Beitragvon Kai Borschinsky » 17. Juli 2008, 09:41
Marc Gallus schrieb:
> Unter der Annahme, dass sich das Niveau der �Allgemeinheit�
> immer weiter zurückbilden wird, müssten die Spiele der
> Zukunft noch einfacher werden und ich stelle mir die Frage,
> wie weit dieser Prozess noch gehen soll�Vor allem, wenn die
> einfachsten und gut!! verständlichsten Regeln nicht mehr
> verstanden werden�
Die Prämisse ist falsch. Das Niveau sinkt nicht, sondern die Ansprüche wandeln sich. Vor allem ist der Professionalisierungsdruck in der Spielebranche enorm gestiegen.
Die Regeln wurden früher genauso gut oder schlecht verstanden wie heute. Heute fällt es nur etwas mehr auf, da der Vernetzungsgrad der Menschen zugenommen hat.
Und wer sich mit einer Sache intensiv beschäftigt, versteht nun einmal zwangsweise auch mehr. Dinge, die einem Vielspieler nicht extra erklärt werden müssen, können für einen Gelegenheitsspieler unüberbrückbare Hürden bieten. Und das heute wie gestern. Es ist im Gegenteil sogar so, dass heute komplexere Inhalte besser vermittelt werden als früher. Aber komplexe Spiele hatten nie einen Massenmarkt. Und werden sie auch nie bekommen. Denn Spielen ist nun einmal in erster Linie eine Freizeitbeschäftigung zur Entspannung. Und da muss man nicht erwarten, dass jemand sich erst einmal Stundenlang und viel Lernfrust ein Spiel oder die Grundfähigkeit "Spielen" erarbeiten muss, sondern es sollte schnell losgehen und Spaß machen.
> Heißt das, dass wir in uns in 10 Jahren nur noch auf dem
> Niveau von Monopoly, Mensch ärgere dich nicht und ähnliches
> bewegen werden?
Nein, diese Tendenz sehe ich nicht. Im Gegenteil sind die letzten ausgezeichneten Spiele alle durchaus weit von einem solchen Niveau entfernt. Selbst wenn sie Vielspielern vielleicht trivial und/oder wenig innovativ vorkommen mögen. Weder das eine noch das andere kann und muss ein entscheidendes Kriterium für einen Preis sein, der sich an Gelegenheitsspieler richtet, um ihnen die Entscheidung zu erleichtern, welches Spiel für sie geeignet wäre, wenn sie (wie leider üblich) im Jahr genau ein Spiel kaufen.
Wenn ich dieser Zielgruppe ein StoneAge oder gar ein Agricola anböte, der Preis hätte seinen Wert für sie verloren. Nie wieder würden sie ein Spiel mit Pöppel kaufen. Und der Branche wäre ein Bärendienst erwiesen. Okay, für die Abkapselung der Vielspieler-"Elite" wäre es günstig, da es die Kluft zum Nichtspieler vergrößerte. Aber nein, so was hatten wir schon mal, das muss nicht wieder kommen.
Ich mag nicht jedes SdJ der letzten Jahre, aber keines davon ist ein schlechter Botschafter für das Spiel bei Gelegenheitsspielern.
> Falls diese Annahmen zutreffen würden, wären viele aktuelle
> Verlage vor dem �Aus� und das Kulturgut �Spiel� würde sehr
> schwierigen Zeiten entgegen sehen�Weniger Nachfrage und
> wenn,dann überwiegen nur noch extrem seichte Spiele...
Du solltest einmal in die Spieleabteilungen eines Karstadt, Real oder ähnlichen gehen. Du würdest staunen, was du da an Spielen fändest. Und wenn du dir die Verkaufszahlen ansehen würdest, da ist kaum ein Spiel oben dabei, was du als gutes Spiel auffassen würde. Ganz oben sind dann Sachen wie Dr Bibber oder das jeweilige Retortenspiel zur aktuellen DokuSoap.
Der Massenmarkt kauft schon immer wenigst Spiele von den Verlagen, die du bedroht siehst. Die haben eine komplett andere Zielgruppe. Das war noch nie ein Massenmarkt, und nur wenige davon haben überhaupt die Chance, da auch einmal mit zu spielen. Ein Siedler z.B. oder ein Carcassonne. Das sind aber eher Ausnahmen. Aber diese Spiele, die Vielspieler mögen, haben ihren eigenen Markt, und der ist weitgehend unabhängig von irgendwelchen Preisen. Ich brauche keine Jury, die mir dabei hilft, ein passendes Spiel für mich zu finden. Ich habe einen anderen Vernetzungsgrad in dieser Beziehung und ein anderes Interesse am Thema als ein Ottonormalspielekäufer bei Real. Der hat nur die Verpackung als Informationsgeber. Mehr will der aber auch nicht.