Beitragvon Günter Cornett » 16. November 2005, 10:14
RoGo schrieb:
>
> Hallo Günter,
>
> die Idee mit den Dreiecken ist natürlich sehr einfach, liegt
> halt auf der Hand.
> Gegenüber den Quadraten hat sie eine ganze Reihe Vorteile:
>
> 1. An einem Eckpunkt gibt es statt genau einer bis zu 3
> Anlegemöglichkeiten.
> 2. An geraden Aussenkanten, die aus mehr als einer
> Dreiecksseite bestehen kann angelegt werden.
> 3. An einem Knoten können bis zu drei Farben durcheinander
> hindurch wandern.
> 4. Ein Spiel zu dritt ist ohne Sonderregel möglich und nach
> meiner Meinung die stärkste Version.
Hallo Roland,
jo, das sehe ich auch so. Aber bedeutet das dann nicht auch:
Tricky Tiles ist eine Weiterentwicklung von Blokus?
Ich will das jetzt nicht als Behauptung formulieren, weil ich mir selbst nicht ganz sicher bin, ob dem so ist. Spontan stufe ich das so ein, aber:
- ich habe Tricky Tiles nicht gespielt
- mir ist nicht ganz klar, wo die Grenze zwischen Bearbeitung eines Werkes und Inspiration zu einem eigenständigen Werk ist
Ich hatte gerade eine Diskussion um ein anderes Spiel und habe jetzt auch wieder von einem weiteren solchen Fall erfahren. Es ist nicht immer klar zu entscheiden und man ist selbst auch nicht immer objektiv. Von daher ist es eine schöne Sache, wenn man das Problem am Beispiel Blokus, Gemblo und Tricky Tiles offen diskutieren kann.
> Als Nachteil sehe ich bisher nur, dass viele Menschen
> Legemöglichkeiten mit Vierecken leichter sehen, dabei ist der
> 60°Winkel viel natürlicher als der rechte.
Natürliche Winkel sind sicher nicht immer geich ;-)
Aber du hast schon recht: die Quadraterei hat etwas sehr Künstliches.
> Ein paar dieser Vorteile hat Gemblo auch, spielt sich aber
> doch ganz anders. Wobei ich mit dem Blocken meinte das selbst
> im Spiel mit mehr als 2 Spielern meist mehrere kooperieren
> müssen um einen zu blocken.
Was heisst: Gemblo ist anders, nicht unbedingt besser oder schlechter. Die Kooperation findet ja auch unbeabsichtigt statt. Man versucht möglichst viel für sich selbst herauszuholen. Mal geht das besser, wenn man den einen blockiert, mal muss man eben mit diesem zusammenarbeiten.
> Über die Rechtslage haben wir natürlich diskutiert und ein
> befreundeter Anwalt hat gewühlt. Ich glaube es ist ok, wobei
> ich natürlich nie bestreiten würde, dass Blokus uns angeregt
> hat.
Die Rechtslage ist IMHO nicht eindeutig, da es wohl kaum Prozesse gibt.
Blokus, Gemblo und Tricky Tiles sind unterschiedliche Spiele. Das ist klar. Aber wenn Gemblo und Tricky Tiles Bearbeitungen von Blokus sind und nicht nur durch dieses inspiriert, brauchen sie die Einwilligung des Autors.
§ 3 UrhG Bearbeitungen
Übersetzungen und andere Bearbeitungen eines Werkes, die persönliche geistige Schöpfungen des Bearbeiters sind, werden unbeschadet des Urheberrechts am bearbeiteten Werk wie selbständige Werke geschützt.
§ 23 UrhG Bearbeitungen und Umgestaltungen
Bearbeitungen oder andere Umgestaltungen des Werkes dürfen nur mit Einwilligung des Urhebers des bearbeiteten oder umgestalteten Werkes veröffentlicht oder verwertet werden.
Und es gibt neben dem juristischen auch das moralische Recht:
Und: Was ist für uns Autoren und Verlage sinnvoll?
> Tavitian um Erlaubnis zu bitten, fanden wir nicht angebracht,
> da ich ehrlich gesagt, nicht gewußt hätte wofür. Jede
> einzelne Regel von Blokus hat es in vorhergehenden Spielen
> schon gegeben (Forma, Universe, Vagabondo, Quintillions zum
> Teil sogar Go , Kathedrale, Fürsten von Florenz etc.). Und
> solch absurde Dinge wie die Farbreihenfolge wollten wir
> wahrlich nicht übernehmen.
Jedes Bild am Rechner besteht aus Bildpunkten, die auch in anderen Bildern vorkommen. Also gibt es kein Urheberecht an Bildern?
Kein Text besteht aus Buchstaben, die nicht auch in anderen Texten der gleichen Sprache verwendet werden. Also gibt es kein Urheberecht an Texten?
Schlimmer noch: Ich bin du, wir sind Deutschland ... ;-)
Denn letztlich besteht auch alle Materie aus den gleichen Grundbausteinen ...
Aber Schmerz beiseite: ein Spiel ist mehr als die Summe der einzelnen Regeln.
Als Blokus erschien, fand ich es 'einfach genial'. Trotz der Mängel im Spiel zu dritt und der etwas unsinnigen Farbreihenfolge. Zu zweit sollte man es so spielen, dass man in jedem Zug die Farbe frei wählen kann.
Blokus wird durch die Kombination der Regeln zu Blokus. Läst man Unwesentliches wie die Farbreihenfolge weg, bleibt IMHO als einzige Änderung die Verwendung anderer Teile und eine daraus resultiuerende Anpassung der Anlegeregeln.
Ich persönlich halte das für eine Bearbeitung, bin mir dessen aber nicht ganz sicher.
> Prinzipiell ist die Grenze für mich sehr schwierig zu ziehen.
> Wenn Bruno Faidutti bekanntermassen Marcel wegen der
> Rollenwahl von Verräter gefragt hat, finde ich das ok und
> hätte es damals auch getan. Heute nach Vervielfachung des
> Rollenmechanismus würde ich nicht mehr fragen. Ich glaube
Urheberrecht gilt bis 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers.
Wenn Marcel es einem gestatt, gibt er den Mechanismus dann generell frei?
Gibt es überhaupt ein Urheberecht auf einen einzelnen Mechanismus?
(In den USA ja, in Deutschland IMHO nein).
Da es bei der Rollenwahl um einen einzelnen Mechanismus geht, bei Blokus um ein Regelwerk, sehe ich das bei Blokus problematischer als bei OFUA-Verräter. Ich finde es aber gut, dass Hans im Glück Marcel um Erlaubnis fragt.
> auch nicht, dass die Hundertschaft der Mehrheitenspielautoren
> sich in den letzten 20 Jahren immerwieder bei Sid Sackson
> wegen seines genialen Aquires hätten melden sollen.
Mehrheit im Spiel ist ein Prinzip, das in völlig unterschiedlichen Regelwerken zum Tragen kommt. Das ist ganz sicher unproblematisch.
> Als Tobias Stapelfeld mich wegen seiner Rauten in Neuland
> ansprach konnte ich nur lachen. Auf einfache geometrische
> Formen und auf der Hand liegende Legemechanismen kann und
> darf es keine Rechte geben. Sonst könnten wir alle einpacken.
Jo, das bedarf wohl keiner Diskussion.
> Aber letzlich gibt es nur eine Entschuldigung für mich, warum
> ich Tricky Tiles ins Netz gestellt habe: Ich halte es für
> besser.
Ist gut möglich. Eine Verbesserung eines Werkes bedarf aber auch der Zustimmung des Urhebers, wenngleich der Verbesserer ebenfalls Urheberrechte an seiner Verbesserung geltend machen kann.
Wenn du einen besseren Harry-Potter-Roman schreibst, darfst du ihn deshalb noch nicht veröffentlichen. Da musst du die Autorin und den Verlag um Erlaubnis fragen.
Wenn jemand eine neue Carcassonne-Variante macht, ist Klaus Wrede immer Co-Autor, auch wenn er an dem neuen Spiel gar nicht mehr speziell mitgewirkt hat.
> Und damit zurück zur Besorgnis: Gerade bei ganz einfachen
> Dinge ist es manchmal wichtig als erster in der
> Öffentlichkeit zu sein. Wenn es schon ein ähnliches
> Dreiecksspiel gegeben hätte, hätte ich unseres in die Tonne
> gehauen auch ohne zu fragen.
Blokus war zu erst da. Die Frage ist: Ist Tricky Tiles ein Blokus mit Dreiecken statt Quadraten oder einfach Tricky Tiles?
Ein Siedler mit Quadraten statt Sechsecken, spielt sich sicher anders aber bleibt doch auch eine Bearbeitung von Siedler, oder?
Gruß, Günter