Beitragvon Heinrich Tegethoff » 30. Mai 2006, 15:49
Hallo Hendrik,
Hendrik schrieb:
> Es gibt wohl keinen Verlag, der nur schon wenn er nominiert
> wird, den roten SdJ Pöppel nicht auf sein Spielecover pappt.
Alea hatte den roten Pöppel für die Puerto-Rico-Nominierung meines
Wissens nie auf der Schachtel. Stefan dokumentierte irgendwann auch
das Warum, was aber ein Auflagenproblem und kein Imagethema war.
> Umgekehrterweise sehe ich kaum je einen Sticker vom DSP auf
> einem Spiel.
Ich habe mir Ursuppe auf'm Flohmarkt nur deshalb gekauft, weil da
"2. Platz DSP 1998" drauf war. Die erhandelten 3,50€ für ein neues Ursuppe
machten meine Mitspieler neidisch. Und ich habe den Blindkauf nicht bereut.
> Im Gegensatz zum SdJ wird der DSP aber demokratisch erkoren
Ich weis aus Gesprächen mit Jurymitgliedern, [i]wie[/i] die Jury das
SdJ wählt. Das ist so demokratisch wie das Grundgesetz. Im Gegensatz
zum DSP sogar geheim und gleich. Nur hast Du eine kleinere Wahlgruppe,
weil es ein Kritiker- und kein Publikumspreis wie der DSP ist. Deshalb ist
der Preis noch lange nicht undemokratisch. In meinem Verein wähle ich
auch den Vorstand, und andere nicht. Halte ich trotzdem für Demokratie.
> und ist für uns Spieler eigentlich relevanter als der
Ja. Aber da ist etwas wichtiges gestört: Der SdJ ist [b]nicht[/b] für uns
Spieler gedacht.
> Kulturgut-Preis der geheimnis-umwitterten SdJ Jury.
Geheimnisse wart die Jury kaum, ausser das sie in Klausur geht und
geheim wählt. Alles andere ist offengelegt, einschliesslich Personalia.
> Also warum zum Kuckuck ist der SdJ so viel wichtiger als der DSP?
Er ist [b]nicht[/b] wichtiger. Er ist erst einmal umsatzträchtiger. Das
wiederum bewegt Verlage und Autoren, sich an der Jury zu orientieren.
Und die macht Vorgaben aus Sicht der Gelegenheits- oder "Möchte-gerne-
spielen"-Spieler. Das sind viel mehr als die DSP-Wähler.
"Wichtig" ist der Preis also nur bzgl. seiner Zielgruppe.
> OK, der DSP ist mit 1990 jünger als das SdJ schon ab 1979,
> aber das kann doch nicht schon die ganze Erklärung sein.
Eine wichtige Erklärung ist die Reihenfolge: Es gab einen Journalistenverein,
damit eine Jury, dann den Preis, dann den Erfolg des Preises, und damit
die Wichtigkeit der Jury und ihrer Entscheidung.
Über den Gründer des DSP, Friedhelm Merz, hörte ich (Vorsicht: ggf. ein
Gerücht), dass er mit der Jury recht verstritten war. Wie auch immer: Es
gab den Preis, das Logo, aber die Kunden wußten über die Qualitätsaussage
des SdJ-Logos für sie selbst. Die meisten DSP-Spiele überfordern zu viele
Nur-SdJ-Spieler.
> Man muss doch keine Abgaben machen, wenn man so ein Logo
> verkaufsfördernd einsetzen will, oder doch?
> Machen die vom SdJ einfach besseres Marketing als die vom DSP?
Sehr unwahrscheinlich. Der Pöppel wirkt für sich selbst. Ist dem nicht
so, und die Jury weis sehr wohl über den Imageschaden falscher Spiele
als SdJ, dann sinkt der Stellenwert des Pöppels. Aber dieser Stellenwert
hält sich, und das ist gut so.
Um es kurz zu machen: Der DSP und der SdJ haben unterschiedliche
Zielgruppen. Diese können überlappen, und treffen Spiele wie Siedler oder
CC da hinein, dann sind beide Seiten glücklich. Aber Puerto Rico wird
unangefochten 1.DSP, wäre für's SdJ-Logo aber tödlich: das Vertrauen
der Käufer in den Pöppel sänke drastisch.
Ob dabei der Preis von einer Jury oder einem Publikum vergeben wurde,
ist meiner Vermutung nach den meisten egal. Beim Pöppel steht sogar
"Kritikerpreis" drauf. Viele sehen dies eher als Qualitätsmarke denn eine
anonyme Gruppe, zu der man selbst nicht gehört. Umgekehrt interessieren
mich einige Top-10-DSP-Spiele schon deshalb, weil [b]meine[/b] Interessen-
gruppe dies wählte - nicht alles kenne ich schon vorher.
Und: In meiner Montagsrunde werden anspruchsvolle Spiele gespielt. Da
ist das DSP-Logo ein Gütesiegel, SdJ-Fähigkeit wird kritischer beäugelt, aber
es kommt auf's Spiel an. Meine Mitspieler haben meine Frage, ob sie
denn auch an der DSP-Wahl teilnehmen wollen schlicht mit der Begründung
abgelehnt "sie kennen eh nur die Spiele des Jahrgangs, die ich ihnen vorlege".
Würden sie wählen, und das können sie, dann ist dies nicht demokratisch
sondern beeinflußt. Aber der DSP hat hier mehr Einfluß, findet dort seine
Zielgruppe.
Was den Verkaufserfolg des SdJ angeht: dieser ist auch aus sich selbst
generiert. Das SdJ wird schlicht in jedem Kaufhaus, in jedem Spielwarenladen
und teils im Supermarkt auf den Marktschreierplatz gelegt. Die Händler machen
dies nicht mit Spielen, bei denen ihnen danach die Kunden weglaufen.
Ein Niagara steht nicht brav neben St.Petersburg, und beide haben einen
Preis bekommen (zumindest im Erscheinungsjahr). Danach macht sich der
Wiedererkennungswert des Pöppels bemerkbar, wenn man mehr als ein
Spiel per anno kaufen möchte.
Warum stimme ich beim DSP ab? Um ein Dankeschön an Autor und Verlag
zu geben. Machen das viele, so ist dies eine sportliche Ehre. So wie
olympisches Gold für Ringer, die daraus auch keinen (kaum einen) Euro
machen können. In meinen Augen tröstet das, oder besser: motiviert zu
ähnlich guten Spielen, die ich spielen möchte.
Servus,
Heinz (der nicht vermeiden konnte und wollte, einiges zu wiederholen, was
seine Vorredner sagten)