Beitragvon Marten Holst » 20. Dezember 2005, 15:37
Moin,
> Und da werden es Rollenspiele auch in Zukunft
> schwer haben, da sie den geistigen Horizont derer, die beim
> TV arbeiten müssen, schlichtweg übersteigen. (Dies gilt
> natürlich für Caylus & Co ebenso...)
hmmm, ist es nicht auch ein wenig riskant für die Außenwirkung, wenn man allen, die sich für ein Thema nicht interessieren, zu niedrigen geistigen Horizont unterstellt; oder denen, die ein Thema vereinfachend aufbereiten um der (vermeintlichen oder realen) niedrigeren "Erstbegriffslust" entgegenzukommen, Dummheitsvorwürfe entgegenschleudert?
Nichts, beziehungsweise fast gar nichts, was in den Medien behandelt wird, und von dem ich Ahnung habe, wird vernünftig behandelt. Wichtige Aspekte fallen heraus, populäre Vereinfachungen werden als "Halteseile" fortgeführt, und man selbst, der man Ahnung hat, bekommt Zahnschmerzen.
Aber es kann nicht jeder Experte für alles sein. Ich interessiere mich nicht besonders für Barockmusik. Oder für Synchronschwimmen. Oder für Tiffanyhandwerkerei. Vielleicht entgeht mir was. Aber wenn ich eine Fernsehsendung darüber sehen, einen Artikel darüber lesen, einen Vortrag mir anhören soll, dann hat der nicht mit den Feinheiten zu beginnen, sondern gottverdammt nochmal mit etwas, womit ich was anfangen kann. Klar weiß ich, dass Barockschwimmen, Synchronhandwerkerei und Tiffanymusik interessieren, dennoch brauche ich vielleicht einen externen Schubs um mich dafür zu interessieren. Und ich unterstelle mir selbst keinen mangelhaften geistigen Horizont.
Wir werden wohl nie in allgemeinen Medien für uns interessante im Sinne von "inhaltlich wertvolle und weiterbringende" Beiträge mitbekommen. Dazu sind wir nicht groß genug als Zielgruppe, dafür haben wir aber auch unsere "Nischenmedien".
Wir als Interessierte an der Hobbyverbreitung (boah, was eine bescheuerte Formulierung) haben drei Zielgruppen. Die Leute, die mal gerne Monopoly oder Risiko spielen, sollen erfahren, dass es auch Puerto Rico, Fürsten von Florenz, Caylus gibt (je nach Geschmack auch gerne Europe Engulfed). Die Leute, die gar nicht spielen, aber sich vielleicht dafür interessieren können, sollen verführt werden, es doch mal wieder zu probieren. Und die Leute, die einfach kein Interesse an dem Hobby haben, dürfen nebenher wahrnehmen, dass Spielen normal ist, und Spieler keine Freaks. Wobei wir uns auch ganz gerne im Freakstatus sonnen.
Was mich aber nervt, und wenn Michael diese Diskussion nicht gleich losgetreten hätte, dann hätte ich das wohl auch gerne getan, ist diese Arroganz, mit der alles, was nicht alle drei Aspekte gleichzeitig bedient, nein, eigentlich eher alles, das nicht Leute direkt zu 4-Stunden-Spielen treibt, nur minderwertig und für das falsche Publikum ist. Und das liegt am Publikum, die sind einfach zu doof.
Die Frage ist, ob jemand, der uns und unsere Einstellung zu Nichtspielern kennt, nicht dadurch so sehr vom Hobby abgeschreckt wird, dass zehn ideal aufgemachte Fernsehsendungen nichts mehr retten können.
Klar ist, dass diese Sendung wohl gar nicht das Ziel hat, das Spielen zu verbreiten. Vielleicht bestärkt sie sogar Klischees, die wir nicht mögen. Dennoch müssten wir das abkönnen - und oben erwähntes Synchronschwimmen scheint von seinem Ruf als "langweiligster Sportart überhaupt", der klischeemäßig immer wieder durchgeturnt wurde, auch eher profitiert zu haben.
In einer Schachzeitschrift werden regelmäßig prominente Schachspieler befragt. Eine Standardfrage ist "mit welchem Spruch wollen sie für Schach werben". Meist kommen dann Antworten wie "Schach fürdert die Kreativität und ist gut für die geistige Leistungsfähigkeit." Außerdem enthält es Fluorid für die Zähne? Ne, sorry, der Kandidat hat Null Punkte. Schach wird so keine größeren Mengen an neuen Spielern anziehen. Manchmal muss es eben doch bunt sein.
Tschüß
Marten