Beitragvon Gustav der Bär » 10. November 2001, 12:33
Holger Peine fragte:
> Wie verhalten sich also die beiden zueinander, was z.B.
> Komplexität, Vielfalt ...
Hier hat zur Zeit das Siedler-Kartenspiel noch die Nase vorn, bedingt allein schon durch die Erweiterungen. Beim Siedler-Kartenspiel kann man sich von Anfang an für einen von mehreren Wegen entscheiden, der zum Erfolg führen soll (Macht, Handel, Wissen usw.) und bei dem man dann konsequent seine Stärken einsetzt.
Beim Sternenschiff ist von vornherein klar, dass Handel der beste Weg ist. Innerhalb dieser Einschränkung zeigt sich allerdings, dass es - neben dem Gedächtnis für die ungefähren Positionen der Markt-Planeten - auch schon einen "Näschens" (sprich: Näs-chens) für gute Geschäfte bedarf.
Die Komplexität des Sternenschiffs liegt mindestens auf dem Niveau, die die Grundpackung des Siedler-Kartenspiels für sich allein hat - und viel mehr ist innerhalb dieses Rahmens wohl auch kaum noch zu leisten.
> ... Glücksanteil ...
Bei beiden Spielen hält sich das Glück meist die Waage mit dem strategisch-taktischen Teil. Ein paar Würfelergebnisse, die in die Hose gehen, werfen einen Spieler noch lange nicht aus der Bahn. Wichtiger als die Würfel sind langfristig immer die Qualtiät der eigenen Planung und die Konsequenz, mit der man sie umsetzt - natürlich können die Würfel im Einzelfall mal ihre Sympathie deutlich nur einem der Spieler schenken und den anderen im Regen stehen lassen; das ist wie im Leben möglich, aber nicht der Normalfall.
> ... Interaktion ...
Beim Siedler-Kartenspiel sind die Möglichkeiten, unmittelbar Einfluss auf Auslage und Vorräte des Gegners zu nehmen, merklich stärker; beim Sternenschiff beschrändken sie sich auf die "Rohstoffenteignung" per Handelszentrum.
Dieser Unterschied spiegelt allerdings deutlich die Lage der Spieler wieder, die in den Spielen simuliert wird. Beim Siedler-Kartenspiel haben wir es ja mit zwei benachbarten Fürstentümern zu tun, bei dem jeder Fürst jederzeit auf das Territorium des anderen übergreifen kann; beim Sternenschiff mit zwei Raumschiffen, die überwiegend in weit entfernten Quadranten der Galaxis unterwegs sind und sich nur selten treffen. Eine stärkere Einflussnahme wäre im letzteren Fall einfach unrealistisch gewesen, daher denke ich, dass Klaus Teuber diesen Unterschied bewusst und auch völlig zu Recht gemacht hat.
Dadurch, dass beim Sternenschiff in jeder Runde die Spieler abwechselnd (rollenspielerisch formuliert) "Meister" und "Spieler" sind, gibt es keinen Leerlauf im Spiel - das war und ist in meinen Augen immer die ganz besondere Stärke bei Klaus Teubers Spielen.
> ... Aggressivität angeht?
Aggressivität ist im Catan-Universum eher eine Frage des Spiel-Stils als des Regelwerks. Natürlich ist im Siedeler-Kartenspiel inzwischen eine ordentliche Auswahl an Karten zusammen gekommen, mit denen man seinem Gegner Schaden zufügen kann. Allerdings ist auch das Kartenspiel nach wie vor ohne den Einsatz von Feuerteufeln, Raubzügen und Spionen gewinnbar; wer aber aggressiv spielen möchte, wird dort reichlich Möglichkeiten dazu finden. Abgesehen vom erwähnten Handelszentrum gibt´s keine Angriffsoptionen beim Sternenschiff; wie man im "Sternenschiff-Handelszentrum"-Thread weiter unten in diesem Forum sieht, stecken allerdings allein dort einige Möglichkeiten.
Nach wie vor ist Catan nicht die Welt des Vernichtungskrieges, sondern die des wehrhaften Fortschritts.
> Wo sind sie vergleichbar, wo nicht?
Alles in allem sind die Unterschiede in Design, Regelwerk und Spielgefühl so groß, dass das Sternenschiff auch als völlig un-catanisches Spiel hätte erscheinen können. Das Wort "Catan" auf der Packung verhilft auf jeden Fall zu einem besseren Start am Markt - und das völlig zu Recht, denn das Sternenschiff hat viele Käufer verdient.
Das beste Zwei-Personen.Spiel aus Essen? Für mich eindeutig: Ja.
Auf Xunheit!
Gustav der Bär