Beitragvon Günter Cornett » 19. August 2008, 00:44
Marten Holst schrieb:
>
> Moin,
>
> zugegeben, ich habe Keltis nur einige wenige (aber vergnügte)
> Male gespielt, und meine Überlegungen sind hier sehr von Lost
> Cities geprägt, indem der Königsmachereffekt ja nicht auftritt.
Moin,
Lost Cities und Keltis sind zwei völlig verschiedene Spiele, die man wohl nicht miteinander vergleichen sollte. :)
Vorweg nochmal zum Spielspaß: extrem langweilig finde ich es nicht. Ich bezweifle lediglich seine Preiswürdigkeit.
> > Wer gezwungen ist, eine Karte ungenutzt abzulegen, ist eh
> > schon vom Schicksal gebeutelt.
>
> Jein. Sicherlich ist es ein Zeitverlust. Es ist aber eine
> Option, bei einer - durch zum Beispiel unglückliches Ziehen -
> entstandenen schlechten Hand, sich nicht sofort festlegen zu
> müssen.
Keine Option sondern ein Zwang. Denn wenn man ohne Zwang Karten ablegt, hat ein Gegenspieler mit großer Wahrscheinlichkeit die passende Karte, weil der offen nachziehen kann, während du auf eine günstige verdeckte Karte hoffen musst. Die Wahrscheinlichkeit, dass die gezogene Karte dein Blatt verbessert, ist dann besonders gering, wenn du viele Karten hast, die halbweg passen.
Freiwilliges Ablegen nutzt also einem Gegenspieler, weil es dessen Kartenhand verbessert, während es dir sehr wahrscheinlich nicht nutzt. Dass du genau eine solche Karte Karte auf die Hand bekommst, die durch das Ausspielen der anderen Karte wertlos wird, ist bei einem nicht ganz schlechtem Blatt so unwahrscheinlich, dass es sich nicht lohnt darauf zu spekulieren.
Man sollte daher nur dann eine Karte ablegen, wenn man nur schlechte Karten auf der Hand hat. Und dann begünstigt man dadurch noch einen Mitspieler, der eh schon besser dasteht.
> Nimmt man nun die (für diesen Zweck eh einfachere)
> LC-Wertung heran, so denke ich sogar, dass das Ablegen von
> Karten auf den "Müll" (d.h. abgelegte Karten können nicht
> mehr aufgenommen werden) oftmals sogar sehr stark sein kann,
Abgelegte Karten können in beiden Spielen grundsätzlich wieder aufgenommen werden.
> um sich nirgends kompromittieren zu müssen. Gerade dass der
> Gegner die Karte nutzen kann, die ich ihm vorwerfe, lässt
> mich oftmals darüber nachdenken, nicht abzuwerfen, sondern zu
> spielen.
Da brauche ich - bei Keltis - nicht drüber nachzudenken. Ich mache es nicht. Die Wahrscheinlichkeit, dass es einem Gegenspieler nützt, ist wesentlich größer als dass es einem selbst nützt.
> Spieltiming ist natürlich ein anderes, weil das
> Spiel kürzer wird, aber ich denke, dass das Spiel eher
> entscheidungsärmer und mehr "08/15 mein Stiefel" wird, wenn
> bei Lost Cities dieser Aspekt fehlen würde.
Bei Lost Cities legt man dagegen Karten ab, die man später brauchen kann. Das hat damit zu tun, dass die Karten bei LC aufwärts (und nicht in beliebiger Reihe) gespielt werden und dass die hohen Karten mehr Punkte bringen. Da ist Timing ausserordentlich wichtig und unheimlich spannend.
Wir sollten also nicht über Lost Cities diskutieren, wenn Keltis in der kritik steht.
> Das Problem, dass jegliche Interaktion, die im
> 2-Personen-Spiel immer wünschenswert erscheint, im
> Mehrpersonenspiel Königsmacher ermöglicht. Das mag ich aber
> nicht Keltis anlasten.
Nein, seinem Autor und der Redaktion. :)
Es gibt Techniken mit dem Königsmacher-Problem umzugehen. Nicht immer lässt sich das komplett entfernen, aber die Alernative ist: Gib dem Spieler die Möglichkeit etwas für sich zu tun, anstatt sich aussuchen zu müssen, einen der Mitspieler zu begünstigen. Allein, wenn die Karte ersatzlos weggeworfen würde, wäre dieser Effekt eliminiert. Hier aber wurde ohne Not ein Königsmacher eingebaut.
> Der Effekt, dass häufig der gewinnt,
> der hinter dem am unglücklichsten agierenden Spieler sitzt,
> ist ja auch bei anderen Spielern ausgeprägter.
In diesem Fall, kann der Spieler aber auch entscheiden, eine Karte abzlegen, die einen anderen Spieler begünstigt.
> Nebenbei entspricht es auch nicht meiner Erfahrung, aber die
> ist bei Keltis wie gesagt nicht so extrem groß, dass man
> oftmals mehrere Abwurfkarten hat (die dann noch verschiedenen
> Spielern passen müssen). Meist ist ein großer Teil der
> Handkarten ja "in Wartestellung" und soll später noch verbaut
Dann sollte man wohl eine davon gleich verbauen. Ich lege nur dann eine Karte ab, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Jede unnötig abgelegte Karte nützt einem Mitspieler und verhindert damit tendenziell, dass dieser Karten ablegen muss, die mir nutzen.
> werden. Und selbst wenn, dann kann man damit durchaus
> taktisch agieren - andere Spieler unter Druck setzen. (A
> spielt Karte, die C braucht. B kann nun durchlaufen lassen
> und normal spielen - oder eventuell die Karte einsammeln um
> größeren Schaden zu verhindern.
Wenn er die einsammelt, ohne sie brauchen zu können, ist das auch gut für C.
> Spielt man die Karte, die B
> braucht, hat C eine entsprechende Kompensationschance nicht.)
> Klar kann das auch Königsmacher sein. Es kann mir aber auch
> helfen, dass bei ihnen nicht alles glatt läuft, und in einer
> ungünstigen (aber immer wieder auftretenden Situation) noch
> etwas mehr für mich machen, als nur mein Blatt zu verbessern.
Das Ablegen einer Karte gibt den Mitspielern eine zusätzliche Handlungsmöglichkeit, die sie nicht zu nutzen brauchen.
Die einzige Möglichkeit, die ich sehe, diese Regel positiv zu nutzen, ist, dass ein Spieler einen anderen unterstützt, ind er Hoffnung von diesem ebenfalls unterstützt zu werden. So wie wenn man sich beim MÄDN darauf einigt: wir schmeißen nur blau raus. Aber das sollte es nicht sein.
> Ich denke, "Designfehler" ist hier sowohl was die
> qualitativen Auswirkungen, aber auch was die quantitativen
> Auswirkungen dieser Regel betrifft, entschieden zu hart.
Was Lost Cities betrifft, gibt es diesen Designfehler nicht, aber ich spreche von keltis. :)
> > "Nicht zumindest einen Königsmachereffekt als Trost für den
> > Letztplatzierten?"
> > "Ja, stimmt, irgendeinen Spaß muss der ja auch haben"
>
> Es ist ja nicht so, dass die beschriebene Situation nur
> selten vorkäme und nur den hinten liegenden Spieler träfe.
Warum sollte ein vorne liegender Spieler (einer mit einer guten Kartenhand), eine Karte ablegen? Je besser das eigene Blatt ist, desto unwahrscheinlicher ist es, dass er einen Vorteil daraus zieht. Es ist nur eine 'Option', sprich ein Zwang für den hinten liegenden Spieler.
> > - Mehr Auswahl beim Karten aufnehmen
>
> Was genau meinst Du hier? Offene Auslage statt eines Stapels?
ja, z.B. Gibt viele Möglichkeiten, hier auch taktische Elemente einzubauen. Eine Auswahl mehrerer offener Karten ist für mich die naheliegendste.
> > - anstatt eine einzelne Karte abzulegen darf man seine
> > Kartenhand komplett umtauschen
>
> Aber will man das? Nebenbei entsteht aufgrund der
> Endbedingung "aufgebrauchter Stapel" schnell ein Timingproblem.
Nun, diese Karten ließen sich mischen und unter den Stapel legen (eventuell sortiert). Zudem kann man das auch differenzieren: eine beliebige Anzahl von Karten austauschen.
> > - aber das ist fast schon Trickkiste: wenn man bei sich
> > keine Karte anlegen kann oder möchte, spielt man sie direkt
> > in die Auslage eines Gegenspielers
>
> Oh, das kann sehr destruktiv werden. Ich sage nicht, dass das
> damit ein schlechtes Spiel werden muss, aber ich leg wem doch
> sofort meine "10" auf "0" und "1". Frohe Familienweihnacht :)
Jo, berechtigter Einwand. Also streiche das 'oder möchte'.
> > Auf ganz lange Sicht, kann man natürlich bei jedem Spielzug
> > ausrechnen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass
> > welche Karte nachgezogen wird, und sich dementsprechend
> > verhalten. Aber das ist gar nicht beabsichtigt. Ich
> > behaupte: Es wurde ein fast reines Glücksspiel angestrebt.
>
> Dann hätte man aber die Sonderfelder weglassen sollen. Denn
> auch die geben einen (in diesem Sinne kontraproduktiven)
> taktischen Touch mit in das Spiel hinein. Der natürlich auch
> mit Glück zu tun hat, da die Farben unterschiedliche
> Wertigkeiten bekommen, aber eben das Erkennen und Nutzen
> dieser Wertigkeiten geht auch über das reine Kartenablegen
> hinaus.
Jo, aber auf welcher Bahn man läuft, wo man die große Figur setzt, hängt imernoch stärker von der Karten ab als von der Bahn.
Gruß, Günter