Beitragvon Duchamp » 8. Januar 2008, 12:43
Vielleicht sollte man erst mal fragen, was ein „Autor“ ist?
Der unvermeidliche „Wikipedia“-Artikel ist hier m.E. ziemlich auf den Punkt:
„Ein Autor (lat.: auctor; Urheber, Schöpfer, Förderer, Veranlasser) ist der Verfasser oder geistige Urheber eines Werkes. Dabei handelt es sich meist um Werke der Literatur im weitesten Sinn (Schriftsteller, Fachbuch-, Lehrbuch-, Sachbuch-, Drehbuch-, Fernseh-, Opern- oder Bühnenautor). Seltener wird, mit einem deutlichen juristischen Beiklang, als Autor der Urheber eines Werkes der nichtliterarischen Kunst (etwa Musik, Fotografie, Filmkunst) und der Wissenschaft verstanden.“
Und im juristischen Sinne:
„Autorschaft umfasst in der Gegenwart ein Recht am geistigen Eigentum.“
Interessanterweise gab (und gibt) es im Studiosystem der USA ja eben keine "Film-Autoren", sondern fest angestellte Drehbuchschreiber. Bis heute sind meist drei bis vier solche benannt (Idee, Dialoge, Gagschreiber, etc.), wobei der Regisseur ja auch noch als „Autor“ des eigentlichen Filmwerks dazukommt (plus Kameramann, Set-Designer, etc.), was das ganze Film-Urheberrecht ja so schön kompliziert macht. Den Oscar für den besten Film bekommt übrigens der Produzent desselben (also der Chef der Produktionsfirma, nicht der „ausführende Produzent“!) als Hauptverantwortlicher.
Die französischen Filmkritiker haben dann Hitchcock, Welles und andere als Autoren postuliert und eben NICHT eventuelle Drehbuchschreiber. Sie haben den film-schöpferischen Aspekt stark hervorgehoben gegenüber einer handwerklich-kommerziellen Sichtweise auf das Kino als reines Unterhaltungsmedium.
Die „Autorenfilmer“ im deutschen Sinne, wie Faßbinder, Wenders, Herzog oder Achternbusch haben dann tatsächlich fast alles selber gemacht, das heißt, der Regisseur schrieb oft sein eigenes Drehbuch. Das Ergebnis war SEIN Film und niemandes sonst, mögen da noch so viele mitgemischt haben und eine Produktionsfirma (oft auch noch die eigene) Geld hineingesteckt haben.
Es ist eben ein Unterschied, ob naturgemäß viele Menschen in den Produktionsprozess einer Sache eingebunden sind oder fast ausschließlich einer (wie bei Romanen, bei denen der Anteil des Verlages an dem, was der Rezipient tatsächlich liest, eher klein sein dürfte).
Und bei Gesellschaftsspielen? Bereits auf der „Banda“-Schachtel von Ravensburger stand 1973 „von Alex Randolph“ vorne drauf. Aber was bedeutet das? Hat der alles selber gemacht, sogar die grünen Linien gezeichnet? Sicher nicht.
Ich unterteile dieses weite Feld in fünf Kategorien mit fließenden Grenzen:
1. Das „Reine Autorenspiel“. Dazu gehören Friedmann Frieses Spiele bei 2F, Wittigs Edition Perlhuhn-Serie seiner eigenen Spiele, "Neue Heimat" von Klaus Zoch, gerade in seinem eigenen Kleinverlag "Chili-Spiele" herausgebracht oder auch „Chaos Tiles“ von Ed Pegg oder „Sunda to Sahul“ von Don Bone, die von der Idee bis zur fertigen Schachtel im Grunde im Alleingang produziert wurden und werden.
2. Das „Spiel eines Autors in Zusammenarbeit mit einem Verlag“: Die meisten Spiele, die man so kennt und spielt, gehören hierher, wobei die Betonung auf „eines“ Autors liegt. Der Verlag holt noch einen Illustrator dazu, regt Änderungen an oder drängt den Autor zur Änderung des Themas. Der tut, wie ihm geheißen, es bleibt auch im Grunde sein Spiel, aber sein Anteil am Endprodukt erreicht nicht den des „reinen“ Autorenspiels. Grauzone natürlich dort, wo ein Verlag NICHTS ändert, sondern das Spiel eines Autors pur so weitergibt. Die bisherige Diskussion betrifft m. E. diese Grauzone.
3. Das „Team-Spiel“: Zwei-Entwickler-Teams (wohlgemerkt nicht Autor/Illustrator, sondern zwei gleichberechtigte Erfinder) oder ganze Gruppen, wie z.B. bei „Scotland Yard“ sind keine „Autoren“ im eigentlichen Sinne. Ein neueres Beispiel hierfür wäre „Maestro Leonardo“ von „Acchitocca“, einer vierköpfigen Spiele-Erfinder-Gruppe aus Italien. Niemand ist mehr „Autor“, weil eben keine Einzelperson die letzliche „Autorität“ besitzt.
4. Das „Verlagsspiel“. Ich versuche seit längerem herauszufinden, wer das phantastische, zu Unrecht längst vergessene „Räuber Hotzenplotz“, 1968 im Abel Klinger Verlag erschienen, entwickelt hat. Es gibt schlicht keinen Autor. Offenbar hatte niemals eine einzelne Person oder eine Gruppe, sondern lediglich ein Spiele-Verlag jemals die Rechte an diesen Spielen. „Autor“ nicht vorhanden ... Reines Handwerk sozusagen.
5. Der „Klassiker“. Regeln lange bekannt, niemand hat (mehr) die Rechte, niemand ist als Autor gesichert bekannt.
Zusammenfassung:
Der Begriff „Autorenspiel“ ist ähnlich diffus und eher zufällig kombiniert wie der „Designertisch“ oder der „Bestsellerautor“. Jeder Tisch wird in irgendeiner Form designt (und hat also einen "Designer") und wie viele "Bestseller" (was genau ist das eigentlich?) ein Autor geschrieben haben muss und wie viele Nieten er fabriziert haben muss, um zum „ehemaligen Bestesellerautor“ zu werden, wissen allein sprachschändende Feuilletonisten.
Und nur die interessiert das eben auch, weil sie Schlagworte brauchen.
Wir hier sollten vor allem vermeiden, irgendwelche Wertungen mit einem dieser diffusen Begriffe zu verbinden. Aus allen Kategorien gibt es wunderbare, zeitlose Spiele und hirnlose, in keinem Sinne funktionierende „Spiele“, die keinerlei Erwähnung verdienen, ob verlegt oder nicht.
Und meine schönste Kommode ist 130 Jahre alt, genau wie mein schönstes Schachspiel - beide haben weder Autor noch Designer ...
Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.