Beitragvon Michael Weber » 2. November 2005, 15:57
Der folgende Text sollte ursprünglich an anderer Stelle veröffentlciht werden, ist dort aber aus bestimmten Gründen in anderer Weise verwurstet worden. Da mich der liebe Roman aber geradezu aufgeforderrt hat, kommt er jetzt eben hier ;-)
Michael
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Kuscheln und Rasen
„Du bist Deutschland, du bist der Crashpilot“
Mitunter zählt allein die gute Absicht, etwas zu verändern wollen, schon bist du toll, hip, spitze oder gar Deutschland. Letzteres ist Botschaft der Kampagne „Du bist Deutschland”, hinter der neben Bertelsmann eine ganze Reihe von Medien wie der Axel Springer Verlag, das Erste, und Spiegel stehen. Bei so viel Medienmacht bekommst du glatt ein gutes Gefühl. So klingt das Motto der Kampagne richtig gut. „Du bist Deutschland” springt es dich hinter jeder Medien-Ecke förmlich an. Nein, es bahnt sich seinen Weg einfühlsam, geduldig in deinen Kopf. Unterstützt von Werbeplätzen im Gegenwert von mehr als 30 Millionen Euro und vielen Prominenten. Da bleibt dein Herz nicht unberührt, dein Hirn nicht unerreicht. Und die Macher zeichnen sich durch eine mehr als gute Absicht aus.
„Du bist Deutschland” - so bringt die Kampagne auf den Punkt, was Tatsache ist. Ein Land, ein Staat, ein Volk besteht aus Individuen. Aus einer großen Vielfalt von Persönlichkeiten. Aus Menschen. Glaubt man der Kampagne, aus Menschen wie du und ich. Aus Typen, die du magst, mit denen du kuscheln möchtest. Du musst dich nur trauen. So sind auch die Zitate wie „Du bist der Baum”, „Du bist Max Schmeling” oder „Du bist Porsche” zu erklären. Wenn du dich traust, kannst du nicht nur alle lieb haben, sondern auch ganz lieb alles werden.
Da lässt dich ein Ziel der Kampagne aufhorchen. Besser gesagt, die Begründung eines Ziels. Die geballte Medienmacht will dir nach der Bundestagswahl eine neue Aufbruchstimmung einreden. Und warum? Hier hilft ein Zitat von der Webseite der Kampagne weiter: „Es gibt zahlreiche Studien, die den Zusammenhang zwischen gesellschaftlicher Stimmungslage und wirtschaftlichem Erfolg belegen. Die Marktwirtschaft steht und fällt mit den Menschen, die Vertrauen in sich selbst und in die Zukunft ihrer Gesellschaft haben.” Aha! Kaum glaubst du, du seiest Deutschland, bist du schon verantwortlich für Massenarbeitslosigkeit, Betriebsverlagerungen ins Ausland und fehlende Kaufkraft. Dabei wolltest du einfach nur mal positiv in die Zukunft blicken.
Besser noch ist aber das Bild des Staus, dass die Kampagne zeichnen will. Dein Vordermann bremst, also bremst du wie alle anderen auch. Ein Stau entsteht. Der soll aufzulösen sein, indem „wir alle gemeinsam aufs Gaspedal treten.” Hast du aber mal nachgesehen, warum ganz vorne ein Fahrer gebremst hat? Gibt es vielleicht einen sozialen Unfall? Eine Hartz-IV-Baustelle? Oder kam ein schwacher Mensch nicht mehr rechtzeitig über die Straße?
Die Kampagne hat eins erreicht. Sie ist in deinem Kopf. Du weißt, dass du toll, hip, spitze bist. Ja, „Du bist Deutschland”. Aber bei so viel egozentrischem „Du”, hast du da noch Augen für andere? Für die, die nicht Baum, Max Schmeling oder Porsche sein können? Oder fährst du am Ende mit der Kampagne jemanden um, wo doch ein rücksichtsvolles, kuscheliges Miteinander angebracht wäre? Augen auf im Straßenverkehr, sonst heißt es „Du bist Deutschland, du bist der Crashpilot”!