Beitragvon Roman Pelek » 4. November 2005, 00:30
Hi Wolfram,
Wolfram Püchert alias WeePee schrieb:
>
> Hmmm, alle Tage wieder dieselbe Diskussion *g
Hm, bring' doch mal ein ganz neues Thema ein - viele hier, auch ich, wären Dir dankbar :-)
> Leider habe ich das Gefühl, dass hier fast nur aus der Sicht
> der sogenannten "Fanbois" / "Fanboys" diskutiert wird.
Naja, ich meine mich dunkel zu erinnern, dass diese Thematik in den vergangenen Jahren schon deutlich unrealistischer bzgl. des Massenmarktes und wirtschaftlicher Notwendigkeiten geführt wurde als im vorliegenden Thread.
> Ich will mal meine Sicht der Dinge vermitteln und erst einmal
> 2 Argumenten widersprechen:
>
> 1) Argument, dass PC - Spiele sooooo viel teurer sind
> Nun, die PC-Spiele-Hersteller können diese Spiele teurer
> anbieten, weil eine Nachahmung eines Spieles durch einen
> anderen Produzenten meist 9-12 Monate dauert.
Nun, die "Nachahmung" ist da meiner Meinung nach nicht das Problem:
PC-Spiele-Entwicklung bedingt mittlerweile nicht selten ein Budget, das an manche Hollywoodproduktionen heranreicht. Dafür besteht das eklatante Risiko der Verluste durch Raubkopien, die sich teilweise vor dem Release über das Internet rasend schnell verbreiten.
Dazu altern PC-Spiele technisch sehr schnell, wenn sie keinen originellen Inhalt haben. Wen interessiert in 6 Monaten der rein technisch wegweisende Ego-Shooter von heute? Der ist so oder so "out of date".
Und zu Nachahmung an sich: Wen will wer denn überhaupt groß nachahmen, wenn die PC-Spieleszene zu vielleicht 95% (aus der hohlen Hand in den Raum geworfen) aus den Genres Ego-Shootern, Sport- und Rollenspielen besteht und sich die Inhalte sowieso schon hundertfach ähneln? Es geht doch immer mehr um technische Perfektion, um eine handwerklich saubere Umsetzung häufig gleichen Inhalts. Das ist ja auch gewollt: zum einen fördern sich Hard- und Softwarehersteller damit gegenseitig (Neue Hardware -> brauche neues Spiel dafür, Neues Spiel -> brauche bessere Hardware), zum anderen wird aufgrund des hohen Budgets immer mehr auf "safety" gespielt, was Absatzchancen angeht. Kein Softwarehersteller kann "mal eben so" ein Millionbudget auf einen innovativen Flop verbraten, deswegen stagniert dieser Bereich ideentechnisch ja auch in weiten Teilen, und nur wenige sind so mutig, neue Wege zu gehen.
Siehe dazu auch ein Interview mit Satoru Iwata, Präsident von Nintendo zum Thema (und seiner Position gegenüber Sony und Microsoft, die o. g. Ziele weitertreiben):
http://www.spiegel.de/netzwelt/technologie/0,1518,375121,00.html
> Ein (Brett-)spielehersteller muss damit rechnen, dass seine
> Idee innerhalb kürzester Zeit nachgeahmt wird, wenn sein
> Verkaufspreis zu hoch ist. Also muss er als Anbieter eines
> Spieles den Preis knapp kalkulieren, damit die Einstiegshürde
> für Konkurrenten hoch ist.
Mag sein, dass ich da etwas übersehe, was Du im Hinterkopf hast. Wenn ich persönlich ein Spiel "klauen" wollte, würde ich mir aber eher eins aussuchen, dass sich eh schon "wie geschnitten Brot" verkauft. Zumindest sind die mir bekannten Fälle eines dreisten Plagiats in der Szene genau so gelagert. Und Brettspiele sind immer noch schwerer zu plagiieren als 'ne Billion Bytes ihres Kopierschutzes zu berauben und über das Internet zu verbreiten sind.
> 2) Argument, dass man mit Brettspielen viel Zeit verbringt
> und damit der Preis gerechtfertigt ist
> Nun, ich habe mir WoW gekauft (44 Euro) und bezahle monatlich
> 12 Euro, spiele aber mindestens 100 Stunden / Monat WoW ...
> Preis-Leistung ist super ..... Was sagt ihr nun?
Natürlich gibt's tolle Computer- und auch Konsolenspiele, die ihr Geld mehr als wert sind, das hat ja auch niemand ernsthaft bestritten (ich persönlich würde selbst sonst kaum seit 23 Jahren Computer- und Konsolenspiele als Dauerhobby betreiben :-) ). Und wenn ich die Zeit hätte - wie zwei regelmäßige (Brettspiel-)Mitspieler hie vor Ort - würd' ich auch WoW zocken. Nur müsste ich dazu zu viel anderes neben dem Job zurückstellen (andere Hobbies, Schlafbedürfnis, Ehefrau) :-)) Da gilt für mich der gleiche Grundsatz, warum ich nie in Magic und Doppelkopf ernsthaft gestiegen bin: ich will lieber in weniger Zeit eine größere Vielfalt genießen, die mindestens so lohnend ist ;-)
> Nun meine Sicht der Dinge:
> Brettspiele bewegen sich auf/in einem freien Wettbewerbsmarkt
> und konkurrieren sowohl untereinander als auch mit anderen
> Artikelgruppen (Filme, Musik, PC-Spiele, etc.) um die Gunst
> der Käufer. Somit bildet sich in einem funktionierenden Markt
> (viele Anbieter, viele Käufer) ein reeler Preis, zu dem die
> Anbieter bereit sind, Waren anzubieten und die Käufer bereit
> sind, diese abzunehmen.
>
> So leicht erklärt sich der Preis. Punkt.
Einspruch zum "Punkt.": M. E. geht's in der Diskussion nicht um die markttechnischen Gegebenheiten, die eh aus dem Stehgreif keiner ändern kann oder will. Es geht in meinen Augen eher darum, festzustellen, dass wir bei Brettspielen immer noch einen guten Gegenwert für's Geld bieten können und uns vom Inhalt her auch anno 2005 nicht hinter anderen Konkurrenzprodukten verstecken müssen.
Mein persönliches Fazit ist deswegen ein anderes: Wir haben gute Produkte, wir sind auch kalkulatorisch noch nicht komplett dem Wahnsinn verfallen, also brauchen wir etwas anderes: mehr Öffentlichkeit, mehr Marketing, mehr allgemeines Bewusstsein, dass es sowas wie Brettspiele überhaupt gibt (und dass die nebenbei auch Spaß machen).
Dass so etwas prinzipiell geht, beweisen das SdJ und die Zahl der Spin-Offs, Erweiterungen etc. zu SdJ-Spielen wie Siedler oder Carcassonne durchaus eindrucksvoll. Oder auch manche Merchandising-Produkte (der schönste Spaß dieses Jahr war ja eigentlich, zu raten, wie viele Sudoku-"Brettspiele" zu Essen nun rauskommen). Wir kriegen's nur - salopp gesagt - nicht sonderlich gebacken, diesen Focus sinnvoll so zu erweitern, dass die Öffentlichkeit mit Brettspielen nicht nur Siedler, Carci und Monopoly meint, sondern die ganze Bandbreite wahrnimmt.
Ciao,
Roman