Beitragvon Uli » 20. August 2001, 19:11
Lieber Roman,
Leider hatte ich vorhin nur wenig Zeit, wollte aber meinen Widerspruch unbedingt loswerden. Vielleicht war's daher etwas knapp, lass mich Dir nochmal ausführlicher antworten.
Roman Pelek schrieb:
>
> Es geht weniger um ein arrogantes "für Normalspieler noch gut
> genug", sondern eher darum, was für uns schon alles
> "schlecht" ist.
Das ist schon klar, aber ich bleibe trotsdem dabei, was für uns schlecht ist, soll ruhig seine Kritik bekommen.
>
> Ja, und genau da wollte ich ansetzen: Vielspieler stehen oft
> auf Spiele mit einer Spieltiefe bis Timbuktu und kritisieren
> manch unplanbare Aktion oder mangelnden Einfluss sehr hart.
> Das ist prinzipiell gerechtfertigt, aber so manchen Verriss,
> der daraus konstruiert wird, finde ich unangebracht.
>
......
>
> Ein paar Beispiele für Verrisse aus der Vergangenheit: Lost
> Cities, Africa, Herr der Ringe... (Sorry, dass mir ad hoc nur
> Knizias einfallen, da war noch viel mehr) Funktionieren alle
> prima, auch wenn sie vielen vielleicht keinen Spass machen
> oder gemacht haben. Mittlerweile sieht das schon ganz anders
> aus, da wurde ja vieles "rehabilitiert".
>
Eben - eigentlich hatte ich bisher hier den Eindruck, dass solche harten Kritiken zwar häufig kommen, das will ich nicht bestreiten, aber in der Regel auch von den Mitlesern wieder zurechtgerückt werden. Und im übrigen wird dieses Forum ja vorwiegend von Leuten genutzt, die sich ein bißchen auskennen und diese Kritik dann auch mit der entsprechenden Information über Spieltiefe im Hinterkopf verlinken. Dh. ein weiterer Punkt zu diesen unbescheidenen Kritiken: hier lesen sie vorwiegend Spielekenner, also gehören sie hier hin. Um zu meinem Vergleich mit Kleidung zurückzukommen: Wenn ich Festtagsklamotten in einem entsprechenden Geschäft kaufe, kritisiere ich - zu Recht, denke ich - Fehler, die ich in einem Second Hand Basar als völlig unerheblich hinnehmen würde. trotsdem bin ich nicht unbescheiden.
Wenn ich mir all die alten DDR-Spiele von 1960-1980 ansehe, finde ich das eine, dass nicht die 345. Gänsespielvariante ist (Segeln, falls es einer wissen möchte, aus den 70gern, glaubich) super, trotsdem würde ich es heute mit der entsprechenden Kritik versehen.
Ich persönlich hatte (erfreulicherweise) eigentlich immer den Eindruck, dass Spiele, die eher zu einfach, aber vom Mechanismus her OK sind, nicht verrissen werden, sondern einfach unerwähnt bleiben, so nach dem Motto 'die haben ihre Berechtigung, aber nicht hier'. Das war mit 'Gambler' gemeint - wir reden da garnicht drüber.
Wenn etwas kritisiert wird, sind doch (bei den meisten Kritiken jedenfalls) auch konkrete Haken und Ösen genannt. Und da kann man ruhig sehr anspruchsvoll bleiben, schließlich soll so ein Spiel ja auch bei mehrfacher Wiederholung noch neue Seiten offenbaren oder fesseln.
Und wenn einen wirklich 'nur' der zu hohe Glücksfaktor stört, steht das meist auch so da - und ist eben meiner Meinung nach häufig auch ein Grund, warum Nichtspieler nicht spielen.
Denn es gibt eben auch genug Nichtspieler, die nicht spielen, weil Spiele für sie keine (intellektuelle) Herausforderung enthalten. Zumindest glauben sie das, weil sie nur Gänsespiel und co kennen. Will sagen: es gibt Nichtspieler, für die gerade anspruchsvolle Spiele der richtige Einsteiger sind. Vielleicht lieget es an meinem Bekanntenkreis, aber von der Sorte kenne ich mehr, als die, denen Spiele zu schwierig sind. Denn einfache Spiele kennt ja jeder, also gibt es selten jemand, der sagt, er spielt nicht, weils ihm zu schwierig ist.
Also ist aus meiner Sicht auch die Kritik 'mangelnde Spieltiefe', 'nicht anstrengend genug' ;-) auch durchaus im Interesse der 'noch-nicht-Spieler'
Ich finde, Bescheidenheit gehört woanders hin - wenn der Kuchen nicht reicht, nehm ich eben nur ein halbes Stück, und wenn es jemanden erschreckt, dass ich gut in Mathe bin, sag ich, 'so leidlich'. Aber auch Leute, die selber in mancher Beziehung vielleicht kritikwürdig sind (sich vielleicht mal im Ton vergreifen) sollen kritisieren, besonders wenn sie - wie die meisten hier - Vergleichsmöglichkeiten haben. Den Spruch 'nur der Unfehlbare werfe den ersten Stein' sehe ich gerne aufs Steinewerfen beschränkt. Kritisieren darf und sollte jeder.
Ein weiterer Punkt ist, dass so manche vielleicht unberechtigte Kritik hilft, Mißverständnisse auszuräumen.
Und:
Von meinem Arzt (Chirurgen ;-) ) möchte ich auch immer nur allerbestes!
Natürlich ist das immer so ein Ding - wer hört schon selber gern Kritik. Ich geb mir ja immer Mühe - aber natürlich rutschen mir doch die Mundwinkel nach unten, und ich muß vielleicht eine Nacht drüber schlafen, ehe ich es sortieren kann in berechtigt und überkandidelt. Aber für mich ist das eher die Stelle, an mir zu arbeiten - dass ich Kritik besser aufnehme, nicht, dass ich weniger kritisiere.
Hoffentlich habe ich das jetzt alles nicht zu sehr durcheinander geschrieben, mir ist immer mal noch ein Aspekt eingefallen.
Mir ist auch klar, dass Du nur eine Überlegung über zu hohe Ansprüche lostreten wolltest - aber eben die gehört ins 'Eine-Welt-Forum', und da bin ich dann auch der Meinung, dass wir bescheiden sein sollten. Hier nicht, Spiele sind Luxus, und wenn schon, dann auch ordentlich (was ich jetzt nicht im Fackler-Spiele Sinne meine)
Liebe Grüße
Uli