Beitragvon Roman Pelek » 18. Juni 2004, 21:42
Hi Michael,
da Jost meine kritischen Anmerkungen aufgreift, möchte auch ich gerne auf die detaillierteren Äußerungen als „Schuldiger“ gerne subjektiv mit antworten:
Michael Weber|Reich der Spiele schrieb:
>
> Jost Schwider schrieb:
> > 1. Werden nach eurer Erfahrung Neuheiten gravierend
> > überbewertet?
>
> Zum Teil ja. Jedes Alea-Spiel wird erst mal gelobt, jedes
> 2F-Spiel wird geradezu gehypt. Alles, was taktisch aussieht
> wird erst mal "sehr interessiert" diksutiert. Danach wird
> dieses Forum realisitischer und die ersten Spielergebnisse
> fließen offenbar in die Diskussion ein.
:-)) Ja - genau das ist auch mein Eindruck.
> Ein gutes Beispiel ist Bohn Hansa, das hier als Super-Spiel
> diskutiert wurde und kurze Zeit später machte sich etwas
> Ernüchterung breit. Heute redet jedenfalls kaum nach einer
> davon. Um beim Beispiel zu bleiben. In unseren Spielecharts
> war Bohn Hansa sofort beim Erscheinen platziert, aber schon
> zwei Monate später bekam es kaum noch Stimmen. Das nenne ich
> dann Überbewertung oder auch Hype.
Hm, als typisches Spiel würde ich "Bohn Hansa" beileibe nicht nehmen. Das Spiel hat das Handicap einer freien Verhandlung zwischen Spielern und ist damit eh problematisch - in manchen Runden läuft es, andere tun sich damit schwer. Meiner – rein subjektiven - Erfahrung nach kann "Bohn Hansa" zuerst durchaus Spieler für sich gewinnen, dann folgt eine gewisse Ratlosigkeit, und wenn man sich dann im Klaren ist, wie man vorgehen muss, macht es wieder richtig Spaß. Nur die Phase der Ratlosigkeit übersteht es als Spiel bei den Wenigsten. Deswegen ist es (leider) so eingebrochen…
Wie dem auch sei: für Hype/Antihype würde ich als Beispiel nicht ein (relativ freies) Verhandlungsspiel nehmen. Die haben eine zu große Abhängigkeit von der Dynamik der jeweiligen Gruppe - siehe auch Spiele wie "Intrige" oder "Händler von Genua". Auch (primäre) Versteigerungs- oder Grüblerspiele eignen sich m. E. für solche Vergleiche nur wenig, die weisen eine zu breite Streuung bzgl. der Spielerfahrung auf…
> Grundsätzlich ist es nur natürlich, dass Neuheiten, auf die
> man länger wartet (weil die Ankündigung/Pressetexte so gut
> sind), erst mal fleißig und wohlwollend diskutiert werden.
> Dann ist es auch normal, dass ein Urteil zunächst positiver
> ausfallen mag, als üblich. Wenn das Spiel keine echte Lusche
> ist. Vielleicht versteckt sich dahinter auch Psychologie? Was
> ich selbt gut haben will, werde ich nicht als schlecht ansehen?
Ich denke, jeder eingefleischte Spieler freut sich erstmal über viel versprechende Spiele, gerade wenn sich ein Verlag mal wieder traut, etwas Komplexes oder Ungewöhnliches zu publizieren. Geht mir nicht anders. Aber allzu oft folgt dem (bei mir) auch Ernüchterung: entweder hat das Spiel 'ne Macke oder das pompöse Äußere lässt sich nach 2, 3 Partien auf einen Kern reduzieren, der wesentlich weniger ist, als das Spiel vorgibt zu bieten.
> > 2. Falls ja, wie kann man dies in Diskussionen (und ggf.
> > Umfragen?) relativieren?
>
> Bei unseren Charts relativiert sich das von selbst. Übrigens
> ist der aktuelle Jahrgang auch dort sehr stark vertreten,
> nicht nur hier in Diskussionsform ...
> Also, vielleicht etwas länger mit Umfragen warten?
Hatte ich bzgl. der Neuheiten-Umfrageproblematik schon angesprochen: welcher Hahn kräht bzgl. eines isolierten Jahrgangs (so spät) noch danach? Mit vielleicht 5-6 Hähnen lässt sich halt keine aussagekräftige Umfrage durchführen :-( Das Einzige, was dann noch zieht, sind „Alltime-Best"-Umfragen bzw. (wie u. a. bei Dir und Frank) monatliche Umfragen, wo man wirklich alles mit rein nimmt.
> Bestes Beispiel ist die Fairplay-Scoutliste, dei im Grunde
> keinen Pfifferling jenseits einer groben Eindrucks(!)liste
> wert ist, auch wenn sie ihre ganz eigene Berechtigung hat.
Sie hat sicher ihre Berechtigung, und ich denke, sie gab auch nie vor, mehr (oder vielmehr etwas anderes) zu sein als sie ist.
> Leider sehen viele kurz nach Essen diese Liste als maßgablich
> an und so trägt sie (ungewollt?) zu Über- und
> Unterbewertungen bei.
Das ist ein Punkt, der mich in der Tat verwundert: da läuft eine Tausendschar von langjährig Spieleinteressierten in Essen herum und sie sind dennoch so leicht in ihrem Verhalten zu beeinflussen. Diese Gruppendynamik finde ich sehr beachtlich/bedenklich, zumal sie unter Leuten funktioniert, die eigentlich als Spieler/Autoren/Redakteuren/Rezensenten zum Großteil wirklich erfahren in diesem Bereich sind.
> > 3. Ganz ehrlich, überbewertet ihr selbst auch Neuheiten?
>
> Ich hoffe nicht, da ich doch Rezensionen schreibe ;-)
> Übrigens relativiert sich auch manch gutes Spiel schon, wenn
> man es mal in einer anderen Gruppe spielt ...
Schöne Anmerkung – mir geht’s da absolut nicht anders. Wie schnell wird aus einem „Topp“ ein „Flopp“ und umgekehrt, wenn man nur andere Leute an den Spieltisch bringt…
> Solange hier diskutiert wird, ist es ein Problem, dass
> größtenteils unter "Experten" oder recht
> interessierte/informierte SpielerInnen bleibt. Von daher kann
> man hier damit leben/umgehen.
Jein. Eigentlich wollte ich ursprünglich thematisieren, dass selbst wir uns manchmal schwer tun, nicht dem aktuellen Galopper nachzurennen und Wetten darauf abzuschließen. Das war durchaus interne Szenekritik (mit der Absicht, eine kontroverse Diskussion auszulösen) von meiner Seite aus.
> Aber im Grunde stimme ich dir
> allgemein zu, dass eine aus der drängenden Erwartungshaltung
> heraus gegebene Einschätzung zu einer nicht der Qualität (und
> der Zielgruppe?) gerecht werdenden Empfehlung oder arnung für
> "Normalspieler" werden kann.
Okay, das war die Kurve hin zu Eurer Zielgruppe und insofern als Statement vollkommen korrekt.
Ciao,
Roman