Beitragvon HBS » 27. März 2002, 14:10
Moin Gerd,
nachdem inzwischen in diesem Thread fast alle meiner Lieblings-Puerto-Rico Mitspieler vertreten sind ( :-) ), denen ich mich in vielen Punkten anschließen könnte, trotzdem auch noch von mir eine Meinung:
"gerd wapke" hat am 27.03.2002 geschrieben:
> vor ein paar Tagen haben wir uns (zu viert) an Puerto Rico
> versucht. Nach ca. 1 Stunde Regelstudium und fast 2 Stunden
> Spiel haben wir auf allgemeinen Wunsch abgebrochen.
hmmm, das klingt schonmal ganz anders, als es bei uns so gelaufen ist. Habt Ihr die Regel zusammen gelesen? damit habe ich im Allgemeinen schlechte Erfahrungen gemacht: es dauert länger und ist nicht so effektiv, wie wenn einer sich gründlich vorbereitet und den anderen das Spiel erklärt. Wenn nur einer liest, kann er besser vor und zurückblättern, erstmal nur seine Fragen klären und es geht einfach schneller!
> Es tut mir leid, ich kann die allgemeine "Hysterie" um
> dieses Spiel nicht verstehen. (Sollte aber vielleicht
> hinzufügen, dass z.B. Der Herr der Ringe und La Citta bei
> uns auch gnadenlos abgestürzt sind, hingegen Evo, Urland
> oder auch Britannia und Anno 1452 immer wieder gern
> gespielt werden! Ist also nicht so, dass wir keine
> komplexeren Spiele mögen.)
wie Christian schon schrieb: typischer Fall von "Geschmackssache" - ich mag Puerto Rico eben, allerdings auch fast alle der von Dir oben genannten Spiele...
Trotzdem: "Hysterie"??? :-?
> Meine Hauptkritikpunkte sind derzeit (ich werd's aber
> sicher nochmal versuchen):
>
> * Die Spielregel ist eine Katastrophe (in jedem Abschnitt
> heißt es: "Beachten sie aber die besonderen Funktionen der
> Universität..." o.ä. ohne das dann die Info folgen
> würde!?). Sie ist unstrukturiert, ohne Querverweise od.
> Stichwortverzeichnis, es gibt keine übersichtliche
> Kurzregel od. ein Einführungsspiel (wie z.B. Prof. Easy)
> und man kann erst anfangen zu verstehen und spielen, wenn
> man die ganze Regel durch hat (und muss dann immer wieder
> nachblättern).
Ich komme mit den Alea-Regeln immer wieder gut zurecht, finde sie übersichtlich und gut strukturiert und die Aufteilung in Spalten und Schriftarten für verschiedenartige Regelaspekte geradezu genial... (um auch mal ein starkes Wort zu gebrauchen... ;-) ) Völlig objektiv kann ich aber wohl bei der PR-Regel nicht sein: ich hatte bei Puerto Rico das Glück, die damals noch nicht (schriftlich) existente Regel erklärt zu bekommen - was sicherlich immer die beste Variante ist. Daraufhin war das Regellesen, als ich ca. fünf Monate später endlich, endlich, endlich das Spiel in der Hand hatte, natürlich leichter, da ich mich zumindest an die Grundstruktur des Spieles noch erinnerte... Trotzdem: auch beim ersten Lesen ging es mir eigentlich immer so, daß, sobald eine Frage auftauchte, sie sofort danach im darauffolgenden kursiven Teil der Beispiele und Ausnahmen geklärt wurde!
Inzwischen habe ich das Spiel auch schon zweimal selbst erklärt, das erste Mal mit Hilfe und Struktur der Regel (und mit Mitspielern, die sich schon gut vorbereitet hatten), das zweite Mal aus dem Kopf (und wer hier aufmerksam liest, ahnt jetzt, von wem Christian die Regel erklärt bekommen hat... ;-) - sie fand sich übrigens trotz intensieveren Suchens erst zwei Tage später zufällig wieder :-) ). Daß ich das Spiel mit Einzelfällen so schnell recht gut aus dem Kopf erklären konnte spricht, finde ich, auch sehr für die Regel. Sogar eine Frage, die ich aus dem Kopf nicht mehr beantworten konnte, entschieden wir im Spiel "richtig"...
Zu den vielen Einzelregeln kann ich nur sagen, daß ich finde, gerade das macht einen großen Teil des Spielreizes aus: es ist halt komplex und kompliziert, jede "Rolle" hat ihre Eigenheiten, die durch Gebäude verstärkt oder aufgehoben werden können. Das mag beim ersten Lesen unüberschaubar wirken, macht aber auf längere Sicht ein interessantes Spiel aus, bei dem man immer wieder neue Strategien und andere Möglichkeiten hat.
> * Die ersten Spielrunden verlaufen viel zu zäh und
> langwierig, der Aufbau kommt nicht wirklich ins Laufen. Bis
> die Plantagen bewirtschaftet werden, die Produktion steht
> und man was verkaufen kann, zieht sich die Sache.
> (Vielleicht sollte man doch nicht ganz bei 0 starten?!)
Das ist bei den, grob gesagt, "Siedel-Civilisations-Spielen" doch immer so, oder? Man fängt mit wenig an, möchte am liebsten alles gleichzeitig tun und es fehlt an allen Ecken und Enden. Und ganz bei Null startet man ja nun auch nicht: man kann sich schon in der ersten Runde ein kleineres Gebäude bauen, zumindest ein Teil der Mitspieler kann schon Mais produzieren, je nach Spielreihenfolge der Rollen kann auch schon Indigo oder sogar Zucker produziert werden (letzteres aber nur bei der hypothetischen Rollenreihenfolge: Siedler - Baumeister - Bürgermeister - Aufseher, wenn der Zuckeranbauende selbst den Bürgermeister spielt - zugegebenermaßen ein sehr spezieller Ablauf aber theoretisch möglich!)
OK, ich gebe zu "das ist doch immer so" ist keine "Rechtfertigung" für irgendetwas, womit wir wieder beim Thema "wer's mag" wären...
> * Die Rollen Aufseher, Händler und Kapitän machen lange
> Zeit überhaupt keinen Sinn (höchstens mit ein paar Münzen
> drauf, wegen der Münzen!)
Das kann ich überhaupt nicht nachvollziehen! In meiner letzten Runde war ich "Schlußspieler" und so blieben gerade in den ersten Runden meistens nur gerade diese Rollen übrig. So kam es irgendwie, daß ich, entgegen meiner sonstigen Neigung erstmal alles "schön" auszubauen, eher schnell auf Siegpunkte spielte... und so auch mit der geringeren Produktion, die man am Anfang wegen der wenigen Felder hat, schon am Anfang Siegpunkte sammelte. Ohne Indigo, also nur mit einer Mais-Zucker-Kombination, die sich auch irgendwie ergeben hatte, hatte ich gleichzeitig von Anfang an Einnahmen, die zwar für sich genommen jeweils nicht hoch waren, aber insgesamt dann doch immer wieder zum Bauen reichten... es läppert sich eben!
> * Die verschiedenen Abhängigkeiten und Effekte sind zwar
> sicher (auf lange Sicht gesehen) interessant und
> vielfältig, aber insgesamt ist das Spiel doch eher
> kompliziert und (ich muss es leider sagen) auf Dauer
> langweilig.
Auf Dauer kann ich noch nicht viel sagen, finde aber bisher, daß sich doch jede Partie anders entwickelt. Ich verstehe nicht ganz, wie Du aus "eher kompliziert" auf "auf Dauer langweilig" schließt???
> Wie gesagt, ich kann die anfängliche Euphorie und die
> Begeisterung der Spieler aus Essen bei weitem nicht teilen
> (und auch hier wurde ja schon sehr positiv über Puerto Rico
> geschrieben).
Ich schon! Unbedingt! Und gebe zu, daß ich schon seit meinem Probespiel sehr auf PR gewartet habe und mich auch jetzt wieder auf eine eventuelle Partie am Wochenende (Petra? Jürgen? Christian? ;-) ) freue!
Nach den Antworten auf Deine Kritikpunkte, jetzt noch meine Antwort auf Deine allgemeiner Frage der Überschrift: [i]Was ist an Puerto Rico toll?[/i] Für mich - und ich weiß, daß einiges dessen, was kommt, sehr subjektiv ist - folgendes:
- Es ist ein Spiel, bei dem viele Wege zum Ziel führen, und bei dem es (zumindest bisher ;-) ) keine "richtige" Strategie gibt.
- Man kann sich zwar immer wieder überlegen, was wohl am besten/ günstigsten / effektivsten ist, muß seine Strategie aber je nach Spielentwicklung immer wieder anpassen. Es ist also nicht von Anfang an absehbar, wie ein Spiel laufen wird, man muß sich auf das Spiel einlassen und wird oft gezwungen, anders zu spielen, als man sich es schön zurechtgelegt hatte - man muß also wach und dabei bleiben!
- Es sind immer alle Spieler beteiligt. Auch wenn nicht miteinander gehandelt wird (und das, die fehlende direkte Interaktion zwischen den Spielern, ist wohl auch einer meiner Kritikpunkte - allerdings wäre "auch das noch" wohl etwas viel von einem einzigen Spiel verlangt!) muß man doch bei jeder Rolle wieder selbst entscheiden, was man tut. Auch wenn man dem anderen nicht direkt schaden kann, wird man doch umso erfinderischer, was das indirekte schaden angeht... und muß zusätzlich zu Überlegungen zum eigenen Vorteil auch darauf achten, daß die eigene Rollenwahl nicht günstiger für andere, als für einen selbst ist.
- Es ist eine schöne Umsetzung des Themas, hübsch gemacht, ohne gleich zu spezifisch oder postkolonial-kritisch zu sein, eben "spielerisch", nicht sozialkritisch.
Einen Kritikpunkt hätte ich allerdings auch noch: es ist immer wieder viel zu schnell vorbei! :-))
So, ich hoffe inzwischen haben nicht alle anderen schon genau das gepostet, was ich jetzt hier aufgeschrieben habe ;-)
Gruß,
Hanna
(bastelt schon an einer Strategie für die nächste Runde... um Jürgen mit seiner gr. Markthalle/ kl. Lagerhaus/ Hafen/ Werft-oder-so-ähnlich Strategie gründlich zu schlagen! ;-) )