Beitragvon Roman Pelek » 30. Juni 2005, 13:39
Hi Gustav,
vorab herzlichsten Dank für dieses "Nähkästchen" - das waren in der Tat Überlegungen, die bislang vollkommen fehlten. Ich persönlich find's schön, dass man auch hier im Forum ernsthaft über Grundsatzfragen diskutieren kann - wenn man nur will :-) Damit straft das Forum einige Kritiker Lügen, was ich nicht sonderlich schade finde :-))
Peter Gustav Bartschat schrieb:
> Abgesehen davon, dass ich ein bisschen aus der Schule
> geplaudert habe, sagt es uns, dass die tatsächliche Beziehung
> zwischen Autoren und Werken eine ganz andere sein kann, als
> die Öffentlichkeit vermutet.
Bzw. werden wir - wie in anderen Branchen - eine andere daraus machen (teils auch machen müssen). Auf jeden Fall ist bedenkenswert, dass man mit einem "Mehr an Prominenz" immer Seiteneffekte auf den Plan ruft. Und da muss man ganz klar abwägen: "Was will ich haben und was nicht". Ein reines Wunschkonzert ist das Leben leider nur allzu selten *seufz*
> Sollte die Verbreitung von Autoren-Namen in der Spielbranche
> dem Medium Spiel nützen, dann habe ich überhaupt nichts
> dagegen. Ob dadurch aber mehr Information über Spiele an die
> Öffentlichkeit getragen würde, scheint mir fraglich, denn ich
> vermute, dass dann etwa folgendes passieren würde:
>
> - Reiner Knizia müsste die meisten Spiele unter Pseudonymen
> zu veröffentlichen, und nicht mehr als ein Spiel pro Jahr
> erschiene unter seinem Namen.
Reiner wäre sicher der erste, ja. Auch wenn seine Spiele nicht jeder mag: wir haben derzeit keinen verlässlicheren und vielseitigen Autoren als ihn. Ich zumindest könnte keinen anderen Autoren der Szene benennen, der sich so offenkundig weiterentwickelt und ständig selbst neu erfindet, auch wenn er bei seinem Output zwischenzeitlich auch mal gestandenen Mist drunter hat - wo gehobelt wird, fallen halt auch mal Späne.
Andererseits könnte ihm ein Pseudonym auch zum Vorteil gereichen: nämlich die reichlich stereotypen Stigmata abzuschütteln, die seiner Arbeit immer noch anhängen, ihm aber längst nicht mehr gerecht werden. Und ich wette meine Altersvorsorge darauf, dass es die meisten mittlerweile nicht mehr merken würden, wenn ihnen ein Knizia unter anderem Namen untergejubelt werden würde ;-)
> - Autorenteams, die heute in Einzelfällen bewusst leicht
> durchschaubare Pseudonyme wie "Kara Ben Hering" benutzen,
> würden dem Publikum fiktive Einzelautoren vorspielen müssen,
> für die vielleicht sogar komplette Biografien erfunden würden.
Sehr richtig. Derzeit gereichen Pseudonyme primär der Spaßbringung der Erfinder und Beobachter. Aber ich zweifle nicht daran, dass wir notfalls den Schalter auch ganz spontan von "Spaß" auf "Ernst" schalten können. Ich habe diese Ereignisse eh als Hinweis gedeutet: "Hey, Jungs und Mädels, wenn wir wollen, können wir das auch in richtig. Dann erzählen wir's euch einfach nicht, und dann schaumermal, was passiert."
Auch ich habe des öfteren mit diesem Gedanken (Pseudonym) gespielt, ihn aber verworfen, weil ich mir dachte: "Okay, mit dem was Du tust, machst Du Dich zwischenzeitlich durchaus sehr angreifbar. Langfristig schadet es aber nicht, wenn jeder weiß, dass Du viele Spielchen mal namentlich mitgespielt hast.". Das ist eigentlich auch der einzige Grund, warum ich (und einige andere) hier noch öffentlich unter Realnamen schreiben: die vage Hoffnung, dass sich die Erkenntnis durchsetzt, dass es durchaus noch Leute gibt, die konstruktiv mitarbeiten möchten - und dass die Nachteile hoffentlich die Vorteile aufwiegen. Sicher bin ich mir bei letzterem Punkt auch nicht, aber wenn ich mir schon nicht sicher bin, kann ich wenigstens ehrlich sein - die Ehrlichkeit geht uns im Leben mittlerweile allzu oft verlustig, weil wir alle um unsere Pfründe kämpfen müssen.
> Insgesamt, vermute ich mal, wäre die Welt auch dann immer
> noch dieselbe, die sie heute ist. Aber wer weiß das schon?
Wenn das Früchte trägt, was Du gedanklich als Option durchspielst, wäre unsere Welt sicher deutlich verlogener. Am Inhalt würde es vermutlich wenig ändern, aber der Umgang miteinander wäre empfindlich anders. Wir würden von ehrlichen Statements (wie z. B. von Marcel-André oder Franz-Benno) hinüberdriften in eine Welt, die mehr von anonymen "Ankotzereien" geprägt wäre, die kein Außenstehender mehr versteht.
Ich schätze es rein menschlich sehr hoch ein, dass Marcel und Benno hier Charakter beweisen und sich öffentlich bekennen. Beide haben es nicht nötig und könnten andere Wege gehen. Ich persönlich bin sehr froh, dass ich mich mit ihnen hier noch öffentlich streiten kann, so dass es jeder sieht und jeder die Chance hat, sich seine eigenen Gedanken dazu zu machen.
Es gibt zu viele "elitäre" Kreise in der Szene. Und dass wir mittlerweile auf's Riff gelaufen sind und deutlich Schlagseite zeigen, belegt nicht unbedingt, dass dieser Ansatz zu einer Problemlösung führt. Stille Kämmerlein sind sehr geeignet, um persönliche Gedanken vorzusortieren, aber ein sehr schlechtes Medium, um diese zu transportieren.
Ciao,
Roman