Beitragvon Heinrich Tegethoff » 29. Juli 2005, 19:47
Hallo Wolfram,
ich hoffe, ich gehe weniger polemisch auf die verschiedenen Definitionen
ein als Attila, auch wenn ich nicht alle Sichten teile:
Interessant ist die Diskussion allemal, da ich häufiger mit einem Mitspieler
über den "Glücksfaktor" eines Spiels diskutiere, und wir kommen nicht so
richtig auf den gleichen Nenner. Offensichtlich haben wir getrennte Ansichten
zur Definition eines Glücksfaktors (aka Zufall, als Vorstufe zum Glücksspiel)
im Hinterkopf, und da hilft Dein Diskussionsanstoß!
> Die fundamentale Definition:
Tatsächlich sind dann fast alle Spiele Glücksspiele. Hier müßte man
ergo über den Begriff "Glücksspiel" nachdenken, aber die Definition ist
zutreffend. Denn manchmal wollen wir Spiele [i]ohne[/i] Glücksanteil,
und ergo bräuchte diese kleine Gruppe einen Begriff, nicht die Mehrheit
der Spiele.
> Die pragmatische Definition:
Wohl die beste Interpretation, auch wenn viele Vielspieler wohl eine
Verstimmung dabei bekommen. Kaum ein Spiel mit Zufallskomponente
wird [i]niemals[/i] entarten, so dass [i]immer[/i] der bessere Spieler gewinnt,
egal was kommt.
> Die ergebnisorientierte Definition:
> Ein Spiel ist dann ein Glücksspiel, wenn jeder Spieler die
> gleiche Chance hat das Spiel zu "gewinnen", unabhängig davon,
> ob er ein erfahrener oder unerfahrener Spieler ist.
Damit sind nahezu alle Spiele keine Glücksspiele, denn selbst bei
MÄDN und Monopoly hat Erfahrung gegenüber "planlos" einen Vorteil.
Bei dieser Definition müßte ein Spieler auch durch einen Zufallsgenerator
ersetzt werden können, der gemäß Regeln spielt, und gleich häufig gewinnen.
Bestimmt kennt irgendwer so ein Spiel, aber die sind mE nicht marktfähig,
oder halt Werbespiele etc.
Ergo fällt diese Definition wohl aus.
> Die spielmechanisch ergebnisorientierte Definition:
> Ein Spiel ist dann ein Glücksspiel, wenn im Spielmechanismus
> Aktionen, Ereignisse oder Spielzüge eingebunden sind, die
> dazu führen können, dass erfahrene Spieler - trotz objektiv
> bester Spielweise - gegen unerfahrene Spieler verlieren können.
Im Grunde die Umkehrbeschreibung der pragmatischen Definition: da
in jedem Spiel mit Zufallskomponente sich gegen jede Wahrscheinlichkeit
ein konkretes Ereignis gegen den besten Spieler wenden kann, ist wohl
jedes Spiel ungleich fundamentaler Def. ein Glücksspiel.
Beispiel: Erfahrene Spieler können die Risiken besser einschätzen und
gewinnen Heckmeck _eher_ als andere - wer aber immer nur 8fach-5er
(oder 8x-1er etc) würfelt ist chancenlos. Statistisch so selten wie ein
eingefangenes Neutrino, aber denkbar, denn die Neutrinomessstellen
fangen so 70 pro Woche in einem riesigem Bottich ein, bei 66 Millionen
pro Sekunde und Quadratzentimeter.
> Die statistische Definition:
> Ein Spiel ist dann KEIN Glücksspiel, wenn die statistischen
> Informationen über Gewinner/Verlierer darauf schließen
> lassen, dass Spielerfahrung und Spielbeherrschung in hohem
> Maße am Ausgang des Spieles beteiligt sind.
Auch wenn diese Beschreibung gut klingt: sie "existiert" nicht. Ein
Spiel verändert selbst die Erfahrung jedes Spielers, und die Erhebung einer
Statistik sagt nur etwas über die betrachtete Spielergruppe, aber nichts
über das Spiel aus. Da es keine Statistik über alle Ausgänge eines
Spieles gibt, schließt diese Def. alle Spiele aus.
Bei Attilas bekanntem Faible für Statistiken (ich mag sie auch) fehlt
hier mE die Sicht, dass die Statistik das Ergebnis verändert.
> Ich persönlich tendiere zur pragmatischen Definition, obwohl
> ich auch mit der fundamentalen Definition liebäugel.
In diesem Satz steckt viel: wir (zumindest wir beide) wechseln wohl
häufiger die Definition, ja nach dem, wieviel Zufallskomponten
[b]offensichtlich[/b] im konkreten Spiel sind.(Zufall im Peer's Sinne).
Entsprechend wird es schwer sein, einen gemeinsamen Nenner zu finden,
wenn man selbst verschiedene Sichten hat, ja nach dem, ob ein
Spiel kein, wenige oder viele Zufälle bietet - unabhängig von deren Stärke
und/oder Einfluss.
Mir fehlt eine Definition, auch wenn diese umgangssprachlich ist:
Glücksspiel ist es ein Spiel, bei dem man Geld gewinnen oder
verlieren kann, und "professionelles Mogeln" kann einen in den Ruin
treiben.
Zudem wird "Glück" auch häufiger mit fehlendem eigenen Einfluss
verwechselt. Niagara wird häufiger als zu glücksbetont bezeichnet,
obwohl es sogar die fundamentale Definition nicht-erfüllt. Hier ist der
Einfluss der Mitspieler auf die eigene Handlung groß, und Fehlein-
schätzungen über die Aktionen der Mitspieler oder Unwissen über
deren Grenzen werden somit zum Glücksfaktor.
Servus,
Heinz