Beitragvon Guido » 31. März 2006, 16:24
Ulrich Blum schrieb:
> feststellen muss, dass der Autor offensichtlich keine Ahnung
> von Brettspielen hat muss ich mich schon wundern.
Wieso? Das Redakteure solch großer Zeitschriften keine Ahnung haben, ist doch längst Allgemeinwissen.
Wer, außer jemand aus der Szene, kennt schon Spiele wie Caylus, Puerto Rico... (unsere Verdächtige eben) ???
> Das Prickelnste was sich der Autor in Bezug auf die
> Verknüpfung von Brett und Computer vorstellen kann ist
> folgendes: (Zitat) Warum nicht eine Risikoversion, bei der
> man die Armee auf dem Brett verschiebt und den anschließenden
> Kampf auf dem Bildschirm beobachtet? (Zitat ende)
> Besonders das Wort "beobachtet" sagt alles. Dass es beim
> spielen um die interaktion mit System und Mitspielern geht
> und eben nicht um lustige Gimmiks, fällt völlig unter den
> Tisch.
Sagt doch alles, oder? Wahrscheinlich hat er noch gedacht, ein richtungsweisende Idee von sich zu geben.
>
> Wieso wird so gut wie nie, ausser in Rezensionen, kompetent
> über Brettspiele berichtet? Es wird sich doch in den
> Redaktionsstuben des Spiegels (oder auch anderer grösserer
> Blätter) ein mindestens ansatzweise Spielinteressierter Autor
> finden.
S.o. - ernsthafte Redakteure beschätigen sich nicht mit "Kinderspielen"
> Wieso lesen wir nie einen längeren Spiegel Artikel über den
> deutschen Brettspielmarkt? Weil es zu unwichtig ist?
so wird's wohl sein. Wie der Redakteur selber schrieb: 240 Millionen Euro Umsatz ist (zu) wenig.
Der
> deutsche Brettspielmarkt ist immerhin ein weltweiter
> Vorreiter!
> Das Hauptproblem liegt meines erachtens darin, dass das
> Feuleton noch nicht begriffen hat, dass es sich beim
> Autorenspiel um eine Kunstform handelt, die genau so ihre
> Strömungen und Stile hatt wie das Theater oder die neue
> Musik.
EXAKT. Mich persönlich hat am meisten der letzte Abschnitt des ersten Teils gestört. Da heisst es:"Die Brettspielbranche schaffte 240 Millionen Euro und feierte das als Erfolg. Sie wird wohl, so viel ist abzusehen, um die digitale Aufrüstung nicht herumkommen."
Ich finde, der Autor hat einen Hinweis und einen anderen Hinweis genommen und dann mit der falschen Operation eine völlig falsche "Conclusion" kontruiert.
Bis zum Ende des ersten Teils fand ich den Artikel noch ok. Es ging darum, darüber zu berichten, dass die Spieleindustrie ein neues Marktsequment erschliessen will: die Verbindung von digitalem mit bewährtem (meine Wortwahl), um neue Kundenkreise zu gewinnen. Der Autor interpretiert und konstruiert daraus aber eine Überlebensstrategie der Spieleindustrie. Er schreibt: "die Verbindung von innovativem mit konservativem", als läge die Rettung der "schwächelnden" Brettspielindustrie, die ja durch den PC-Markt an Anteilen verloren habe, in der Symbiose aus PC/ DVD/ Internet und Brettspiel, gerade so, als befinden wir uns in einem entscheidenen Umbruch in der evolutionären Entwicklung der Brettspiele. Er hat den Sinn des Brettspiels, seine Reize nicht verstanden.
Der Autor hat, denke ich, nicht gerafft, dass DVD. etc. nette Gimmicks sind, aber eben nichts Wesentliches, so wie es der Wissenschaftler angedeutet hat. Solche Spiele werden gekauft, weil sie erstam originell wirken, sie werden mal gespielt und sind dann aber out. Das liegt, denke ich, nicht an der kurzlebigen Technik ansich, oder das eine DVD inhaltlich abgenutzt ist. Mit solchen Symbionten werden Trends und Stimmungen bedient. Egal, ob da noch ein Internet dranhängt, oder nicht, das Brettspiel lebt im großen und ganzen doch gerade davon, dass es nichts technischen bietet. Es ist die Interaktion der Spieler, die Leute immer wieder zu einer Partie zusammen bringen. Das Brettspiel wird nicht auf Dauer attraktiver, in dem man Technik dazupackt. Sie ist im Endeffekt nur Köder, um Interesse zu wecken.
Der Autor hat sich wahrscheinlich nicht groß mit der wahren Situation und Umfeld der Brettspielindustrie beschäftigt. Dadurch ist ihm der Kernreiz des Brettspiels verwehrt geblieben. Der Autor, wie viele andere auch, kennen eben nur Mechanismen, wie sie in Monopoly und Mädn zu finden sind. Das es auch ganz (!) andere Dinge geben könnte, kommt Ihnen nicht auf's Blatt. Er kennt sie ja auch gar nicht. Somit wird die Lust für solch einen Autor auf eine Party "Brettspiel" auf den Auf- und Anforderungscharakter und den Spaß von Monopoly und Risiko reduziert. Das der Mann da zu solchen Schlüssen kommt, verwundert nicht.
Ähnliche Äußerungen gab es mal, als es darum ging, dass man ganze Bücher irgendwann nur noch auf kleinen Handheld-PC lesen würde, und die Buchform ansich aussterben werde. Blödsinn. Ein Buch birgt eben auch Ästhetik und eine eigene Gemütlichkeit, die man fast als Lifestyle bezeichnen könnte. Ganz abgesehen davon, dass ein gedrucktes Wort angenehmer zu lesen ist als an einem leuchtenden Bildschirm. Bücher wird es immer geben. Und Brettspiele ohne Technik dementsprechend auch.
Technische Brettspiele sind ein netter Zusatz. Ob sie je ein "gutes/rentables" und dauerhaftes Standbein werden, mag ich bezweifeln. Die Entwickung solcher Spiele ist zu teuer bei derzeitiger Absatzlage. Wollte die Brettspielindustrie richtig groß rauskommen, bräuchte sie mal eine gemeinsame und richtige Marktetingstrategie, in denen das Brettspiel aus dem Image der Kinderspiele gehoben und als Kulturgut gewürdigt würde. Leider passiert sowas allenfalls nur auf Spielemessen, in dem dann jemand aus der Spiel des Jahres-Jury oder sonst jemand versichert, dass das Spiel gerade im deutschen Sprachraum Kulturgut ist. Aber in solch einer "Freakatmosphäre" kann man sowas nicht ernst nehmen.
Gemeinsames Vorgehen also. Aber dazu fehlt ja immer das Geld und die Kooperationsbereitschaft. Irgendwann kam hier mal im Forum die Idee, wenigstens die Erwachsenenspiele bei den Büchern zu postieren und eben nicht unter Spielzeug in der Kinderabteilung. Warum das nicht schon längst gemacht wird, ist mir schleierhaft.
Gruß
Guido