität (oder auch Kompliziertheit) eines Spiels in Relation dazu setzen. Ein komplexes Spiel in 45 Minuten komplett zu erfassen spricht häufig eher für Regelqualität als ein einfaches Spiel in 10 Minuten zu kapieren. Und wo bei einem simplen Spiel 1 Regelfrage schon zuviel sein mag, mögen bei einem komplexen durchaus 3, 4 nochmals nachzulesende Punkte legitim sein, finde ich.
> Und die Erfahrung, dass SJ in einer erfahrenen Spielerrunde
> im Freundeskreis trotz Einführung eines Wissenden (ich) aus
> genannten Gründen (Komplexität der Karten im zusammenwirken,
> Abschätzen-Können der individuellen Handlungsmöglichkeiten
> und Auswahl einer guten Option) floppte, will ich auch nicht
> verschweigen.
Nun denn, aber auch bei einfachen, aber taktisch nicht banalen Titeln wird man doch in der ersten Partie nicht die Gänze der Möglichkeiten erfassen und den optimalen Zug machen können. Seltsamerweise nimmt das Bedürfnis, ebensolches zu können (bzw. erklärt zu bekommen), manchmal proportional zur Komplexität zu - das habe ich in meinen Runden auch häufiger beobachtet. Wenn ich die Regeln erkläre, bin ich da manchmal hartnäckig und sage: spielt einfach mal drauf los, probiert was aus, und wenn ihr ne "echte" Frage habt, meldet Euch nochmal... Wenn ich Leuten VOR einem PR oder SJ alle Möglichkeiten und Strategien erklären (und das möglichst in 2 Minuten) müsste, würde ich streiken und als Strafe "Mau Mau" auf'n Tisch bringen ;-)
> Da spielt es dann auch keine Rolle, dass es mir
> gut gefällt, wenn es nicht bei allen gut ankommt, und das
> nächste Teil kommt auf den Tisch (an diesem Abend waren das
> Einfach Genial und Zug um Zug, und beide wurden begeistert
> aufgenommen).
Tja, wenn ich mir manche Erfahrungen aus Spieletreffs und Postings hier im Forum über die letzten Monate und Jahre so ansehe, kommt mir immer mehr ein bedenklicher Verdacht: dass auch die Spieleszene und damit viele Spieler - die ja für sich eigentlich in Anspruch nehmen, einem Hobby etwas intensiver zugeneigt und damit belastbarer zu sein - zunehmend im Fast-Food-Denken und Erlebniswahn versinkt. Zu diesem Eindruck haben einige Dinge beigetragen, die ich mal kurz anreißen mag:
- Es scheint sich ein "Neuer als die Neuheit"-Diktat etabliert zu haben a la "Was interessiert mich das vor 2 Tagen erschienene Spiel noch, wenn heute ein neues erscheint?" Extremstes Beispiel jüngst war die Publikation und Diskussion der Kosmos-Neuheiten des Herbstes, und das, wo noch nicht mal jeder Nürnbergtitel käuflich erhältlich ist :-)
- In Spieletreffs/Wochenenden scheint es dementsprechend bei einigen nur noch darum zu gehen, eine möglichst gute "Neuheiten gespielt/Zeit"-Quote zu erzielen. Ob es vielleicht spaßiger wäre, mal einen alten Titel zwischendurch einzulegen, steht da (zu) selten zur Debatte. Und mittlerweile scheinen auch komplexere Regeln als „Bremser“ hinsichtlich der Zeitoptimierung zunehmend hinderlich zu werden.
- Es hat sich nach meinem subjektiven Eindruck im letzten Jahr etwas gehäuft, dass Spiele oder deren Regeln direkt und deutlich abqualifiziert wurden, wobei letztlich nur eine überlesene (gleichwohl vorhandene) Regelpassage diesen Eindruck erweckte.
- Es gingen bei komplexeren Titeln einige Strategiediskussionen durchs Forum, bei denen ich mich des Eindrucks nicht erwehren konnte, dass da manchmal Thesen im Brustton der Überzeugung verkündet wurden, die nur auf geringer Spielerfahrung beruhen konnten (und das nicht gesagt bzw. als Frage formuliert wurde).
- Der Neuheitenhype nimmt m. E. in letzter Zeit stark zu. Vielerorten werden neue Spiele hoch gelobt ungeachtet einiger (teils auch gravierender) Macken, die man eigentlich schon nach 2, 3 Partien erkennen müsste. Das schlägt sich in anderer Ausprägung auch dadurch nieder, dass irgendwie die aktuellen Neuheiten „außergewöhnlich“ sind, aber der „Schnee von gestern“, an dem man sich vielleicht satt gespielt hat, oder bei dem man die Fehler mittlerweile entdeckt hat, weniger gut war.
- O. g. Trend scheinen sich mittlerweile auch die guten Websites zum Thema Spiel nicht mehr verschließen zu können. Da scheint mir ein unheimlicher Erfolgsdruck zu herrschen, die aktuellen Neuheiten/Nominierungs-/Empfehlungsliste möglichst schnell und komplett abdecken zu können.
Was ich damit sagen will: warum kommen wir nicht mal wieder etwas mehr zu Ruhe und Gelassenheit zurück? Damit meine ich sicherlich nicht Trägheit, aber eine gewisse Entspanntheit, nicht alles und jedes zu kennen und zu jedem Titel am nächsten Tag schon etwas sagen zu können. Sondern vielleicht auch mal zu einem Spiel die Regeln nochmals in Ruhe zu lesen, ihm noch eine zweite Chance zu geben, bevor man sich eine Meinung bildet und zum nächsten übergeht. Mut zur Lücke und ein bisschen Spaß daran, einige Titel richtig zu entdecken eben ;-)
Was mir daran aber wirklich Sorgen bereitet: wenn wir in der Spieleszene schon so mit der Schnelllebigkeit und einem zunehmenden Berieselungs-/Eventdenken zu kämpfen haben, wie geht es dann erst dem „internetbeschleunigten Normalverbraucher“ von Spielen? Überspitzt formuliert: Was sollen wir den „Normalos“ in Zukunft noch als Spiel des Jahres anbieten? Einen Würfel mit der interaktiv-multimedial aufbereiteten Regel als DVD anbei, die besagt, dass der gewinnt, der zuerst eine „6“ würfelt plus Erklärung, wie man korrekt würfelt? Und im nächsten Jahr dann die Erweiterung „2 Würfel“, dann „3 Würfel“, und irgendwann kriegen wir im 6. SdJ-Anlauf ein „Kniffel“ oder „Can’t Stop“ zusammen? :-D
Ciao,
Roman