Beitragvon Marco Aschwanden » 26. September 2002, 11:52
Das vorhergehende Mailing hat mich sehr geärgert. Das Motto: Ich kenn es nicht, ich will es auch gar nicht verstehen, aber ich weiss, dass es nicht gut ist, obwohl ich es nicht kenne, aber die Pisa-Studie gibt mir ja recht.
Der fragend-entwickelnd Unterrichtsform wurde zu Recht zu Grabe getragen - weiter unten erläutere ich die Gründe. Was mich aber am meisten ärgert, dass man glaubt, dass man ein Spiel nach dem fragend-entwickelnden Unterrichtsprinzip erklärt. Das ist natürlich Bullshit. Nein, ihr bedient euch neuster Didaktik, die ihr gleichzeitig in Grund und Boden stampft.
Die neue Didaktik hat folgenden 4-Schritt:
1. Schritt: Ziel / Zweck des Spiels vorgeben
2. Schritt: Infos geben: Regeln erklären (dabei besteht methodische Freihet: Vortragen, Vorzeigen, Anspielen, etc.)
3. Schritt: Umsetzung in Praxis - Transfer: Spielen des Spiels
4. Schritt: Zielerreichung: Haben wir richtig gespielt? Habe ich Fehler gemacht? (Diskussion am Ende des Spiels, Vorsätze fürs nächste Spiel)
Für eine Regelerklärung ist der fragend-entwickelnde Unterrichtsstil denkbar ungeeignet - hier muss man vor allem auf die Methode des Vortragens, aber auch des Illustrierens zurückgreifen. Dabei entstehen Fragen, die beantwortet werden müssen. Dies sind alles verschiedene Methoden, die den Lernprozess am Leben erhalten sollen bzw. ihn fördern sollen. Das ist kein fragend-entwickelnder Unterricht.
Alte Schule: Fragend-entwickelnd Methode
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L: Liebe Schüler, heute sprechen wir über etwas, dass ihr in eurer Freizeit tut. Was denkt ihr, was es wohl ist?
S: Ähm, Kiffen?
L: Nein.
S: Graffitis sprayen?
L: Nein, etwas, dass man meist mit anderen zusammen macht.
S: Ich trau mich jetzt nicht, das zu sagen.
S: Vielleicht in die Disco gehen?
L: Nein, etwas dass man am Tisch macht.
S: Ah, Essen!
S: Hausaufgaben?
L: Machst du denn deine Hausaufgaben in der Freizeit?
S: Hmm, gute Frage. Irgendwie ist es doch meine Freizeit, wenn ich Hausaufgaben machen muss, aber ist es dann noch "Freizeit"?
L: Das ist ein gute Frage, aber darum geht heute nicht. Alex?
Alex: Malen?
L: Nein, ich meine Spielen. Was spielt ihr denn so?
S: Quake ist cool.
etc.
Eine andere beliebte Möglichkeit ist das Sammeln von Freizeitaktivitäten an der Wandtafel (neues Medium = Abwechslung! - Lehrer muss nicht immer Fragen stellen, um zum Ziel zu kommen und meistens steht das Gewünschte auch auf der Wandtafel und die Lehrperson kann sich darauf beziehen).
Die Grundidee
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Die Lehrperson weiss, was sie beibringen will, welches Ziel sie zu erreichen sucht. Dazu muss der Unterricht in die entsprechende Richtung gelenkt werden. Das Ziel ist das Geheimnis (und soll Spannung bringen, Interesse wecken) und die Schüler sollen versuchen dieses Geheimnis zu knacken. Um sein Ziel zu erreichen, muss die Lehrperson den Unterricht stark lenken. Mit "echten" Fragen kommt die Lehrperson nicht ans Ziel, sondern sie muss lenkende Fragen stellen. Die Schüler versuchen andauernd herauszufinden, was die Lehrperson hören will. Vielen ist dieses Ratespielen zu blöd (Phänomen: Es machen nur immer die gleichen mit). Echte Fragen (wie zuvor etwa: Was ist "Freizeit"?) haben nicht wirklich Raum, wenn die Lehrperson ihr Ziel zu erreichen sucht.
Schon mal versucht ein Spiel in Form dieses Unterrichts zu erklären:
L: Wir wollen dieses Spiel heute spielen. Was müssen wir machen, damit wir dieses Spiel spielen können?
S: Das Spiel öffnen?
L: Ja, klar, aber was müssen wir zuerst machen, bevor wir spielen können?
S: Das Spiel kaufen?
L: Nein, ich meine nach dem Öffnen der Schachtel.
S: Es aufstellen?
L: Genau. Und wo kann man sehen, wie man das macht?
S: In den Regeln.
L: Wie heissen die auch noch?
S: Gesetze?
S: Spielanleitung.
L: Genau.
etc.
Wenden wir uns von diesen erbaulichen Beispielen ab und gehen wir zur "Spassgesellschaft"-Didaktik.
Neue Schule: Zielorienterte Didaktik
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L: Heute werden wir uns mit dem Thema Brettspiel beschäftigen. Besonders den Aufbau einer Spielanleitung werden wir analysieren. Dies könnte hilfreich sein, wenn ihr künftig ein Spiel erlernen wollt. Wenn ihr nämlich wisst, wie eine gute Spielanleitung aufgebaut ist, geht das viel leichter.
Der Unterricht kann von dieser Ausgangslage viele mögliche Richtungen nehmen / viele didaktische Methoden sind zulässig:
- Den Schülern werden unterschiedliche Anleitungen vorgelegt, die sie nach Gemeinsamkeiten abklopfen sollen und in einem grundsätzlichen Anleitungsraster münden könnte.
- Die Spieler schreiben selber eine Kniffel-Anleitung. Anschliessend werden die Erfahrungsberichte gesammelt (Wo hattet ihr Probleme? Was würdet ihr das nächste mal anders machen? Den Schülern "professionelle" Anleitungen zeigen und Vergleiche ziehen.
- Die Lehrperson erklärt den grundsätzlichen Aufbau / Raster einer Spielanleitung, dazu ist kein Ratespiel notwendig. Er zeigt verschiedene Anleitungen. Die Schüler schreiben selbst eine Anleitung bzw. bewerten verschiedene Anleitungen.
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Der "Spassgesellschaft"-Unterricht besteht aus folgenden vier Elementen:
1. Schritt: (Ziel bekannt geben) Die neue Methodik erklärt dem Schüler zuerst, was das Ziel ist. Das Ziel ist kein Geheimnis, das es zu erraten gilt. Selbst Spielanleitungen haben mittlerweile eingesehen, dass ein Kurzbeschrieb des Spiels zu Beginn, allenfalls mit Siegbedingungen, der Verständlichkeit der nachfolgenden Regeln dienlich ist. Der Lernende erhält einen groben Bezugsrahmen und kann alles Folgende in diesen Rahmen einbauen.
2/3. Schritt: (Infos geben) Die Lehrperson gibt ihr Wissen preis. Das heisst, die Regeln werden erklärt und Unklarheiten beseitigt. Dieser Schritt sollte nicht 2/3 der Unterrichtszeit ausmachen, die Konzentrationsfähigkeit reicht eh nur für knapp 15 Minuten aus.
3/2. Schritt: (Transfer) Das Gelernte wird umgesetzt / angewendet. Im Falle von Spielen, werden diese halt gespielt.
4. Schritt: (Ziel überprüfen) Wurde das Ziel erreicht? --> Verständnisfragen, Test, Rekapitulation, Fixierung, Konsequenzen für nächste Stunden
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Zum Schluss
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Alte Schule: Geheimnisse machen Spass
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"Sie zuckte und stöhnte. Die Erregung konnte man in ihren Augen ablesen. Er schwitzte vor Anstrengung. 'Versuchen wir es nochmals?', fragte er etwas unsicher. Sie stöhnte auf. Dieser verdammte Weisheitszahn wollte sich einfach nicht ziehen lassen."
Der fragend-entwickelnde Unterricht floppt auf der ganzen Linie. Weder ist er sonderlich spannend noch unterstützt er den Lernenden beim Lernen. Wenn der Schüler halbwegs aufmerksam war, weiss er am Ende, was das Ziel der Stunde war.
Neue Schule: Geheimnisse verhindern das Lernen
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"Dieser verdammte Weisheitszahn wollte sich einfach nicht ziehen lassen. Die Erregung konnte man in ihren Augen ablesen. Er schwitzte vor Anstrengung. 'Versuchen wir es nochmals?', fragte er etwas unsicher. Sie stöhnte auf."
Zwar ist es so kein Witz mehr, aber der Leser weiss von Anfang an, worum es geht. Die nachfolgenden Informationen werden so im richtigen Rahmen eingebettet.
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Gruss,
Marco