Beitragvon Wolfgang Ditt » 24. Oktober 2002, 22:52
Hallo Dieter,
ich bin kein Fairplay-Abonnent und die Auszüge aus dem Bericht zeigen mir, warum ich es auch nicht werde. Ich teile aber auch nichts von dem, was da steht:
> "Wenn ein Käufer zur Vorweihnachstzeit in einen Laden geht,
> um ein Spiel zu kaufen und dann zum aktuellen Preisträger
> greift, (...) dann ist dies kein Erfolg der Jury im Sinne
> ihres Vereinsziels. Eher kann dies als Verlust für die nicht
> preistragenden Verlage gesehen werden, denn ein Spiel wollte
> der Käufer ja sowieso kaufen."
Also, das sehe ich genau andersherum. Das Spiel des Jahres hat ganz andere Wege: so bewirbt es der Marktkauf zum Vorzugspreis, macht kaum Gewinn und verdient am Lachs und Sekt zu Weihnachten. Genügend kaufen dort das SdJ, die sonst kein Spiel gekauft hätten...
> "Das (Spiel-des-Jahres-)Logo verkauft sich, nicht zuletzt
> durch den günstigen Verkauspreis in den großen Handelsketten,
> prima. Natürlich wurden die verschiedenen Preisträger
> unterschiedlich häufig verkauft, doch dieses Problem dürfte
> durch den neuen (vom Verein selbst gewollten) Trend zu
> "leicht, locker, luftig" zugunsten der Ladenkasse erledigt
> sein. Der Preis passt sich so windschnittig seinem
> Vertriebsweg an."
Der Trend zu "leicht, locker,luftig" geht auf den Kunden zu. Warum ist Carcassonne erfolgreicher als Torres? Weil mehr Menschen Zugang zu Carcassonne finden als zu Torres. Wer viel spielt möchte, fast natürlich, höhere Herausforderungen. Die soll er auch bekommen, aber für jemanden, der nicht viel spielt, wird die Herausforderung leicht zur Überforderung.
> "Wenn der Verein aber mit dem Preis tatsächlich in erster
> Linie noch immer das Kulturgut Spiel fördern will, dann sind
> ... Veränderungen einfach unvermeidbar.(...) Der massenhafte
> Verkauf eines Spiels .... ist doch keine Förderung, sondern
> eher eine Behinderung der Spielidee."
Nun, das ist die Haltung von Menschen, die sich in einem Spezialgebiet der elitären Schicht zugehörig fühlen und oft genung den Kontakt zum "Normalvolk" verloren hat (Welcher Literaturpapst kannte bei der SKL-Show Harry Potter nicht?). Was dabei herauskommt sieht man besten beim Film: der Film bekommt das Prädikat besonders wertvoll und kaum einer will ihn sehen. Hier stellt sich die Frage, was ist Kulturgut und was ist Förderung? Will ich ein Medium fördern, gilt es zuerst, die Berührungsängste abzubauen. Filme wie Herr der Ringe oder Harry Potter locken Millionen und fördern damit Film- und Kinokulter. Bei Spielen geht es eben besser mit Carcassonne als mit Euphrat & Tigris (um beim selben Verlag zu bleiben).
> "Der Preis in der jetzt praktizierten Form ist eine
> optimierte, kommerzielle Veranstaltung. Dass die Juroren
> hektisch mit dem Fähnchen "Kulturgut" wedeln, ändert daran
> gar nix."
Langsam, langsam... dazu muss man sich zunächst einmal die Struktur erfolgreicher Preise anschauen. Es gibt drei Arten: die erste ist der Preis, der selbst nur gering dotiert ist, aber weitgehende wirtschaftliche Folgen hat (bekanntestes Beispiel ist der Oscar). Dann gibt es den rein idellen Preis, manchmal mit einer kleinen Dotierung. Die Preise sind oft begehrt, weil man mit Ihnen seine Kompetenz belegt bekommt. So etwas kennen wir von DSP. Zum Schluss gibt es ganz einfach hoch dotierte Preise, die jeder wegen des Geldes gerne nimmt. Solch eine Struktur ist recht selten.
SdJ ist eine Auszeichnung der ersten Kategorie. Natürlich hängt davon kommerzieller Erfolg ab, nur muss man genau schauen: das liegt nicht am Preis sondern an seiner Vermarktung. SdJ ist ein Preis, der in die Presse kommt (sogar in den Videotext), das schafft sonst nur noch die Spiel in Essen (Nürnberg auch, ist aber nicht nur Gesellschaftsspiel).
Ohne das Spiel des Jahres würde es weit weniger Aufmerksamkeit für Spiele geben. Und auch keine geförderten Projekte wie das Spielearchiv. Dabei brauchen wir im Internet gar nicht bis dorthin zu schauen, Luding liegt uns vermutlich näher.
Wolfgang (liest erst nach der Erstellung dieses Texte andere Reaktionen - Sandra, bitte melden!)