Beitragvon Jan Mirko Lüder » 29. Mai 2006, 22:22
Hallo Hendrik,
das von dir in Frage gestellte Phänomen der inflationär auftretenden roten Pöppel im Vergleich zu den kaum auffindbaren DSP-Auszeichnungsverweisen auf Spieleschachteln ist ja nicht gerade neu und hat - seit es die Spielepreise gibt - mehrere einfache Gründe.
Dass es den DSP überhaupt mit dieser "flächendeckenden" Reichweite gibt, ist wohl ebenso dem Verein "Spiel des Jahres e.V." zu verdanken, wie auch die Tatsache, dass es in Deutschland eine so einzigartige und große Spieleszene gibt. Auch dass Deutschland weltweit [b]das[/b] "Spieleland Nr.1" ist, ist in erster Linie auf die engagierte und sehr erfolgreiche Arbeit dieses Vereins zurückzuführen.
Es war die erste derartige Spieleauszeichnung, die zum damaligen Zeitpunkt hervorragend medial aufbereitet und zelebriert wurde. Seit vielen Jahren gibt es mittlerweile ein großes, gut vorbereitetes Medienspektakel um die Hauptpreisvergabe. Da sämtliche sonstigen Aktivitäten der Jury der breiten Öffentlichkeit zumeist vollkommen unwichtig erscheinen (was sie natürlich nicht sind), gibt es zu anderen Vorkommnissen aus der SdJ-Ecke in der Regel auch keine Berichterstattung.
Das ist auch gut so! Denn was die Jury seit vielen Jahren auszeichnet, ist ihr auf diesem Weg der Medienresonanz gewonnenes Vermögen, Menschen aller Bevölkerungsschichten und Altersstufen auf neue Spiele aufmerksam zu machen, die es mit den allseits bekannten Klassikern wie "Monopoly", "Mensch ärgere dich nicht", "Mau-Mau" oder "Kniffel" mehr als nur aufnehmen können.
Auf Grundlage der bei den meisten Menschen geweckten Erfahrung, dass Spiele, auf denen der rote Pöppel klebt, besonders unterhaltsam und langlebig sind, ist es dem Verein gelungen, zunehmend mehr Menschen zum Spielen zu bringen. Da diese aufgrund ihrer positiven Erfahrungen mit der gleichen Erwartungshaltung an neue rote Pöppel gingen und in dieser oft bestätigt wurden, konnte er darüberhinaus sogar ein raumgreifendes Kaufverhalten in dem Markt installieren: Mittlerweile kauft die Mehrheit aller SpielekäuferInnen "Spiele des Jahres" oder solche, die von der Jury mit einer Empfehlung oder "Auswahlliste" gewürdigt wurden.
Dieser Mechanismus ist dabei inzwischen der für unseren Spielemarkt charakteristischste überhaupt geworden. Kein Verlag, der mit seinen Spielen in einer größeren Größenordnung Geld verdienen möchte, kommt heute an der Jury vorbei. Die jeweilige Preisvergabe hat sich zu einer bestimmenden Richtungsentscheidung auf dem Markt entwickelt, die jedes Jahr einen neuen Trend auslösen kann. 1995 z.B. war das der Fall mit einem relativ anspruchsvollem Spiel, das durch "El Grande" im darauf folgenden Jahr noch gesteigert wurde. Dieser Trend hielt bis 2000 an, als er von dem gefloppten (weil zu abstrakt-komplexen) Hauptpreisträger "Torres" und dem neuen Stern am Spielehimmel - "Carcassonne" - gekippt wurde. Seitdem sind Spieleneuheiten im Durchschnitt wieder immer einfacher geworden, wenn man vom Ausnahmejahr 2004 absieht, das die Jury mit dem Hauptpreisträger "Zug um Zug" jedoch nicht vollständig gewürdigt hat.
Da mir viel (auch als Spieler!) an einem möglichen neuen Trend in Richtung innovative und anspruchsvolle Spiele gelegen ist und die Jury die einzige Institution ist, die die nachfragenden und ausschlaggebenden Käufer dahin mitnehmen/mobilisieren kann, ist die Preisvergabe des "Spiel des Jahres" für mich sehr, sehr wichtig. ;-)
Außerdem kenne ich mittlerweile einige der beteiligten Verleger und Spieleautoren persönlich, denen ich natürlich gerne die Daumen drücke. :-)
Zum DSP noch folgendes: Der DSP wird von ein paar Tausend Menschen gewählt, die einen für die Mehrheit der gelegentlich spielenden Gesellschaft ganz und gar nicht repräsentativen Spielegeschmack und Anspruch an Spiele hat. Wer als Verlag/Verleger eben diese Zielgruppe bedienen möchte, druckt die Auszeichnung auf seine Spieleschachteln. Verlage wie [b]Hans im Glück[/b] oder [b]alea[/b] machen das bereitwillig, bei anderen wird's schon kritisch, wenn sie ihre Hauptzielgruppe nicht mit anderen frustrierend anspruchsvollen DSP-Preisträgern abschrecken wollen. Wir Spielefreaks und Vielspieler sind nunmal eine sehr kleine Interessengruppe mit einem sehr speziellen "Special Interest".
Zum Vergleich: DSP-Preisträger landen mit einer Gesamtauflage von 60.000 Stück bereits einen (leider außerordentlich) großen Erfolg, SdJ-Preisträger verkaufen sich schlecht, wenn die vermarktete Gesamtauflage deutlich unter 300.000 Stück liegt und das ist wirklich eher selten der Fall.
Spielerische Grüße
ludosophicus alias Mirko
http://www.weltspiel.com/