Beitragvon Michael G. » 16. Dezember 2007, 00:03
Kurz vorab: Ich bin seit 12 Jahren hauptberuflicher Rezensent/Journalist in der PC-/Videospielbranche, einer sehr ähnlichen Gattung also, die vor sehr ähnlichen "Problemen" steht.
> Jeder Rezensent sollte immer und auf jeden Fall die konkrete
> Zielgruppe im Blick behalten
Definitiv.
> und die Reaktionen daraus in
> seine Kritik mit einbeziehen!
Hm, also "Zielgruppenschreiben"? Das ist dann sehr problematisch, wenn man NUR noch versucht, seine ganze Rezension an der erwarteten Erwartungshaltung auszurichten, anstatt einfach "seinen" Test zu schreiben.
> Und an dieser Stelle muss man
> gleich eines noch unbedingt hinzufügen (damit es nicht
> vergessen wird): Wenn ein Kritiker mit einem bestimmten Genre
> partout nichts anfangen kann, dann sollte er erst gar nicht
> darüber berichten!
Um Gottes willen, völlige Falscheinschätzung! Von Profis kann man erwarten, dass sie mit jedem Genre zumindest ein bisschen was anfangen können bzw. zumindest jedem Genre so objektiv entgegentreten, dass sie ein Spiel halbwegs passabel einschätzen.
Richtig ist, dass ein echter "Experte" eines Genres der ideale Rezensent für ein entsprechendes Spiel ist. Aber nur dann, wenn das nicht bedeutet, dass er jedes Spiel in diesem Genre auch automatisch signifikant besser findet als der Durchschnitt.
> Ich selbst schreibe Filmkritiken, und wie
> sollte ich jemals solche Sachen wie "Blade" oder "Spiderman"
> oder "Die Chroniken von Narnia" fair bewerten? Das ist nicht
> meine Welt, wird mich niemals fesseln oder verzaubern oder
> begeistern. Gleichzeitig sind aber Millionen Zuschauer davon
> fasziniert. Soll ausgerechnet ich nun darüber (be)richten…
Warum nicht? Man sollte von dir zumindest erwarten können, dass du dich soweit in ein Genre einarbeitest, um gewisse objektivierbare Qualitäten (die gibt es bei aller Subjektivität im Kritikergewerbe immer) zu erkennen bzw. den Film in seinem Umfeld einordenen zu können. Nur bei absoluten Top-Top-Titeln, die eine Begeisterung tatasächlich verdient haben und wo das auch im Review rübwerkommen sollte - da wärst du damit wohl tatsächlich der falsceh Mann.
> Um mal eines von vielen Spiele-Beispielen anzuführen. Amigo
> hat ein Spiel namens "Maus pass auf" im Programm. Es ist
> total glücksabhängig, der eigene Einfluss auf das
> Spielgeschehen ist Nullkommanull. Nun wurde dieses Spiel hier
> im Forum vernichtend in einem Peep bewertet, aus genau den
> genannten Gründen. Resümee: "Auch für 1 Euro wäre es deutlich
> zu teuer!" Dagegen ist überhaupt nichts zu sagen – solange
> die Bewertung ausschließlich auf Leute zugeschnitten ist, die
> Einfluss und Taktik erwarten! Nur darf man an der Stelle eben
> nicht halt machen und den Blick nur auf den eigenen Tisch und
> die eigenen Ansprüche richten.
Für einen einzelnen, "privaten" User ist das doch okay.
> Ich veranstalte seit einigen Jahren jede Woche einen
> Spielevormittag in einer Kinderklinik. Das Alter der Kinder
> reicht von 5 bis 12 Jahren. Und siehe da: Will ich Kinder
> verschiedenster Altersstufen und vor allem verschiedenster
> Fähig- und Fertigkeiten (und das Spektrum ist hier leider
> gewaltig, mitunter sogar erschreckend) zusammenbringen, dann
> ist "Maus pass auf" ein ideales Spiel (für ein
> Viertelstündchen!); jeder versteht es, jeder kann mitmachen,
> jeder kann gewinnen - selbst diejenigen mit enormen
> Defiziten. Und einfach mal nichts als die launische
> Glücksgöttin an seiner Seite zu wissen, macht auch den
> Größeren durchaus Spaß, mich eingeschlossen. Dutzendfach
> erprobt.
Das sollte dann vielleicht auch so im Marketing rüberkommen. ;)
> Nehmen wir auf der komplett anderen Seite mal "Caylus". Kaum
> einer wird bestreiten, dass es für die (sehr überschaubare)
> Gruppe der Spielfreaks ein grandioses Design ist, ein tolles
> Spiel, ein Meisterwerk. Aber eben nur für diese Gruppe! Möge
> doch niemand auf die Idee kommen, "normale" Leute, die sonst
> Uno oder Monopoly oder mal ein Carcassonne spielen, mit
> Caylus zu behelligen, zu überfordern und letztlich zu Tode zu
> langweilen. An dieser Stelle kapitulieren ja bereits sehr
> viele Häufigspieler (das Gejammere über Caylus von
> zahlreichen Teilnehmern der Brettspielmeisterschaften höre
> ich in meinem Umfeld jede Woche etliche Male…).
>
> Vergleiche ich die Zielgruppe von "Caylus" mit der von "Maus
> pass auf", dann muss ich ganz nüchtern feststellen, dass die
> von Caylus äußerst klein ist. Wieso wird das Eine in den Klee
> gelobt und das Andere vernichtend verrissen? Nun bin ich weit
> davon entfernt, für "Maus pass auf" eine hohe Note zu
> vergeben, Zielgruppe hin oder her. Aber für das, was es ist
> und will, verdient es zumindest ein OK + X.
Ist nicht direkt das Maus-Spiel gemeint (kenne es eh nicht), aber irgendeine Finde-es-gut-Zielgruppe lässt sich immer finden. Wie gesagt, wenn die etwas "abseitig" ist, dann ist es eher Marketingsache, es (doch noch) zum Erfolg zu führen. Klingt allerdings nicht so, dass es auch nur annährend den durchschnittlichen SB-Leser anspricht, von daher wäre ein Totalverriss dann durchaus gerechtfertigt.
Letztendlich zählt die Zielgruppe des "Verkaufsobjektes" (schreibst du ganz oben ja selbst) - und das ist in diesem Fall die Spielbox ist und nicht das Spiel! D.h. ich richte meine Rezensionen nach meiner Leserschaft aus und versuche NICHT, für jedes Rezensionsobjekt noch mühsam irgendeine Zielgruppe herauszufiltern, für die ich es irgendwie noch in den mittleren Bereich heben könnte. Das ist - nun schon mehrfach erwähnt ;-) - eher Produkt-Management-Sache.
> Gleiches gilt für
> unzählige andere Mitbringspiele, die total glücksabhängig
> sind und zigtausendfach verkauft werden. Und es gilt auf
> seine Weise auch für Caylus. Eine faire Beurteilung sollte
> bei beiden ein dickes fettes ABER einschließen.
Sorry, das mag jetzt etwas harsch klingen, aber das ist das typische flehende Gejammer aus den Presse-/Marketing-/Produktmanagement-Abteilungen (und siehe da, du bist auch einer ;-)): "Ich weiß, das Ding ist nicht toll, aber wenn man es so und so sieht und das und das etwas außen vor lässt, dann ist es für die und die gar nicht sooo schlecht wie ich finde! Bittebitte berücksichtigt das doch in eurer Rezension!!"
> Natürlich stellt sich die Frage, ob nicht die allermeisten
> Spiele, wenn man sie nur im Hinblick auf eine klar umrissene
> Kategorie oder Zielgruppe benotete, ziemlich gut weg kämen.
Genau das ist die Krux, genau das würde alle Testzeitschriften per se überflüssig machen - und deswegen wäre es eine absolute Todsünde.
> Wahrscheinlich ja. Und umso besser, je enger man den Kreis
> zirkelte. Und deshalb sollte eine Benotung (wie etwa in der
> Spielbox) aus meiner Sicht nicht nur auf eine mitunter eng
> definierte Zielgruppe ausgerichtet sein (und schon gar nicht
> auf nichts anderes als den Rezensentengeschmack!), sondern
> genügend große Bereiche drumherum einschließen. Soll heißen:
> Eine 10 für Caylus? Für ausgesprochene Freaks auf jeden Fall!
> Für viele Häufig- und Gelegenheitsspieler, die man hier eben
> nicht außer Acht lassen sollte, ganz gewiss nicht! Die 95%
> der normalen Leute muss man sowieso unberücksichtigt lassen.
>
> Ich persönlich benote Caylus deshalb, als Summe meines
> eigenen Empfindens und der Beobachtung bei anderen
> Häufigspielern, mit einer 7. Weniger als 7 würde dem tollen
> Konzept des Spiels nicht gerecht werden, und mehr würde das
> Empfinden zu vieler meiner Mitspieler außen vor lassen.
NEEEIIIN! Wie gesagt, wir reden hier von Kritiker-Profis oder zumindest Halbprofis. Und die erkennen (oder sollten es zumindest), was ein Spiel. Bei Caylus (hab es leider noch nie gespielt) dampft anscheinend aus jeder Pore ein "ich will für Vielspieler sein!" Und das macht es wohl dann auch mehr oder weniger perfekt, weshalb absolute Höchstnoten absolut angebracht sind. Bei dem, was du hier forderst, würde in 90% aller Fälle am Schluss nämlich die immergleicher 7er-Soße rauskommen.
Ein Spiel, das seicht sein WILL, hat es deshalb m.E. wahrlich nicht schwieriger. Denn - das ist ja das schöne an Brettspielen - auch "seichte" Titel können irre viel Spaß machen (oder eben nicht), es gibt genauso viele Qualitätsbastufungen wie bei den vielspielenden Komplexitätsmonstern.
> Aus meiner Sicht sollte ein Spiele-Rezensent folgendes:
>
> 1.) … zur Zielgruppe gehören oder zumindest etwas damit
> anfangen können. Bei einem "Verflixxt" etwa sollte er
> zumindest grundsätzlich Spaß am sehr Einfachen haben. Bei
> einem Kinderspiel sollte er Spaß am Kindlichen und auf jeden
> Fall Spaß am Umgang mit Kindern mitbringen. Sind ihm z.B.
> Kommunikationsspiele ein Gräuel: Finger weg!
Um Gottes willen, nein! Er sollte ein echter Experte sein und noch dazu ein echter Profi. Das heißt zumindest bei der hauptberufklichen Kritikerbranche, dass er ein Spiel auch dann (fast) perfekt bewerten kann, wenn er NICHT völlig eins mit der Zielgruppe ist.
> 2.) … die Reaktionen der Anderen, für die das Spiel (im
> weitesten Sinne!) gedacht ist, berücksichtigen und deutlich
> gewichten.
Wieder: nein! Vorauseilender Kritikergehorsam ist ein weiterer Kardinalsfehler.
> 3.) … faktische Fehler und Schwächen benennen. Außerdem
> Vergleiche innerhalb des Genres heranziehen.
> 4.) … seine eigene Meinung und sein subjektives Empfinden
> deutlich mit einbringen, aber keinesfalls zum Maß aller Dinge
> machen.
> 5.) … ausdrücklich betonen, für wen das Spiel geeignet ist –
> und für wen nicht.
Ja, ja und ja. Das sind aber eigentlich 08/15-Basisgrundsätze für ein halbwegs professionelles Review.
> Und wenn der Rezensent dann selbst noch zu dem in der Lage
> ist, was er von einem Spiel zuallererst einfordern sollte,
> nämlich zu unterhalten (sprich: unterhaltsam zu schreiben),
> dann wäre schon vieles gewonnen, ja, dann wären wir der
> optimalen Kritik inklusive 1-10-Wertung schon ziemlich nahe.
Stimmt. :)