Beitragvon Guido » 14. Dezember 2007, 03:38
(Sorry, der Text ist etwas länger geworden...)
Hallo,
ich habe just die neue Spielbox gesehen und einer der ersten Artikel, die ich gelesen habe, war der von W. Kramer. Als ich die Überschrift las (die ich übrigens etwas daneben finde - musste man da die Redaktion unbedingt ne Anleihe zu gekünstelten Spieletiteln machen?...) habe ich erst auch gedacht, da will sich jemand beschweren, der in der letzten Zeit etwas zu kurz gekommen ist. Aber nein, der Artikel gibt, wie auch Matthias Hardel im Editorial andeutet, durchaus Denkanstöße. W. Kramer schlägt ja vor, dass man leicht eingängigen Spielen eine eigene Rubrik schenkt, damit "Leichtgewichte" sich nicht mit "Schwergewichten" messen müssen.
Ich bin jetzt auch etwas hin und hergerissen. Eigentlich finde ich, dass gerade in den von Kramer aufgezählten Spielen die entsprechenden Rezensenten trotz des Augenmerks auf ihre Leserschaft durchaus darauf hingewiesen haben, dass es sich eben um "Leichtgewichte" handelt; nicht unbedingt aber um wirklich schlechte Spiele. Und gerade "Celtica" und "Verflixxt" sind nicht wirklich schlecht weggekommen. Aber, diese Anmerkung stand nur im Rezensionstext selbst. Ich merke, glaube ich, worauf Kramer hinaus will: Nur die "gestandenen" Spielboxleser können die Aussagen der Kritiker entsprechend einordnen. Alle anderen sehen eine Spielreiznote von irgendwas in der unteren Hälfte der Skala und denken sich vielleicht tatsächlich, die Spiele sind wohl eher Schrott.
Geht’s jetzt im Endeffekt also doch nur wieder um die Notendefinition?
Ich lese die Spielbox jetzt seit 4 Jahren und ich muss zugeben, dass ich manchmal auch noch Schwierigkeiten habe, die Spielboxnoten richtig einzuordnen. Das Editorial der Spielbox 01/2007 brachte da mal eine hilfreiche Klarstellung, aber M. Hardel formulierte auch gleichzeitig die Krux: "Da der Reiz von Spielen sich unserer unveränderten Meinung nach nur eher bedingt quantifizieren lässt, habe wir die Erläuterung eher wage gehalten [...]". Im Endeffekt finde ich daher, dass nicht die Noten der Spielbox, sondern das Profil der Rezensenten näher erläutert werden sollte. Übrigens ein Gedanke, den ich schon länger hege.
Ich persönlich richte mich (in meiner Kaufentscheidung) inzwischen gerne nach den Eindrücken von Wieland Herold, Edwin Ruschitzka, KMW und Matthias Hardel. Ich bilde mir ein, deren Geschmack ungefähr einordnen zu können. Schwierigkeiten habe/ hatte ich immer noch beim Heß-Ehepaar und auch beim leider verstorbenen Michael Knopf. Im einfachsten Fall halte ich ihre zwar gut geschriebenen Rezensionen einfach für überkritisch. (wobei die Kritik zu Silk Road von B. Heß wiederum meinem Geschmack nach sehr passend war...) Ansonsten fehlen mir irgendwie die Anhaltspunkte für ein Nachvollziehen und eine richtige Schlussfolgerung ihrer Eindrücke, auch wenn zum Schluss der Texte durchaus eine Begründung liefert. Das liegt mitunter daran, dass ich nicht immer Direktvergleiche machen kann, d.h. die getesteten Spiele selbst spiele und meinen Eindruck vergleiche um dann heraus zu finden, wo der Rezensent steht. Deshalb finde ich, dass nicht unbedingt neue Rubriken für "Leichtgewichte" geschaffen oder die Noten an sich überdacht werden sollten, sondern die Profile der Rezensenten erläutert werden. Es gab damals vor Jahren eine Computerspielzeitschrift ("powerplay?"), welche auf einer Seite kurz die Präferenzen der Kritiker und „ihre“ Spiele zusammengefasst hat. Außerdem kamen in den Kritiken neben dem Hauptrezensenten noch ein oder sogar zwei weitere Kritiker kurz zu Wort. Ich fand das sehr hilfreich und würde mir so etwas für die Spielbox auch wünschen. Ich finde die Sternchenkommentare im Spielreizkästchen zwar hilfreich, aber doch etwas zu knapp.
Zu dem Vorschlag der Kategorie-Einteilung von Spielen an sich: W. Kramer macht einen Vergleich mit Musik und ihren Genres und behauptet, die traditionelle Altersabstufung (Familie, Kinder, Erwachsene) sei nicht aussagefähig genug. Ich finde, da hat er prinzipiell Recht und es ist ein sehr interessanter Punkt. Nur finde ich den Vergleich mit der Musik, den her macht ziemlich hinkend und ist nicht sonderlich gut gewählt. Die Einordnung wie er sie angibt, erfolgt ja nach Klangbildern, Rhythmen und Stilen. Wenn man eine Einteilung, wie von Herrn Kramer für die Musik wie für die Spiele vorgeschlagen, vornehmen wollte, müsste man ja die Musik zwischen "leichter Kost" und "anspruchsvoller Musik" unterscheiden. Und das wäre ja gerade bei Musik irgendwie Quatsch, die ja auch in hohem Maße subjektiv schön ist oder eben nicht, auch wenn einzelne Arrangements der Songs sicherlich einfach oder kompliziert sein können. Es stimmt allerdings, dass Musik-Kritiker meines Wissens nach nicht (grob) genreübergreifend vergleichen. Es fragt sich hier aber dann, wie Spiele-Kategorien eingeteilt werden sollten. Mechanismen, Verschachtelung von Spielkomponenten, etc. sind Quatsch. Namenskonstrukte wie „Spiele für Viele“, etc. finde ich so schwammig wie nichtssagend (unglücklicherweise bedient sich ja die Wiener Spiele Akademie dieser Einteilung...). Spielzeit, Länge der Spielregel und Fülle des Spielmaterials sind auch Blödsinn. Bleibt eigentlich nur noch das Alter, was schon gemacht wird oder eine Zielgruppenorientierung. Die wäre aber, wie Hardel treffend erwähnt, unglücklich gewählt, da dann tatsächlich eigentlich immer jemand gefunden werden könnte, der das Spiel toll findet. Dennoch sollte sie vielleicht noch stärker von den Rezensenten berücksichtigt werden oder besser gesagt deutlicher betont werden, d.h. wer seine Freude an dem Spiel finden wird – für diejenigen, die seltener in die Spielbox schauen bestimmt hilfreich. Vielleicht wäre hier ein kleiner weiter Index sinnvoll, der die Komplexität eines Spieles in etwas wiedergibt, ähnlich wie bei vielen Spielen auf der Schachtelrückseite schon angegeben, um so einen kleinen Hinweis auf die Zielgruppe des Spieles zu geben, ohne dabei aber jetzt nur diese im Blickfeld zu haben und durchaus eine allgemeine Spielreiznote aufstellen. Denn insgesamt finde ich das Spielreiznotensystem in seiner vagen Genauigkeit noch am eindeutigsten und durchaus legitim und passend: Welches Spiel lockt, welches Spiel langweilt (auf Dauer). Da spielt natürlich die durchschnittliche Neigung Spielbox-Leserschaft als Zielgruppe eine Rolle: die Rezensionen der Fachzeitschrift richten sich nun mal an Spieler, die Mechanismen kennen, sich relativ schnell in neue Spiele einfinden können und relativ viele Spiele kennen gelernt haben und daher für Monopoly & Co allenfalls noch nostalgische Seufzer hervorbringen. Alle bringt man nicht unter einen Hut. In diesem Zusammenhang behaupte ich einfach mal im Gegensatz zu W. Kramer, dass Monopoly, etc. nicht so gut verkauft werden, weil sie einfache, schöne Spiele sind, sondern weil die Masse nichts anderes kennt...Und damit bin ich am Ende da, wo auch Herr Kramer aufhört: Wie bringt man Gelegenheitsspieler zum Spielen? Die Aussagefähigkeit von Rezensionen generell zu verbessern ist eine gute Idee, letztlich wohl aber eher eine Aktion mit marginalem Einfluss auf die Verbreitung von Spielen allgemein. Aber abgesehen von evtl. fehlenden Spielempfehlungen, denke ich, liegt der Hase eher in dem immer noch schwierigen Zugang von Gelegenheitsspielern zu Spielen selbst begraben. Hier müssten, denke ich, eher die Verlage selbst neue Konzepte und Ideen hervorbringen, wie sie der breiten Masse den Spielekauf und vor allem der Zugang zu Spielen erleichtern können. Gerade jetzt in der Weihnachtszeit sehe ich sehr viele fragende und überforderte Blicke von Eltern vor dem Spielregal, trotz oder gerade wegen der Spielauszeichnungen. Die Beschreibungen der Spiele auf den Schachtelrückseiten sind meist völlig unbrauchbar. Der versierte Spieler kann allenfalls erahnen, was das Spiel in sich birgt. Der Laie steht wie Ochs vorm Berg, schaut vielleicht noch auf das Thema und kauft, wenn überhaupt, die Katze im Sack. Hier sollten Verlage ansetzen. Und weiter halte ich Workshops für Spielredakteure, neue Vertriebswege, Spielmessen, öffentliche Spielnachmittage, etc. zum Schuss für wirksamere Methoden Spieler zu gewinnen.
Was meint ihr? Ich würde gerne Eure Meinungen kennen lernen.
Gruß
Guido