Beitragvon Heinrich Tegethoff » 24. Mai 2007, 10:23
Hallo Marcus,
Marcus schrieb:
> > Warum soll ein Spiel "Spiel des Jahres" werden?
>
> weil es unter berücksichtigung bestimmer Kriterien,
> Spieleranzahl, Spielzeit, Komplexität usw. das scheinbar
> "beste" Spiel ist.
Zustimmung. Aaaaaber: "beste" ist zwar vergleichsweise objektiv messbar, aber nicht ohne den Bewertungsmaßstab. Und dies ist eben die Zielgruppe. Jede Preisverleihung hat nun einmal eine eigene Zielgruppe hinter sich, auch wenn diese Preise dann "Universalität" propagieren. Kennen keinen Computer-HW/SW-Preis, der dies nicht tut.
Dies ist beim DSP nicht anders als beim SdJ, aber die Jury hat ein klar definiertes Ziel und eine recht klar definierte Zielgruppe, auch wenn nicht 100% klar ist, was dieser Zielgruppe zur Zeit am wichtigsten ist. Aber die "Experten" kennen ihre Zielgruppe gut.
Ergo ist auch das mit SdJ-Logo versehene Spiel das "beste" Spiel des Jahres. Nur vielleicht nicht für Dich und für mich. Habe ich aber bei Niagara, TuT u.a. auch erlebt (auch [i]mein[/i] SdJ), obwohl diese dann eben nicht DSP-#1 wurden.
>> [snip]
> Dazu kann ich ganz ehrlich nichts sagen, da mir dafür die
> Verkaufszahlen und Hintergrundinformationen fehlen.
Ist von mir auch nur in den letzten 3 Jahren aus dem Forum gepickt, aber im Hinterkopf behalten worden. Ohne ist aber genau dieser wichtige Wirkmechanismus nicht zu verstehen.
"Als Michael Knopf die Jury im Richtungsstreit verlies..."
> > Ganz ehrlich: Ignoriest Du im Beruf auch Deine Zielgruppe,
> > meist "Kunden" genannt? Wohl kaum, die Frage ist rhetorisch.
>
> Allerdings kann ich im Beruf auch viel emotionsloser
> Entscheidungen treffen als bei meinem Hobby. Nur in den
> seltesten Fällen versuche ich in meiner Freizeit meine
> Freunde und Bekannten für mein Arbeit zu begeistern. Bei
> Brettspielen sieht das des öfteren anders aus.
Also würdest Du den SdJ-Hauptpreis auch nach emotionalen Kriterien vergeben, oder?
Lese doch einmal, wie sich die Jury selbst präsentiert zur Frage "seriöse, professionelle Entscheidungsfindung", einem aktuellen Beitrag zur Klausurtagung letzte Woche:
http://www.spiel-des-jahres.de/cms/front_content.php?idcatart=472
> Was der Jury ja auch ihr gutes Recht ist. Immerhin sind die
> Jurymitglieder ja die Experten und nicht ich.
Woher rekrutiert sich die Jury? Dies ist eine wichtige Frage. Die Jury beantwortet dies selbst auf ihrer Homepage. Primär: nebenberufliche Journalisten, die häufig Rezensionen über Spiele in [b]allgemeinen[/b] (nicht-spiele-speziellen) Medien veröffentlichen. Ergo kennen sie ihre Zielgruppe, sonst wirft sie die Redaktion des Mediums bald als dem Programm.
> Trotzdem muss ich mit ihrer Meinung ja nicht konform gehen.
Tun die Jurymitglieder anfangs selbst nicht. Nur am Ende sind sie sich einig, um das Gesamtbild zu vertreten. Wie in jeder Jury wird aber keiner intern mit jedem Detail einverstanden sein, aber das äußere Gesamtergebnis muss jedem stimmen.
> Allerdings bleibt doch die Frage wie weit ich mich dieser
> Zielgruppe anpassen muss.
Gar nicht. Im Zweifel bis Du nicht Zielgruppe -- des Hauptpreises "Spiel des Jahres". Ich bin es auch nicht. Ich beobachte die Jury aber genau, denn mein Lieblingshobby hängt langfristig von deren Entscheidungen ab.
> Wenn man sich die bekannte deutsche
> Tageszeitung mir vier Buchstaben ansieht, kann man sich sehr
> leicht vorstellen was die Zielgruppe wünscht. Als eine Person
> die keinerlei finaziellen Nutzen hat, graut mir vor einer
> Memory-Variante als Spiel des Jahres mit Germany's next
> topmodel auf der Schachtel.
Gibt es schon.
Neben den HiG-Spielen bei einem grossen Münchner Spieleladen liegt "Busen-Memo".
Dessen Verkaufszahlen kenne ich nicht, aber das Spiel liegt "in der dunklen Ecke". So wie die für die meisten Kunden zu anspruchsvollen Spiele (Funkenschlag, Amun-Re, HiG im allgemeinen etc).
> Allerdings wenn es nur darum geht eine möglichst große Bevölkerungsschicht zu erreichen könnte das schon funktionieren.
Will dies die Jury? Nein!
Erreichbarkeit ist nicht das Ziel.
Denn es funktioniert seit 25 Jahren nach dem Prinzip: 'Die Vorjahre war die Empfehlung "SdJ" zumeist gut für uns, kaufen wir heuer wieder das SdJ?'.
Hohe Erreichbarkeit hat das Logo, aber die "Marke" kann auch verbrennen. Und dies schaffen sowohl Spiele, die zu anspruchsvoll für die ca. 300,000 Käufer sind, als auch "banale" Spiele, die reizlos sind oder gar technisch schlecht funktionieren.
Bzgl. "technisch funktionieren" hat die Jury aber ihr Augenmerk wohl auf die "Regel-Lesen-Menge" gelegt -- dem Ausgangspunkt dieses Threads.
Servus,
Heinz