Beitragvon Gustav der Bär » 8. März 2001, 23:23
Nur wenige wissen, dass das Wort "Pöppel" eigentlich ein doppeltes Lehnswort ist, das von der Bezeichnung eines geistlichen Standes über ein völlig anderes Spiel schließlich auf die einfache Spielfigur überging.
Aber gehen wir der Reihe nach vor:
Ende der 80er Jahre des 11. Jahrhunderts waren die Streitigkeiten zwischen den deutschen König Heinrich IV. und Papst Gregor dem VII. über Fragen der Interpretation der "Zwei-Schwerter-Lehre" bis an den Rand eines Krieges eskaliert. Heinrich stellte eine Armee auf und zog nach Italien, um Gregor abzusetzen.
Gregor, der militärisch unterlegen war, nutzte die Tatsache, dass Heinrich sich mit den Deutschen Kurfürsten in der Frage des sogenannten "Fahnlehens-Konflikts" überworfen hatte, und sprach 1088 den Kirchenbann gegen den König aus. Die Kurfürsten stellten dem König ein Ultimatum: Entweder, er wurde bis zum Jahresende vom Kirchenbann befreit oder er wurde seinerseits abgesetzt.
Unversehens sah sich Heinrich in die Defensive gedrängt. Er folgte mit seinem Heer Gregor bis vor die Mauern der Alpenfestung Canossa, wo der Papst sich sicher verschanzt hatte und gedachte, das Problem - wie später noch manch anderer Herrscher - einfach auszusitzen.
Heinrich seinerseits lagerte vor der Festung und versuchte, mit einer Mischung aus Diplomatie und Druck die Lösung vom Bann zu erreichen. Soweit der historisch bedeutsame Teil, der euch allen zumindest in groben Zügen aus der Schule geläufig sein dürfte.
Innerhalb dieses Rahmens aber spielte sich eine zutiefst erschütternde menschliche Tragödie ab: Catherine de Lombardie, die jüngere Tochter des päpstlichen Gonfalioniere (wörtl.: "Bannerträger", der Kommandant der Truppen) liebte von ganzem Herzen den abenteuerlustigen Kunz von der Stetten, genannt der Kuerisser, einen Ritter aus Heinrichs Gefolge. Kunz wäre trotz - oder vielleicht sogar wegen - einer Handvoll schlechter Minnelieder, die von ihm überliefert sind, inzwischen der Vergessenheit anheim gefallen, wenn nicht Catherine einige Briefe an ihre älter Schwester Genevieve hinterlassen hätte, aus denen man die folgende Episode rekonstruieren kann.
Da die Belagerung eine sogenannte "ehrenhafte" Belagerung war, konnten die Nichtkombattanten aus der eingeschlossenen Festung sich frei bewegen. Kunz und Catherine nützten diese Gelegenheit, um sich mehrfach zu treffen; natürlich ebenfalls "ehrenhaft", also stets in Anwesenheit einer Anstandsdame für Catherine und eines ritterlichen Waffengefährten für Kunz.
Als Leute von Kultur pflegten sie bei ihren Treffen Schach zu spielen und dabei allenfalls in Andeutungen von ihrn Gefühlen zu sprechen. Nun werden die Figuren in der vordertsten Reihe beim Schach, das ja seinem Wesen nach eine taktische Simulation ist, als "Bauern" bezeichnet und zwar, weil sie die Infanterie darstellten, die aus wehrpflichtigen Bauern ohne Rüstung und mit leichten Waffen bestand. (Bauern waren gemäß dem Lehnsrecht jährlich zu sechs Wochen Waffendienst auf Reichsgebiet oder vier Wochen im Ausland verpflichtet.)
Kunz pflegte seine Catherine, die ja auf der Seite der päpstlichen Armee stand, damit aufzuziehen, dass ihre "buren" in Wirklichkeit Priester seien. Catherine verwendet in ihren (lateinischen) Briefen überwiegend die Bezeichnung "clerici minores", also "kleine Priester"; einmal nur zitiert sie ihren Geliebten wörtlich. Da Kunz aus der preussischen Mark stammte, wo eine Mischung aus Mittelhochdeutsch und mittelalterlichem Russisch gesprochen wurde, verwendete er nicht das deutsche Wort "pfaffo", sondern das russische "pope" und zwar in der Verkleinerungsform "poepel".
Die Liebesgeschichte der beiden endete unerfüllt: Vielleicht wegen der häufigen Treffen im einem ungeheizten Zelt im Frühwinter, vielleicht wegen der Entbehrungen, die mit der Belagerung verbunden waren, erkrankte Catherine und starb nur wenige Tage, nach dem die hohen Herren einen faulen Kompromiss geschlossen hatten und die kaiserliche Armee wieder abzog.
Kunz jedenfalls verwendete in einigen seiner späteren Lieder wiederholt Analogien aus dem Schach und verglich die Wirren der Liebe mit dem Kräftemessen der "buren" und "poepel" auf dem Raster des Spielfeldes.
So kam der Begriff des "Pöpels" für die einfache Spielfigur zunächst in die Umgangssprache der Kriegsleute und mehr als ein halbes Jahrtausend später durch die Massenheere des 30-jährigen Krieges auch in die Umgangssprache.
Wäre Kunz ein besserer Dichter gewesen, würden heute vielleicht Schachspieler in aller Welt die Figuren der vordersten Reihe "Pöppel" nennen, so aber behielten die Schachfiguren ihre Bezeichnung als "Bauern" und der "Pöppel" wurde zum Begriff für die Figuren in anderen Spielen.
So musste eine junge Frau sterben, damit ... aber Tränen verschleiern mir angesichts dieses tragischen Geschehens den Blick und - ach - ich muss jetzt enden!
Liebe Grüße
Gustav der Bär
(a.k.a. Peter Gustav Bartschat)